Seit dem 13. Oktober 2026 läuft die vierteilige Doku-Miniserie „Tyson“ von Floyd Russ auf Netflix. Sie erzählt vom Aufstieg, Absturz und Comeback der Boxlegende Mike Tyson und kommt ihm dabei so nah wie kaum ein Porträt zuvor. Genau darin liegen ihre Stärke und ihr größtes Problem. Und was hat Donald Trump in der Doku zu suchen?

Serien-Kritik von Daniel Zemicael

Netflix-Doku zeigt: Mike Tyson ist mehr als nur eine Kampfmaschine

Mike Tyson ist aus der Boxwelt genauso wenig wegzudenken wie aus der amerikanischen Popkultur. Gern wird er als entfesselter Brutalo dargestellt, der sich kaum zügeln lässt. In den sozialen Medien kursieren Videos, in denen er aufdringliche Fans die Zähne ausschlägt. Dass Tyson in den Siebzigern in Brownsville in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs und von Gleichaltrigen gemobbt wurde, wissen die wenigsten. Dass er Tauben liebt und als Kind krankhaft schüchtern war, würde man von der „bösen Kampfmaschine“, als die ihn die Medien gern ausstellten, erst recht nicht vermuten.

Genau dort setzt Floyd Russ‘ Doku „Tyson“ an. Der Protagonist steht in der Serie selbst Rede und Antwort und zeigt sich dabei verletzlich, vor allem, wenn es um die Männer geht, die ihn geformt haben: seinen Entdecker Cus D’Amato, seinen Manager Jimmy Jacobs, seinen Promoter Don King. Den Tod von D’Amato scheint er bis heute nicht verwunden zu haben. Es wird nicht die einzige Träne bleiben, die Mike Tyson in diesen vier Folgen vergießt.

Russ lässt Tyson erzählen und hakt selten nach. „Tyson“ ist ein Porträt aus der Innenperspektive. Das macht die Serie berührend, aber auch blind für alles, was nicht in die Geschichte passt, die Tyson über sich selbst erzählt.

Tyson, der Unbesiegbare

Mit gerade einmal 20 Jahren wird Tyson 1985 Weltmeister im Schwergewicht, und fünf Jahre lang verliert er keinen einzigen Profikampf. Der Junge aus dem Ghetto von Brownsville gilt als neuer Muhammad Ali.

Wie Russ diesen Aufstieg erzählt, hebt die Serie über das bloße Abhaken von Stationen hinaus. Er montiert virtuos Szenen, in denen Momente aus verschiedenen Zeiten schlaglichtartig aufeinandertreffen: Tyson schwächelt in einem Kampf, plötzlich erscheint Cus D’Amato in einem alten Interview und spricht seinem Zögling Mut zu. Der tote Mentor wird zur Stimme in Tysons Kopf. In solchen Momenten ist „Tyson“ mehr als eine Sportdoku.

Der Absturz

Mit Tysons Ehe mit Robin Givens markiert die Serie den Punkt, an dem immer mehr Menschen ein Stück von Tysons Ruhm abhaben wollten. Givens erscheint hier als machthungrige Intrigantin, die sich und ihre Mutter als Tysons Managerinnen etablieren wollte. Dass Givens Tyson ihrerseits öffentlich Gewalt in der Ehe vorwarf, spricht die Serie zwar an, handelt es aber in wenigen Minuten ab.

Auch Donald Trump kommt zu Wort. Er ließ Tysons Kämpfe in seinem „Trump Plaza“ in Atlantic City austragen und wurde zeitweise zu seinem Berater. Die beiden verbindet bis heute eine Freundschaft, und Tyson hat sich öffentlich für Trump ausgesprochen. Diese Verbindung hätte Russ kritisch beleuchten können, stattdessen lässt er sie unkommentiert stehen. Immerhin zeigt eine kurze Szene, wie Trump es nicht lassen kann, sich selbst zu loben.

1992 wird Tyson wegen der Vergewaltigung der damals 18-jährigen Desiree Washington verurteilt und muss mit 25 Jahren für drei Jahre ins Gefängnis. Bis heute beteuert er seine Unschuld, und die Serie gibt ihm Raum dafür. Washington selbst ist nur in Archivaufnahmen zu sehen. Eine Texteinblendung teilt mit, dass sie eine Interviewanfrage der Filmemacher abgelehnt hat. Das ist verständlich: Sie hält bis heute an ihren Aussagen fest, und eine Serie, die über weite Strecken eine Huldigung Tysons ist, bietet ihrer Perspektive kaum einen Ort. So steht Tysons ausführliche Version von heute gegen wenige Bilder von damals. Im heikelsten Kapitel der Serie bleibt vor allem eine Stimme hörbar: seine.

1997 folgt der Moment, durch den Tyson auch den meisten Nicht-Boxfans ein Begriff ist: Im Rückkampf gegen Evander Holyfield beißt er seinem Gegner ins Ohr, und das gleich zweimal. Tyson wird zum Gespött des Landes und gilt fortan als unberechenbar. Drogen werden für ihn zur Normalität, er wird zunehmend selbstzerstörerisch. 2002 verliert er den Titelkampf gegen Lennox Lewis deutlich. Der unbesiegbare Champ taumelt.

Mike Tyson Netflix doku
So kennt man Mike Tyson.

„Hangover“ als Comeback

Als Mike Tyson, körperlich längst angeschlagen, 2005 seinen letzten Profikampf verliert, zieht er sich aus dem Boxgeschäft zurück. Ausgerechnet ein Gastauftritt in der Komödie „Hangover“ (2009) beschert ihm ein unerwartetes Comeback. Er ist wieder in aller Munde.

Am Ende nehmen Regisseur Floyd Russ und Tyson gemeinsam an einer Bufo-Zeremonie teil und geraten in psychedelischen Gefilde. Das sieht man in einer Sportlerdokumentation nicht alle Tage. Zusammenfassend lässt sich sagen: Kein Filmemacher ist Mike Tyson je so nahegekommen wie Russ in dieser Netflix-Doku. Gleichzeitig zeigt die Szene, was der Serie fehlt: Der Regisseur ist hier kein Beobachter mehr, sondern Mitreisender. Diese Nähe ist die Stärke der Doku – und zugleich ihr blinder Fleck.

Fazit

„Tyson“ erzählt in vier kurzweiligen Folgen von Aufstieg, Absturz und Comeback eines Mannes, dessen schwindelerregende Karriere allein schon mitreißt. Die Serie zeigt eindrucksvoll, dass Mike Tyson nicht der stereotype Schläger ist, als den ihn die Medien jahrzehntelang dargestellt haben, und Floyd Russ findet dafür eine starke, assoziative Bildsprache. Doch wo es unbequem wird, bei Robin Givens, bei Donald Trump, bei Desiree Washington, bleibt „Tyson“ eine Fan-Doku. Sie lässt Personen und Aussagen unkommentiert stehen und hinterfragt ihren Protagonisten zu selten.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(65/100)

„Tyson“: Mini-Serie, Doku, 4 Episoden, seit 13.10.2026 auf Netflix.

„Schumacher“: Netflix-Doku über den Formel 1-Star

Unser neuer Autor Daniel Zemicael betreibt auch einen Blog und einen Youtube-Kanal:

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Bilder: (c) Netflix