Wer sich schon einmal einem Film von Großmeister David Lynch gegenüber gesessen hat, weiß, wie sehr ein einzelnes Werk zur Verwirrung beitragen kann. Der Verzweiflung nahe starrt der Zuschauer nach dem Abspann gen Bildfläche und fragt sich, was genau er da gerade gesehen hat. Zu doppeldeutig sind die Handlungsstränge, zu nichtlinear die Verläufe, zu kryptisch die Dialoge. Eine Auflösung wird ebenfalls nicht angeboten, und statt dem sich einstellenden „Aha-Effekt“ macht sich kollektives Stirnrunzeln breit. Diese frustrierende und gleichzeitig ebenso faszinierende Eigenschaft des geliebten Mediums Film schleicht sich immer mehr auch in aktuelle Werke ein, so geschehen bei Netflix‘ neuester Horrorperle, die auf den Namen „Wounds“ getauft wurde. Damit eure Stirnfalten nicht einrasten, haben wir uns an einer Deutung versucht.

von Cliff Brockerhoff

Die offensichtliche Handlung lässt sich schnell zusammenfassen: Als der Barkeeper „Will“ nach einer Schlägerei das Handy eines seiner Gäste aufliest, kann er der Neugier nicht wiederstehen, bereut seine Entscheidung aber postwendend. Die entdeckten Bilder rufen eine Welle von schaurigen Ereignissen hervor, die auch vor der Beziehung zu seiner Freundin „Carrie“ keinen Halt machen. Fortan werden die beiden von Albträumen geplagt und es fällt ihnen zunehmend schwerer, die Realität von der Illusion zu unterscheiden. Besonders Will verfällt nach und nach dem Wahn.

Allusion, Illusion, Konfusion

Eins vorweg: Die offensichtliche Story des Films lässt sich nicht gänzlich dechiffrieren, und ist im Endeffekt auch vollkommen zweitrangig. Viel wichtiger als die visuell dargestellte Ebene ist der Teil, den der Zuschauer nicht sieht. Beginnen wir unsere Analyse mit dem männlichen Hauptcharakter: Will, der gutaussehende Barkeeper aus der amerikanischen Kleinstadt lässt sich durchaus als „Macho“ beschreiben. Der Ausschank von Alkohol an Minderjährige ist für ihn ebenso kein Problem wie lockere Flirts mit seinen Gästen. Dem Hochprozentigen selber nicht abgeneigt entwickelt sich der Protagonist schnell zum Unsympath, was seine Freundin anfangs noch nicht zu tangieren scheint. Nach und nach ist Wills weibliches Pendant aber auch nicht mehr so angetan von den Verhaltensweisen ihres Partners und lässt im Laufe der Handlung einen der ganz entscheidenden Sätze in seine Richtung fallen – sinngemäß: Manchen Menschen sind äußerlich ganz normal, doch im Inneren voller Ungeziefer. Schon vorher hatte sie ihm bescheinigt, dass er „stinkt“. Der Zuschauer soll denken, dass diese Äußerung auf seine Alkoholfahne bezogen ist, im Verlauf erweist sich diese Fährte aber als eiskalt. Und hier wird die Sache interessant.

Schon ganz zu Beginn tauchen Kakerlaken überall da auf, wo Will zugegen ist. Zufall? Mitnichten. Eine Eigenschaft der Schabe ist, dass sich der Befall durch sie erst nach und nach bemerkbar macht, da sich das wahre Ausmaß zu Beginn nicht erkennen lässt. Auf die Beziehung von Will und Carrie projiziert kann nun angeführt werden, dass Will der Schädling ist, dessen Handlungen erst mäßigen, und letztlich beträchtlichen Einfluss auf das Leben seiner Mitmenschen haben. Sind es anfangs noch einzelne Tiere, sehen wir uns in der letzten Szene einer ganzen Armada von Kakerlaken entgegen. Aber warum?

