Gore Verbinski ist ein seltsamer Regisseur in der Blockbuster-Landschaft Hollywoods. Nach seiner kommerziell wie auch kritisch erfolgreichen Fluch-der-Karibik-Trilogie (2003-2007) dreht er den Animationsfilm „Rango“ (2011), den man als Acid-Western definieren könnte. Kein Genre, das mit dem Animationsfilm assoziiert wird und darüber hinaus ein Nischengenre, welches hauptsächlich Jodorowsky-Fans anzieht. Trotzdem gewinnt er für „Rango“ den Academy Award für Besten Animationsfilm und dreht danach den (zu Unrecht) kritisierten Western „The Lone Ranger“ (2013).
Kritik von Pascal Ehrlich
Seine Blockbuster entstehen in einer Zeit vor der großen MCU-Flut und der damit einhergehenden Seuche des Meta-Humors. „Rango“ spielt sicherlich auch mit Anspielungen und Hommagen an das Westerngenre, doch ein offensichtliches Augenzwinkern oder übertriebenes Kopfnicken an das Publikum bleibt aus. Die Action-Setpieces sind verspielter und spektakulärer, wollen nicht mit Bombast überwältigen, sondern durch die Inszenierung. Man muss nur den Endkampf in „Avengers: Endgame“ (2019) mit der finalen Schlacht aus „Fluch der Karibik: Am Ende der Welt“ (2007) miteinander vergleichen. Ersterer möchte mit seiner schieren Größe überzeugen, bietet jedoch nicht viel mehr als ein überdimensionales Schlachtfeld; letzterer lässt zwei riesige Schiffe in einem Malstrom gegeneinander antreten, während der Schlacht wechseln die KämpferInnen immer wieder von einem Boot zum anderen und es findet noch dazu eine Hochzeit statt – Absurd? Sicherlich! Aber deutlich unterhaltsamer und kreativer.
Verbinski ist ein Regisseur des Spektakels. Er trennt das Bild von der Realität oder besser noch von dem Realismusanspruch, dem selbst Filme des MCU gehorchen. Die physikalischen Gesetze existieren in seinen Filmen nicht – siehe Zug-Sequenz in „The Lone Ranger“. Der Pakt zwischen Publikum und Film, der auf dem Prinzip des Suspension of disbelief beruht, wird in Verbinski-Filmen hochgehalten. Die Filme verlangen das Paradoxon der bewussten Selbsttäuschung.
Nach acht Jahren (sicherlich auch Coronapandemie-bedingt) kehrt Gore Verbinski mit seinem Film „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ (2026) zurück in die Kinos. Sam Rockwell reist aus einer dystopischen Zukunft, in der die Menschheit von einer AI abhängig geworden ist, zurück in die Vergangenheit, um die Entstehung eben jener zu verhindern. Dazu rekrutiert er zufällig ausgewählte Menschen aus einem Diner. Der Film beginnt auch direkt mit dieser Szene – ungewöhnlich für einen Verbinski-Film, der nicht für seine Kürze bekannt ist. Sam Rockwell dient als Expositionsvehikel und erklärt den Gästen und dem Publikum die Prämisse des Films. Es ist der Prolog, die Textzeilen, mit denen Star Wars beginnt, vorgetragen von einem energetischen Sam Rockwell. Und wie fast jeder Verbinski-Film ist diese Szene übertrieben in die Länge gezogen, so dass selbst die Performance die anfängliche Spannung nicht halten kann.
Natürlich findet sich – eher widerwillig – eine kleine Gruppe an MitstreiterInnen, deren Lebensgeschichten im Laufe des Films beleuchtet werden. Die Vergleiche dieser Vignetten mit halbausgegorenen „Black-Mirror„-Episoden sind durchaus treffend. In kurzen Abschnitten werden verschiedenste Diskurse miteinander verwoben und durcheinander geworfen: Teenager und Smartphonesucht, Institution Schule, Technologie-Allergie, Virtual Reality, School-Shootings und AI-Klone. Doch bleibt hier, auch bedingt durch die Kürze dieser Vignetten, alles sehr oberflächlich, unterkomplex und veraltet. Der Begriff Smombie war schon 2015, bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres, überholt. Auch riesige AI-Katzen, die Glitter versprühen, wirken in der Zeit von Italian Brainrot, Mini-Drams und AI-Slop beinahe antik. Es fühlt sich mehr nach einem TED-Talk an, bei dem der Sprecher nur in Keywords kommuniziert. Es ist ein Diskursfilm, der es nicht schafft, seine Themen produktiv zu verarbeiten.
Dazu kommt, dass der Film fürchterlich konservativ ist, in seiner, natürlich absichtlich überzogenen, Diagnose des Zeitgeistes. Ein gewisser Kulturpessimismus ist in einer Zeit, in der bekannte Schauspieler in der Öffentlichkeit Kunstformen wie das Ballett oder die Oper zum Sterben verdammen, sicherlich angebracht. Doch die Antworten des Films auf diese gesellschaftlichen Entwicklungen sind purer Zynismus und langweilige Satire – Zynismus als Reflex eines Bewältigungsmechanismus. Die ZynikerInnen bauen sich einen Schild aus der Pose des Durchschauens; ähnlich wie die VerschwörungstheoretikerInnen glaubt man die Probleme durchschaut zu haben und ergibt sich einer Alternativlosigkeit, die Zynismus produziert.
„Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ ergibt sich diesem Zynismus, und das Groundhog-Day-Konzept der Zeitreise erzeugt ihn dabei nicht nur als Haltung, sondern strukturell: Sam Rockwell ist schon hunderte Male in die Vergangenheit gereist, um die Zukunft zu retten. Durch diese ständige Wiederholung sind Menschenleben für ihn austauschbar geworden. Einige der Figuren werden im Film völlig grundlos bzw. für einen kurzen Lacher umgebracht. Doch wohin führt dieser Zynismus? Er bietet keinen Ausweg, keine Möglichkeit für Transgression, weil alles ausweglos scheint, so dass eine Rebellion von Anfang an zum Scheitern verdammt ist.
Fazit
Man merkt „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ sein Budget an. Es ist ein verhältnismäßig kleiner Film, der aber Größe vortäuschen möchte. Doch die Art und Weise, wie hier Diskurse angesprochen werden, ist nicht nur veraltet und oberflächlich, sondern auch konservativ – vergleichbar mit den Massenhysterien, die es zu jeder technologischen Erneuerung gegeben hat. Gore Verbinskis aufrichtiges Spektakelkino musste leider einem langweiligen Diskurskino weichen.
Bewertung
(55/100)
„Good luck, have fun, don’t die“ – seit 12.3.2026 im Kino.
Bild: Briarcliff Entertainment / Constantin Film
