Am 25.9.2025 startete Paul Thomas Andersons neuer Film „One Battle After Another“ in den Kinos, gegen Jahresende erschien er auch im Heimkino. Darin erzählt er die Geschichte von Bob Ferguson (Leonardo DiCaprio), der Mitglied einer Widerstandsgruppe ist, dort eine Frau kennenlernt, mit der er ein Kind zeugt – und sechzehn Jahre später vor den Gefahren aus der Vergangenheit fliehen muss. Der Film hat eine Laufzeit von 162 Minuten und beeindruckt nicht zuletzt durch skurrile Charaktere und eine Verfolgungsjagd, die in die Geschichte eingehen wird. Bei der Oscar-Verleihung am 15.3.2026 wurde das Werk 6 mal prämiert, unter anderem als Bester Film.

Analyse von Richard Potrykus

Schon vor dem offiziellen Kinostart sorgte der Film für Furore. Der Trailer versprach einiges und Filmgrößen wie Steven Spielberg und Martin Scorsese attestierten schnell, dass hier einer der Filme des Jahres zu sehen sei. Doch, was macht ihn so besonders, dass er über den grünen Klee gelobt wird? In diesem Text wird versucht, Antworten auf diese Frage zu bekommen.

Dafür wird “One Battle After Another” auf eine besondere Weise betrachtet und über diese werden Rückschlüsse auf einzelne Momente gezogen. Von daher werden die einzelnen Momente nicht groß in die Handlung eingeordnet. Es gilt nicht, den Film nachzuerzählen, sondern den Gedanken des Textes auf den Film anzuwenden. Dementsprechend wäre es sogar möglich, den Text zu lesen, wenn die Sichtung des Films noch aussteht.

Mensch – Maschine

In seiner “Abhandlung über die Methode” beschreibt der Philosoph René Descartes im 17. Jahrhundert den Aufbau lebender Körper (Mensch und Tier) und vergleicht deren Bestandteile und Funktionen mit hypothetischen Automaten. Er kommt zu dem Schluss, dass viele dieser Funktionen bei Mensch und Tier identisch sind. Damit stellt der Philosoph beide Gruppen bis auf weiteres auf die gleiche Ebene. Descartes formuliert ferner, dass es durch diese sehr ähnliche Bauweise denkbar wäre, Maschinen zu konstruieren, die ebenfalls über diese Funktionen verfügten.

Gelänge dies, wäre eine Unterscheidung zwischen Mensch/Tier und Maschine kaum möglich. Dann allerdings unterscheidet der Philosoph doch zwischen den Gruppen und hierarchisiert sie, indem er das Element der Vernunft einführt und konstatiert, selbige gäbe es ausschließlich beim Menschen. Descartes verdeutlicht diese Hierarchie anhand des Sprechaktes.

In der reinen Funktion des Sprechens können Menschen Laute artikulieren, wie auch manche Tiere (bspw. Papageien) Laute artikulieren können. Schaffte man es, die Funktion auf eine Maschine zu übertragen, so könnte sich auch diese wie ein Mensch verständigen.

Die Vernunft allerdings ermöglichte es, echte und damit kreative Gespräche zu führen, Gedanken zu formen und in Worte zu übertragen. Und genau da setzt Descartes die Unterscheidung an. Papageien können zwar menschliche Laute kopieren, vermögen es aber nicht, eigene Bedürfnisse auf diese Art zu kommunizieren, und auch Maschinen -und an dieser Stelle sind nicht Descartes Vorstellungen, sondern moderne, real existierende Apparate gemeint- können nur das ausdrücken, was zuvor über Algorithmen oder mechanische Triggerpunkte angelegt wurde.

Ein echtes Bewusstsein gäbe es indes nur beim Menschen und es ist genau dieses Bewusstsein, dessen Existenz Anderson in “One Battle After Another” immer wieder hinterfragt, indem er die Figuren mit der Herausforderung konfrontiert, sich das Menschsein zu erarbeiten.

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Leonardo di Caprio in „One Battle After Another“

Der Mensch – Mehr als ein Apparat

Beispielsweise sind nach einem Gasangriff auf ihn Bobs (Leonardo DiCaprio) Augen verletzt. Das Sehen, einer der elementaren Sinne, fällt ihm schwer. Er muss sich eine Sonnenbrille aufsetzen, um als Mensch weiter funktionieren zu können. Sein Geisteszustand ist ihm dabei keine Hilfe. Jahre des Drogenkonsums haben ihm ordentlich zugesetzt und es scheint immer so, als wäre er mit der Kontrolle über seinen eigenen Körper überfordert. Seine Bewegungen sind grob und scheinen keine geplanten Prozesse zu sein, sondern brachiale Reaktionen auf die Stimulation von Nerven.

Auch Colonel Lockjaw (Sean Penn) kann davon ein Lied singen. Nervöse Lippenbewegungen und ein Gang, der vermuten lässt, es mangelte an Gelenken in den Beinen, wirken befremdlich. Dazu präsentiert Penn stets einen Gesichtsausdruck, der zwischen leicht dümmlich und von Aggression übermannt pendelt.

