„28 years later“ (2025) gehört sicherlich zu den überraschendsten Horrorfilmen des vergangenen Jahres, und nicht nur deshalb, weil die Fortsetzung von „28 days later“ (2002) und „28 weeks later“ (2007) erst mit 18 Jahren Verspätung in den Kinos gelandet ist. Regisseur Danny Boyle, bekannt für seine digitale Ästhetik, die er meistens zusammen mit Kameramann Anthony Dod Mantle kreiert, packt in den dritten Teil der Horrorfilmreihe ein Sammelsurium an skurrilen Bildern hinein. Zombies, die in Infrarot aufgenommen werden, Headshots, die in einer „Mortal Kombat“ ähnlichen Gaming-Ästhetik inszeniert werden, Nachtaufnahmen mit Bildern wie von einem Apple-Bildschirmschoner, die mit Richard Wagner unterlegt werden, und Alpha-Zombies mit riesigen Penissen sind nur die Spitze des Eisbergs. Der verborgene Rest besteht hauptsächlich aus Ralph Fiennes und seinem Totempfahl aus Totenköpfen.

Kritik von Pascal Ehrlich

Der vierte Teil der Reihe, „28 years later: The Bone Temple“, eine direkte Fortsetzung von „28 years later“, der ebenfalls mit einem Cliffhanger endet, wird nun jedoch von Nia DaCosta inszeniert. Kann die Regisseurin von „Candyman“ (2021) den ästhetischen Exzess des Vorgängers weiterführen? Denn auf plottechnischer Ebene lässt Alex Garlands Drehbuch zu wünschen übrig.

„The Bone Temple“: Zwischen Sozialdarwinismus und Humanismus

„The Bone Temple“ beginnt mit Protagonist Spike (Alfie Williams), der von einer marodierenden Truppe, die sich die Jimmys nennt, gefangen genommen worden ist. Die Jimmys tragen lange blonde Perücken als Verweis auf den bekannten britischen Radiomoderator Jimmy Savile, dessen Vermächtnis darin besteht, dass Scotland Yard ihn „den schlimmsten Sexualverbrecher in der Geschichte des Landes“ nannte.

Der Anführer der Jimmys ist Sir Lord Jimmy, gespielt von Jack O’Connell. Er ist Satanist und glaubt, dass der Herrscher der Hölle direkt zu ihm spricht. In der anderen Storyline dürfen wir Ralph Fiennes, den wir schon im letzten Film als Dr. Ian Kelson kennengelernt haben, dabei zusehen, wie er sich mit einem Alpha-Zombie anfreundet. Der riesige Hüne, den er liebevoll Samson getauft hat, wird mit Hilfe eines Cocktails aus verschiedenen Beruhigungsmitteln ruhiggestellt, und es scheint so, als ob er wieder eine Art von Bewusstsein entwickelt.

Die Gegenüberstellung scheint klar: Auf der einen Seite die Jimmys, die Sozialdarwinismus leben und diesen mit Theologie begründen, und auf der anderen Seite der humanistische Arzt Kelson, der die Zombies als Lebewesen wahrnimmt und versucht, sie zu retten. So weit, so gut – doch anstatt dass „28 Years Later: The Bone Temple“ das durch die zumindest im Ansatz interessanten Widersprüche eröffnete Kontrastfeld bespielt, erhält man recht zusammenhangloses Stückwerk.

Den Jimmys und vor allem ihrem Anführer Sir Lord Jimmy fehlt eine gewisse Tiefe, um als Antagonisten zu funktionieren. Jack O’Connells Performance als psychopathischer Kultführer hat man heutzutage schon zu oft gesehen. Im Endeffekt sind jedoch die interessanten Aspekte – Satanismus, Kirchen- und Religionskritik sowie Sozialdarwinismus – nur behauptet und verschwinden letztendlich hinter dem „reinen“ Bösen, das Sir Lord Jimmy verkörpert.

28 years later bone temple 2

Ralph Fiennes als Jesus- und Heilsbringer funktioniert deutlich besser; schon im ersten Teil ist er die interessanteste Figur. Er bekommt auch die skurrilsten und damit eindrücklichsten Szenen des Films. In einer Montagesequenz, unterlegt mit Duran Duran und an klassische RomComs angelehnt, tänzelt Fiennes im Unterhemd, den Körper mit Jod eingeschmiert, um den unter Drogen gesetzten Alpha-Zombie Samson herum. Es sind diese absurden Szenen, die den ersten Teil sehenswert gemacht haben und dem zweiten Teil fehlen.

Die Ästhetik von „The Bone Temple“ wiederum ist deutlich bodenständiger – verschwunden sind die Infrarotbilder, die Headshots in Slow-Motion und die brutalen Tötungen durch die Alphas. Stattdessen bekommt das Publikum eine recht durchschnittliche Geschichte, die sich mehr nach einem Übergangsfilm anfühlt. Der dritte Teil ist schon in Arbeit und wird voraussichtlich wieder von Danny Boyle gedreht. Selbst die beeindruckendste Szene des Films, in der Fiennes zu Metallica tanzt und eine Feuershow abliefert, die durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlässt, verliert retrospektiv an Strahlkraft, da es lediglich darum geht, Leute hinters Licht zu führen.

Fazit

Schlussendlich bleibt von einem unausgeglichenen, aber zumindest mit konfrontativem Exzess angereicherten ersten Teil nicht viel übrig. „28 Years Later: The Bone Temple“ vermischt Jesusbilder, britische Popkultur und Zombies miteinander, ohne dass daraus ein tatsächlicher Mehrwert entstehen kann. Man kann nur darauf hoffen, dass mit dem dritten Teil der Horrorreihe zumindest die Ästhetik wieder aufgegriffen wird.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(57/100)

„28 Years Later: The Bone Temple“ ist seit 15.1.2026 im Kino zu sehen.

Kritik zum Vorgänger „28 Years Later“

Bilder: (c) 2024 CTMG, Inc.