Im Grunde bewegt sich „Wounds“ nur oberflächlich im Horrorgenre, denn die wahre Geschichte ist eine andere. Durch den Einsatz von Metaphern, Allusionen und Symbolen erzählt Babak Anvari, der Regisseur des Films, seinem Zuschauer ein Beziehungsdrama unter dem Deckmantel des Paranormalen. Das gefundene Smartphone ist nicht viel mehr als ein Trigger, der die Metamorphose in Gang setzt und dazu führt, dass Will sein Inneres nach außen kehrt. Mehrmals wird er als „der Auserwählte“ bezeichnet, und durch die Nachrichtenverläufe erfährt der Zuschauer von einem Ritual und einem Tunnel. Alles hat den Anschein, als wenn wir es mit einem typischen Film zu tun haben, dessen Auflösung im Erscheinen eines Dämons gipfelt, den es zu bekämpfen gilt. Den gibt es sogar tatsächlich, allerdings hat er nicht die Gestalt eines gehörnten Reiters, sondern erscheint in Form eines unterdrückten Gefühls in uns allen. Jeder von uns hatte schon einmal negative, wenn nicht gar verächtliche Gedanken. Manche sind im Stande, diese zu bekämpfen, andere verlieren den Kampf und geben sich dem Bösen hin. So auch Will, der in der letzten Szene gar „vollkommen“, also wahrhaftig böse sein will. Bei seinem Opfer handelt es sich um Eric, einer Randfigur, die nach einem Einsatz in Afghanistan und dem anzunehmenden Verlust ihres Kindes ebenfalls mit inneren Dämonen zu kämpfen hat, sich dem Kampf aber stellt und Will ausdrücklich mitteilt, dass er ihn nicht in seiner Nähe wissen will. Zu diesem Zeitpunkt hat der Machtwechsel in Will aber längst stattgefunden, sodass Eric den Kürzeren zieht und „ausgesaugt“ wird.

Ein Licht am Ende des Tunnels

Im Zuge der erwähnten Thematik rund um Rituale und Dämonen wird früh ein Tunnel ins Spiel gebracht, den der Zuschauer zu einem späteren Zeitpunkt zu sehen bekommt. Auch hierbei handelt es sich um eine Metapher. Aufmerksame Beobachter werden gemerkt haben, dass der Ausgang des Tunnels nicht zu sehen ist und sich die Darstellung auf eine nicht enden wollende Strecke begrenzt, die nur langsam voranschreitet. Insbesondere Carrie leidet sehr beim Anblick, was angesichts ihres Zustandes nach Betrachtung nicht schwer zu erkennen ist. Will hingegen ist sofort in der Lage, den Laptop zu schließen und scheint wenig beeindruckt. Die Erklärung dafür ist denkbar einfach: Ein Tunnel ist für viele ein schwerlich zu bestreitender, von Dunkelheit geprägter Weg, der in den meisten Fällen nur einen Ausweg bietet, der nicht selten bei der Begehung noch im Verborgenen liegt. Auf die Beziehung unserer Protagonisten gemünzt handelt es sich also um einen Pfad, den beide anders wahrnehmen. Ist der Verlauf der Beziehung für Carrie qualvoll und ermüdend, macht sich Will keinerlei Gedanken um den Ausgang, der doch unvermeidlich ist: die Trennung. Zu dieser kommt es zwangsläufig, und auch hier ist schnell erkennbar, wer welche Gefühle damit verbindet.

