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„DAU. Degeneration“ – Kritik

von Christian Klosz

Über den etwas lächerlichen „Skandal“, den die Aufnahme von „DAU. Natasha“ ins Wettbewerbsprogramm der Berlinale 2020 verursacht hatte, haben wir bereits berichtet, abseits überhitzter Erregung hinterließ der erste, der Öffentlichkeit in dieser Form präsentierte Film von Ilya Khrzhanovskiys Mega-Projekt einen starken Eindruck, und machte Lust auf mehr. Was bisher bekannt war: Es gibt 700 Stunden Filmmaterial, und zumindest ein Dutzend Filme in Spielfilmlänge (oder Spielfilmüberlänge) sollten daraus entstehen, die teils bei Festivals, teils auf einer eigens eingerichteten VOD-Plattform schrittweise veröffentlicht werden sollen. Auch eine Kino-Verwertung war angedacht. Nachdem Festival- und Kino-Screenings derzeit ohnehin flach fallen, haben die Verantwortlichen vor einigen Wochen damit begonnen, ihre Plattform kontinuierlich mit Material zu befüllen: Der oben genannte Film „DAU. Natasha“ machte den Anfang, auch „DAU. Degeneration“, das 6-Stunden-Mammutwerk, das ebenfalls bei der Berlinale in der Special-Schiene gezeigt wurde, folgte, in den letzten Tagen wurden 3 neue Filme veröffentlicht, und erneut fast ein Dutzend weitere angekündigt: Allein das gibt einen ersten Eindruck des schier unglaublichen Umfangs des Materials.

Hier soll es nun um „DAU. Degeneration“ gehen, der um 3 $ relativ einfach auf der Plattform zu erwerben ist. Eines vorweg: Dass „DAU. Natasha“ durchaus überzeugen konnte, musste noch nichts heißen – es hätte ebenso sein können, dass die weiteren Werke qualitativ abfallen, wie „Füllmaterial“ wirken, wie Wiederholungen oder einfach generisch – doch nichts davon ist der Fall: Natürlich, stilistisch ist auch „Degeneration“ nach wenigen Sekunden dem DAU-Universum zuordenbar, die stests beobachtende, nobel unaufdringliche Kamera von Jürgen Jürges unverkennbar, auch der Insszenierungsstil, die leicht schlammige, aber edle Farbgebung und Bildgestaltung. Und auch hier wird vor allem eines, zumindest in den ersten 2 Stunden: Gesoffen und gevögelt. Dekadenz in Reinform, teils pervers und abartig, teils dionysisch-lustvoll. Doch die wahre Gefahr, das sollte sich im Verlauf des Films zeigen, geht nicht von den Degenerierten aus, die sich im permanenten Verfall suhlen, sondern von den Übermenschen, die im Labor des Instituts gezüchtet werden, in dem die Handlung des gesamten DAU-Universums spielt, und die jede Abweichung und Unreinheit, jede Abkehr vom wahren, echten, kommunistischen Weg auslöschen wollen. Doch dazu später mehr.

In semi-dokumentarischem Stil folgt die Kamera anfangs mehreren Protagonisten, besucht diverse Schauplätze, allesamt im „Institut“ gelegen, wo unterschiedliche Experimente durchgeführt werden. Abends trifft man sich täglich zum exzessiven Umtrunk in der Kantine. Ein Ende wird dem Ganzen erst gesetzt, als der schwächliche und lasterhafte Direktor des Instituts entfernt wird, da ihm von mehreren Seiten seine sexuellen Ausschweifungen mit seinen Sekretärinnen (bis hin zu sexuellem Missbrauch) vorgeworfen werden: Diesen zuerst noch nachvollziehbar und richtig wirkenden Akt vollzieht Geheimdienstleiter Vladimir Azhippo, bekannt als „Folterknecht“ im Gefängnis aus „DAU. Natasha“, der zeitlich vor den Ereignissen von „Degeneration“ angesiedelt ist (die Figur „Azhippo“ im DAU-Universum heißt gleich wie der Schauspieler mit echtem Namen, der früher offenbar im realen Leben Gefängniswärter in der Ukraine gewesen war, was die Ambivalenz und Verwirrung beim Zuschauer weiter steigert).

Azhippo scheint inzwischen in der kommunistischen Hierarchie aufgestiegen zu sein: Symbolisiert wird das durch seine feine Kleidung, seine übergroßen Schulterpolster, seine bedrohlich wirkende Haltung, in der eine ungemeine Strenge liegt, die stets eine subtile Gefahr und Kraft ausstrahlt. Lob gebührt dem Darsteller (ist das die richtige Bezeichnung?), der durch Gestik, Mimik und präzises Spiel eine wahre Meisterleistung abliefert, wenn man das in diesem Kontext so nennen möchte. Azhippo lässt sich schließlich, als er den Direktorenposten, von dem er seinen Vorgänger eigenhändig entfernt hat, selbst übernimmt, als zentrale Figur der weiteren Handlung ausmachen.

