Egal, wo, warum, wie, und in welchem Zustand Johnny Depp auftaucht: Schlagzeilen sind ihm sicher. Waren es früher in erster Linie außergewöhnliche schauspielerische Leistungen, die für Aufsehen sorgten, waren es in den letzten Jahren meist mehr oder weniger reißerische Berichte über kleinere und größere private Katastrophen, die in den News landeten, während künstlerische Großtaten des Stars tatsächlich auf sich warten ließen.

von Christian Klosz

Nachdem Depps neues Filmprojekt „Minamata“ angekündigt worden war, leckten Fans Blut: Endlich konnte oder wollte man auch wieder auf filmisch Aufregendes hoffen, denn die wahre Geschichte um den heruntergekommenen Fotografen Eugene Smith, der mit seinen Aufnahmen aus dem japanischen Minamata einen Industriegift-Skandal aufdeckte, barg nicht nur politische Brisanz. Am Freitag feierte der Film seine Weltpremiere bei der Berlinale 2020, die von einem berauschenden Besuch von Johnny Depp himself in Berlin begleitet war. Trotz diverser Nebengeräusche ob eher deutlich sichtbarer Intoxikationen des Superstars gelang es der Crew und Depp selbst, bei der Pressekonferenz die Bedeutung der Werks herauszustreichen, seine Mitstreiter waren voll des Lobs für ihren prominenten Kollegen, der offenbar die treibende Kraft hinter dem Projekt gewesen war.

Johnny Depp Minamata
Johnny Depp beim Dreh von „Minamata“ als Eugene Smith

Der Film selbst schafft es allerdings nur schwerlich, dieselben Begeisterungsstürme auszulösen wie der Auftritt seines Protagonisten: Hier wechseln sich durchaus betörende Aufnahmen mit trägen Szenenabfolgen, während Johnny Depp in Momenten sein Talent aufblitzen lässt, sich aber den Großteil des Films selbst spielt: Die teils vollkommene Nüchternheit der Erzählweise steht da in einem gewissen Kontrast dazu.

Während das artistische Talent von Kameramann Benoit Delhomme offensichtlich ist, offenbar ein Mann, der sein Handwerk versteht, sucht man danach bei Regisseur Andrew Levitas vergeblich: Inszenatorisch ist der erst zweite Spielfilm des jungen US-Amerikaners bestenfalls Mittelmaß, und vermutlich ist dort das größte Manko von „Minamata“ zu finden: Denn die durchaus interessante, brisante Story wird mit wenig Tempo, Spannung oder auch emotionaler Tiefe umgesetzt, sodass man als Zuschauer trotz des bewegendes Sujets lange Zeit irgendwie unbeteiligt bleibt.

Ein kleines Highlight sind die Auftritte von Bill Nighy, der als Smiths Boss eine der interessanteren Nebenfiguren darstellt, und dessen Szenen zu den besten im ganzen Film gehören. Die restlichen Darsteller fallen weder negativ, noch positiv auf, und ordnen sich der Story unter, während Johnny Depp zwischen abgefucktem Typ, talentiertem Genie und für Idealismus empfänglichem Künstler schwankt. Alles in allem ist „Minamata“ ein solider Polit-Thriller mit einigen guten Szenen, aber auch viel Mittelmaß, der es vor Allem kaum schafft, die bei diesem Inhalt nötige Empathie und Sensibilisierung für das Thema beim Publikum auszulösen. Das „große Comeback des Johnny Depp“ ist das nicht.

Rating

66/100

Bilder -> von der Premiere, vom Red Carpet und von der Pressekonferenz

Bilder: © Larry Horricks / HanWay Films