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An dieser Stelle fällt ein weiterer, bedeutender Satz. Carrie berichtet davon, dass sie anfangs enttäuscht und verletzt gewesen sei, nun allerdings nur noch Wut verspüre. Auch sie macht also eine Verwandlung durch, die allerdings in der Erkenntnis mündet, dass die Beziehung nicht mehr zu retten ist. Und apropos Erkenntnis: wer bei Wills Recherche am Laptop genau aufpasst, wird mehrfach den Begriff der „Gnostik“ lesen, der sich vom altgriechischen Wort „Gnosis“ ableitet und nichts anderes als „Erkenntnis“ bedeutet. Der deutsche Forscher Kurt Rudolph hat sich im Jahre 1990 mit den Hauptmerkmalen beschäftigt und benannte hierbei vor allem die Kosmogonie, die vereinfacht ausgedrückt von Dualität handelt. Dem Widerspruch zwischen Licht und Schatten und der Erkenntnis, dass das Böse von Anfang an in der Schöpfung vorhanden war. Dies führt unweigerlich dazu, dass Will seine Freundin verletzt, was wiederum zur Folge hat, dass sie durch die ihr zugefügte Wunde eine andere Geistesebene betritt und erkennen kann, welchen Schaden die Beziehung bei ihr verursacht. Hier schließt sich sowohl der Kreis zum Titel des Films, als auch zu einer weiteren in der Recherche angerissenen Thematik; der sogenannten „Sprache der Wunden“, die es erlaubt, auf eine höhere Ebene des Seins zu gelangen.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Alles in Gang gesetzt durch den harmlos anmutenden Fund eines Mobiltelefons. Warum Anvari diese Herangehensweise wählte und ob sich auch hier eine unterschwellige Botschaft verbirgt, lässt sich nicht abschließend beantworten. Allerdings erscheint es beinahe so, als wenn der Regisseur sich zu einer sozialkritischen Veräußerung seiner Meinung verleiten lässt. Bedenkt man, welchen Stellenwert die tragbaren Telefone mittlerweile in unserer Gesellschaft eingenommen haben, ist es nicht unwahrscheinlich, dass Anvari dies beanstandet und das Handy bewusst als Auslöser auserkoren hat. Persönliche Kommunikation und zwischenmenschliche Werte scheinen immer mehr an Bedeutung zu verlieren und werden abgelöst durch den seelenlosen Austausch von Informationen. Immer und überall griffbereit bietet das Handy Versuchungen ohne Ende und sorgt nicht selten auch in intakten Beziehung für aufkeimendes Misstrauen. Sogar Will bekommt die Nachteile dessen zu spüren, als er nach einer Halluzination am Straßenrand liegt und die Schaulustigen sich gegen die Hilfe und für die schamlose Ablichtung des Vorfalls entschließen.

Fazit: Ganz so verworren wie „Mulholland Drive“ oder „Inland Empire“ ist Netflix neuester Film beileibe nicht geworden, dafür gibt es zu viele konkrete Andeutungen oder gar Benennungen der aufgegriffenen Motive. Die Aufmerksamkeit der Zuschauer ist aber trotzdem elementar, da schon beim Wegfall von ein bis zwei Bausteinen das gesamte Konstrukt in sich zusammenfallen kann. Kombiniert man die Puzzleteile, bleibt ein in sich schlüssiges Werk zurück, das stimmungstechnisch verdammt viel richtig macht und aufgrund seines Mutes zu den besten Filmen gehört, die der Streaminganbieter bis dato zum Vorschein gebracht hat. Die nahezu ausschließlich negativen Bewertungen sind sehr „verwounderlich“, schafft es der Film doch, das Schlechte im Menschen in einer spannenden Geschichte zu portraitieren, die mit einem Zitat von Schriftsteller Joseph Conrad eingeleitet wird und nun hier mit einem anderen Zitat von ihm enden soll: „Der Mensch ist ein bösartiges Tier. Seine Bösartigkeit muss organisiert werden. Das Verbrechen ist eine notwendige Bedingung der organisierten Existenz. Die Gesellschaft ist ihrem Wesen nach kriminell, sonst würde sie nicht existieren.“

Bilder: ©Netflix/Hulu

weiterlesen: Filmanalyse #1: „Wir“

Filmanalyse #2: „Looper“

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