Anderson präsentiert hier eine rudimentäre Körperlichkeit, die in der Tradition der damals noch hypothetischen Maschinen von Descartes zu stehen scheint, wenngleich der Philosoph über seine Maschine mit einer gewissen Anerkennung fantasierte, während Bob und Lockjaw als rückschrittlich und defekt erscheinen.

Besonders abstrus und zudem gesellschaftlich relevant wird es in der Einstellung, in der eine hochschwangere Perfidia (Teyana Taylor) auf einem improvisierten Schießstand ein ganzes Magazin verpulvert. Das passt nicht zusammen.

Die westliche Gesellschaft weiß um die Bedeutung einer werdenden Mutter und je nach Nation gibt es juristisch verankerte Schutzmechanismen, z.B. verpflichtend einzurichtende Ruheorte in Betrieben, die für werdende Mütter vorgesehen sind, um ihnen in dieser anspruchsvollen Zeit so viel Ruhe und Komfort wie möglich zu bieten. Derlei Dinge sind das Ergebnis von kultureller Entwicklung, komplex geführten Diskussionen und damit eine Leistung des Verstandes, ergo Leistung des Bewusstseins.

Nun jedoch eine schwangere Frau zu sehen, die ein tödliches Instrument unmittelbar neben ihren Bauch hält und über eine lange Zeit ohrenbetäubenden Lärm erzeugt, was sowohl in ihrem eigenen Körper als auch dem des Ungeborenen unnötigen Stress verursacht, widerspricht den zuvor beschriebenen Errungenschaften. Und dass der werdende Vater daneben sitzt und nicht interveniert, setzt dem ganzen die Krone auf.

Kann Perfidia geschwängert werden und ein Kind austragen? Ja, das kann sie. Kann sie sich noch bewegen, diverse Tätigkeiten ausüben, sich auf bestimmte Art mitteilen und sogar eine Schusswaffe bedienen? Auch dies ist möglich. Sollte sie das allerdings machen? Nun, in einem Löwenrudel sind die Weibchen für die Jagd verantwortlich und auch trächtige Weibchen sind daran beteiligt.

In „One Battle After Another“ ist Perfidia Kämpferin der linksradikalen Widerstandsgruppe French 75 und in dieser Funktion zieht sie sich nicht zurück, sondern trainiert weiter ihre Schießfähigkeiten, um für den Einsatz bereit zu sein. Sie gleicht darin mehr dem trächtigen Löwenweibchen und weniger der werdenden Menschenmutter.

Im Weiteren Verlauf des Films wiederholt sich diese Einstellung, indem Perfidias Tochter Willa (Chase Infiniti), ohne dabei schwanger zu sein, in der gleichen Position gezeigt wird. Die äußeren Umstände zwingen sie dazu. Willa ist abseits der French 75 aufgewachsen, weiß nur wenig über die Vergangenheit und nimmt Karateunterricht. Setzt man diese Kampfsportart dem Gebrauch von Schusswaffen gegenüber, so ist Karate als höher entwickelt anzusehen. Karate beschränkt sich nicht nur auf den Gebrauch des Körpers als Maschine, so wie Schusswaffen eine rein mechanische Angelegenheit bedeuten, sondern nutzt über eine philosophische Ebene auch das Bewusstsein des Menschen und damit das Menschsein an sich. Willa erfährt also einen Rückschritt, indem sie auf diese tierisch anmutende Aggression zurückgreifen muss.

Und wenn schon von schwangeren Frauen die Rede ist, dann ist allgemein das Thema Fortpflanzung nicht weit. Obwohl sich auch Menschen fortpflanzen, so haftet dem Geschlechtsverkehr immer auch etwas Tierisches an und nicht zuletzt sind es gerade Tierdokumentationen, die nie ohne den Akt der Reproduktion auskommen. Egal, um welches Tier es sich handelt und was insgesamt der Aufhänger der Dokumentation ist; an irgendeiner Stelle kommt es unter Garantie zum Geschlechtsverkehr (Ausnahmen vorbehalten).

Und es ist dieses Element, welches Tier und Menschen über das Bewusstsein hinaus verbindet und welches das Bindeglied zwischen den einzelnen Ebenen darstellt, über die der Film seine Erzählung transportiert.

Let’s talk about Sex

Sexualität und Sexualisierung sind von Anfang an Bestandteil von „One Battler After Another“. Schon beim ersten Aufeinandertreffen zwischen Lockjaw, Kommandant eines Internierungslagers für Immigrant*innen, und Perfidia kommt es zu einer sexuellen Spannung. Sie überrascht den Soldaten im Schlaf und richtet ihre Waffe auf ihn.

Sie weckt ihn, stellt klar, wer sie ist und in welcher Situation sie sich befinden und befiehlt ihm dann, eine Erektion zu bekommen. Obwohl es überhaupt nichts mit der Situation zu tun hat, verlangt sie von ihm die ultimative tierische Aktion, nämlich die Vorarbeit für die Fortpflanzung. Perfidia dominiert hier die Situation klar und konstatiert eine hierarchisch überlegene Position. Der unterlegene Lockjaw muss sich damit abfinden, dass Perfidia in mehrfacher Hinsicht in sein Revier eingedrungen ist.

