Als AppleTV+ vor drei Jahren mit „Silo“ an den Start ging, präsentierte der Streamingdienst eine Serie, die von einer Gesellschaft erzählt, die sich in einer dystopischen Welt zurechtfinden muss. Das Besondere daran ist, dass die Serie das dystopische Szenario konkretisiert und detailliert untermauert. So verbindet „Silo“ die klassische Erzählweise des Dramas mit dem Subgenre der Hard SciFi und schafft eine glaubhafte Welt, die ohne zauberhafte Zukunftstechnologien auskommen muss und sich der gesamten Komplexität der gegebenen Welt zu stellen hat.
von Richard Potrykus
Gezeigt wird in „Silo“ eine Erde, von der es heißt, sie wäre unbewohnbar, weshalb sich die (überlebenden) Menschen in einen unterirdischen Bunker, Silo genannt, zurückgezogen haben. Dort haben sie eine neue Gesellschaftsordnung etabliert, inklusive einer Gewaltenteilung und ausgeklügelter Hierarchien.
Im Zentrum der Geschichte steht dabei die Mechanikerin Juliette Nichols (Rebecca Ferguson, „A House of Dynamite“, „Dune Part II“). Sie ist nicht nur Protagonistin, sondern auch Störfaktor, als sie wider Erwarten die Karriereleiter hinaufklettert und so die Hierarchien im Silo durcheinanderbringt. Als sie dann noch anfängt, die Gesetze des Silos zu hinterfragen, ist die Unordnung vollends etabliert.
Ihr zur Seite stehen eine Reihe interessant besetzter Charaktere, wie etwa Bernhard Holland (Tim Robbins, „Die Verurteilten“), Robert Sims (Common, „John Wick: Kapitel 2“) oder auch Pete Nichols (Iain Glen, „Game of Thrones“). Sie alle übernehmen nicht nur dramatische Rollen, sondern auch kritische Funktionen im Silo und bilden zentrale Schnittstellen in der Organisation.
Die Welt von „Silo“: Dicht und greifbar
Die ersten beiden Staffeln über wird die Serie stringent erzählt. Das Publikum wächst mit den Figuren und erfährt nach und nach, wie das Leben im Silo funktioniert. Was gänzlich im Ungewissen bleibt, sind die Ursprünge. Der Pakt, jenes Gesetzbuch, in dem für alle Eventualitäten Vorgehensweisen verzeichnet wurden, stammt noch aus der Anfangszeit des Silos. Er wurde von den Gründern geschrieben. Wer diese Gründer waren und wie es zu dem Pakt kam, wird nicht erklärt.
Zwar erfährt das Publikum immer wieder über Alltagsgegenstände und Mahnungen, dass es eine Zeit vor dem Silo gegeben hat, doch spielen die Ereignisse von einst für die Gegenwart keine Rolle.
Es ist eine große Stärke der Serie, die Vergangenheit über zwei Staffeln hinweg nur als Phantom existieren zu lassen, da das Publikum so die gleichen Erfahrungen machen kann wie Juliette und die übrigen Figuren der Serie. Die Welt von „Silo“ ist Mikrokosmos und Makrokosmos zugleich und zeigt auf, wie krass die Auswirkungen sein können, wenn den Menschen nach und nach Wissen vorenthalten und Entscheidungen abgenommen werden.
Die Welt wird zum Abbild ihrer selbst, nur unter veränderten Vorzeichen. Und egal, unter welch edlen Motiven die sogenannten Gründer auch gehandelt haben mögen, gerade die zweite Staffel von „Silo“ zeigt auf, dass die Konsequenzen von Zensur und Limitierung immer gleich sind.
Was ist real und was die Alternative?
Der französische Philosoph Jean Baudrillard hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Wirklichkeit und Täuschung befasst und dabei das Konzept der Hyperrealität entworfen. Wenn nämlich die Welt nach und nach durch Täuschungen ersetzt und alle Prozesse auf diese Täuschungen abgestimmt werden, entsteht das, was Baudrillard Hyperrealität nennt. Die Welt im Silo ist solch eine Hyperrealität.
Für die Serie ist dieses Konzept Fluch und Segen zugleich. Einerseits verlangt das kontinuierliche Schauen der Folgen nach Antworten und das Publikum, welches weiß, dass es eine Serie schaut, weiß auch, dass es produktionstechnisch möglich wäre, mehr Informationen preiszugeben. „Silo“ spielt augenscheinlich in einer zeitlich nicht näher definierten Zukunft und natürlich können sich die Zuschauer*innen fragen, wie es dazu gekommen ist, dass die Menschen in den Untergrund fliehen mussten. Man kennt schließlich das Jetzt, weiß um die Konflikte, aber nichts davon rechtfertigt den Betrug an der Menschheit und eine neue Schöpfungsgeschichte.
Andererseits ermöglicht die Hyperrealität in „Silo“ das hohe Maß an Authentizität und zeigt eindrücklich, dass die menschliche Kreativität nicht gebändigt werden kann, egal wie hoch das Maß an Täuschung und Zensur auch sein mag. Die Intros der Staffeln sind dafür bezeichnend. Schemenhaft wird doch das Innere des Silos gezeigt und man weiß nie recht, ob es einem Getriebe oder doch einem DNA-Strang gleicht. Ist es also eine Maschine, in der die Menschen gefangen sind, oder ähnelt es an einen Organismus und damit etwas Lebendiges, was von den Menschen möglicherweise beeinflusst werden kann?
Es dauert bis zum Ende der zweiten Staffel von „Silo“, bis eine neue Sichtweise erschlossen und die Zeit vor dem Silo näher beleuchtet wird. Es ist nur eine Szene, aber sie ist spannend, einerseits, weil jetzt endlich einmal Antworten auf den Tisch kommen können, andererseits, weil auf einmal ein Gegenstand prominent in Szene gesetzt wird, dem bislang als unwesentlich Detail nur wenige Male Aufmerksamkeit geschenkt worden war.
„Silo“ Staffel 3: Wie es nun weitergeht
Nun ist am 3.7.2026 Staffel 3 von „Silo“ angelaufen und der Streamingdienst macht das, was alle Streamingdienste eigentlich machen sollten: Die neuen Folgen erscheinen im Wochentakt und greifen damit die Entschleunigung auf, die in „Silo“ ohnehin Alltag ist.
Ein dramatischer Kniff bringt die Handlung zum Erliegen und verhindert, dass die Hauptfigur Fortschritte machen kann. Gleichsam ist seit dem letzten Staffelfinale einige Zeit ins Land gegangen, wodurch auch das Publikum Mühe hat, die Oberhand zu behalten.
Das ist auf den ersten Blick unrund und fühlt sich falsch an. Doch da die bestehenden Machtverhältnisse zunehmend auf die Probe gestellt werden und sich die Hauptfigur mehr und mehr zu einer Art freien Radikalen entwickelt, wird sie nur schwer in die Hierarchie zu integrieren sein und besitzt somit enormes Potential, sowohl in schöpferischer als auch in zerstörerischer Hinsicht.
Nach der nun angelaufenen dritten Staffel wird es noch eine finale vierte Staffel geben: Dieses wird voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte von 2027 erscheinen.
Bewertung:
Staffel 1 & 2:
(84/100)
Staffel 3 (Ep. 1):
(72/100)
„Silo“ Staffel 3 ist seit 3. Juli 2026 bei AppleTV+ zu sehen.
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Bild: (c) AppleTV

Die Serie will ich auch mal schauen… irgendwann demnächst.