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Sean Penn als Kommandant Lockjaw

Gleichzeitig wird der Soldat entmannt, indem die Frau die Kontrolle über seinen Penis übernimmt. Diese initiale Handlung von „One Battle After Another“ bildet den Ausgangspunkt für alles, was danach geschieht, denn die Erektion ist nicht das einzige, was hier geschieht.

Im wahrsten Sinne des Worten versteift sich Lockjaw auf Perfidia. Er wird ihr nachstellen und versuchen, sie mit aggressiven Mitteln zu besteigen. Das Moment der Entmannung ist dabei so stark, dass der Soldat sogar masturbieren wird, wenn sie sie nur sieht. Schließlich wird er bemerken, dass Perfidia und Bob ein Paar bilden. Erneut ähnelt das Verhalten dem in einer Tierdokumentation und es zum Revierkampf kommen.

An dieser Stelle wird es kompliziert. Mit Lockjaws Ansinnen sind nicht alle einverstanden, denn neben tierischen Balzverhalten ist vor allem eines im Film präsent, nämlich Rassismus. Auch dieses Element zieht sich durch den Film, angefangen bei dem bereits genannten Internierungslager über eine geheime Organisation, die sich eine weiße Rasse wünscht, bis hin zur Frage, wie viel das Leben des eigenen Kindes wert ist, wenn in einem durch Vergewaltigung gezeugten dunkelhäutigen Körper auch das Erbgut eines weißen Mannes vertreten ist – entmenschlichende Sprache und stereotype Unterstellungen inklusive.

Fehlendes Bewusstsein in Organisationen

Anderson sieht das Tierische in allen Teilen der Gesellschaft, die er portraitiert. Anfangs erscheint der linke Widerstand der French 75 noch integer. Sie bilden eine Art Anti-ICE, nutzen ihre Körper und setzen ihre Leben aufs Spiel für ein höheres Ziel. Doch schon bald verliert die Aura an Strahlkraft, wenn nämlich das Ziel in den Hintergrund rückt und die Extase des Moments, sowie Gewalt übernehmen. Und so schiebt Perfidia das Bewusstsein um ihre Schwangerschaft in der Szene auf dem Schießstand beiseite und passt sich auch nach der Geburt nicht an.

In dem bereits erwähnten Löwenrudel erfolgt die Aufzucht in der Gemeinschaft der Löwinnen. Bei Perfidia und den French 75 ist das anders. Während Bob sein Bewusstsein auf die neue Familiensituation konzentriert, ist Perfidia ständig unterwegs. Eingangs wirkt es wie eine postnatale Depression und stellt sich dann als Rastlosigkeit und eine Art Entzug heraus. Darauf angesprochen erklärt die Mutter, dass das Leben nicht mehr normal sei und dass sie nicht in dieses neue Leben passe.

Perfidia schafft es nicht, die eigene Existenz zu abstrahieren, sich selbst aus dem Mittelpunkt herauszunehmen und auf das Baby zu konzentrieren. Der Regisseur inszeniert das Netzwerk der French 75 als einen Organismus, der unter bestimmten Voraussetzungen agiert, der im Sinne Descartes über Funktionen verfügt, die für Zwecke eingesetzt und über ein Reiz-Reaktions-Schema beschrieben werden können. Genauso wie es im Christmas Adventurer Club, jener geheimen Rassisten-Organisation, Triggerpunkte gibt, die Handlungen motivieren, gibt es auch hier Impulse, die in konkreten Konsequenzen münden. Das Bewusstsein wird dabei außen vor gelassen.

Ebenfalls in der “Abhandlung”, jedoch an anderer Stelle, nennt Descartes seinen berühmten Satz “Ich denke, also bin ich” und meint damit das Denken als bewussten Akt, der das Menschsein definiert. Daraus folgt, dass Menschen immer denken (können), weil sie ansonsten keine Menschen wären. In diesem Sinne wirken die Telefonate Bobs, in denen er sich nicht an alle Einzelteile eines Passworts erinnern kann, unfreiwillig komisch. Die French 75 sind dermaßen in ihren tierischen Kontrollmechanismen gefangen, dass sie auch in höchster Not nicht kreativ reagieren können, wenn nicht alle Punkte des Protokolls abgearbeitet werden. Echte menschliche Verzweiflung, ein Moment extremen Bewusstseins, kann hier nichts ausrichten, weil eine Seite, die Organisation, das nicht verarbeiten kann.

Damit ist “One Battle After Another” mehr als nur ein Titel und gegebenenfalls eine abgeschmackte Redewendung. Der Ausdruck spricht vom fortwährenden Prozess der Menschwerdung, bei dem es einerseits gilt, mittels Bewusstsein über das rein Funktionelle hinauszugelangen, und wo es andererseits auch darum geht, größer zu denken und damit die Komplexität unserer Zeit zu bändigen. “One Battle After Another” ist hochkomplex und präsentiert sich sowohl auf erzählerischer Ebene als auch in seiner Ästhetik auf höchstem Niveau.

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Bilder: (c) Warner Bros.