Exzesse ohne Ende in „DAU. Degeneration“

Im Institut werden seit jeher alle möglichen Experimente und Forschungen durchgeführt, die das Fortbestehen der „kommunistischen Revolution“ sicherstellen sollen. Es wird berechnet, diskutiert, philosophiert, regelmäßig werden Wissenschaftler aus dem Ausland (u.a. auch aus den USA) eingeladen. Der zentrale Forschungsschwerpunkt ist aber die Züchtung von kommunistischen „Übermenschen“, die durch elektromagnetische Stimulation gewisser Hirnareale ihrer menschlichen Schwächen entledigt werden und so auf Dauer die kommunistische Gesellschaft „reiner“ und stärker machen sollen – Eugenik in Reinform also, unschwer zu erkennen als nationalistisches, faschistoides Gedankengut, das mit der Gruppe junger Männer, an denen experimentiert wird, langsam am Institut Einzug hält und um sich greift. General Azhippo holt die kahlgeschorenen und durchtrainierten Burschen zu sich ins Büro und beauftragt sie, unter den anderen Institutsbewohnern gezielt Unruhe zu stiften, für Unwohlsein zu sorgen, so dass langsam alle verstehen würden, dass nun neue Zeiten anbrechen würden, dass Schluss ist mit den Alkoholgelagen und amoralischen Sexexzessen.

Schrittweise ändert sich auch die Stimmung am Institut: Statt delirierender Dekadenz zwischen Eros und Thanatos, begleitet durch ausgelassene Tanzabende mit westlicher Rockmusik, die den Duft von Freiheit versprüht, greift langsam, aber stetig Angst um sich, die von den Naziburschen ausgeht, die sich immer weiter steigert, spürbar für die Institutsmitarbeiter, die Bewohner, aber auch für das Publikum: Das gelingt „DAU. Degeneration“ besonders exzellent, diese subtile Gefahr darzustellen, die von extrem rechten, faschistoiden Ideologien ausgeht, die in ihrem Reinheitswahn das Ende jeder freien und humanistisch gesinnten Gesellschaft sind. Wozu das im äußersten Fall führen kann, auch darauf gibt der Film die erschreckende Antwort.

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Man kann sich jetzt natürlich die Frage stellen: Wozu das Ganze, welchen (Mehr-)Wert hat es für den Zuschauer, Menschen beim Ausleben ihrer düstersten und schlechtesten Triebe zuzusehen, und das 6 Stunden lang? Einerseits ist es durchaus erkenntnisreich, wirkt ob seiner halb-dokumentarischen Form eben besonders glaubwürdig, direkt, echt. Überraschen mag, dass man dem Werk seine Überlänge nicht anmerkt. „Degeneration“ ist zwar in Kapitel unterteilt, lässt sich aber auch nicht als „Miniserie“, die sich einfach in mehrere Teile zerstückeln lassen würde, bezeichnen oder sehen. Vielmehr ist das Ganze tatsächlich ein 6-Stunden-Mammutfilm, bei dem man dennoch nicht den Eindruck hat, dass es auch kürzer gegangen wäre; „Degeneration“ braucht diese Länge, um seine Botschaft adäquat übermitteln zu können.

Aus den Bildern, der Farbgebung, auch aus dem Schauspiel vieler Protagonisten spricht eine gewisse Müdigkeit, eine traurige Sattheit, ein Überdruss, der die Degeneration, den moralischen, phyischen, psychischen Verfall, die sie umgeben, den stetigen Niedergang widerspiegelt, als wüssten sie intuitiv, was sie erwartet, wie es um sie und ihre als Utopie gegründete und zur Dystopie gewordene Parallelwelt steht. Das Lob gebührt hier eindeutig Regisseur Khrzhanovskiy, dem Erfinder und Urheber und so zentralen Auteur des DAU-Wahnsinns, und Kameramann Jürgen Jürges als ausführende Hand, durch seine beeindruckende Arbeit auch ein Co-Autor dieses Riesenkunstwerks.

Ein DAU-Übermensch bei der „Züchtung“

Das zentrale Thema von „DAU. Degeneration“ ist neben Verfall und Niedergang auch das Hinterfragen von Autoritarismus, von totalitären, pseudo-religiösen Ideologien (damit sind sowohl Kommunismus, als auch völkischer und faschistoider Nationalismus gemeint), was über die Darstellung und Abbildung erfolgt. Dass das ganze Unterfangen ob seiner Doppeldeutigkeit, dem Ineinanderfließen von „Realität“ und „Fiktion“, der sektenartigen Aura, die den Regisseur und das ganze Projekt umweht durchaus ambivalent ist (kann ein Künstler, der selbst von den von ihm vorgeblich kritisierten Zuständen Gebrauch macht, sie bewusst einsetzt, glaubwürdig in seinem Ansinnen sein?), kann man kritisieren, aber macht am Ende doch auch den großen Reiz aus, der vom DAU-Universum ausgeht. „Kritik durch Darstellung und Entstellung“ könnte man den Zugang auch nennen, und sie bekommt durch die Distanzlosigkeit und die der Arbeitsweise geschuldeten „Innenansicht“ und Direktheit eine eigene, so selten gesehene Qualität.

Das Gefühl, das einen dann zum Schluss nicht mehr verlassen will (und das sich noch verstärkt, wenn man weitere Filme aus dem DAU-Kosmos gesehen hat, wie etwa den noch großartigeren „DAU. Nora Mother“ – Kritik folgt!), ist Faszination, aber noch mehr jenes tiefer Beeindruckung ob der unglaublichen Fülle und Qualität des bisher zugänglichen Materials: Alle 4 Filme, die bisher verfügbar sind, sollten keine Schwierigkeit haben, sich mit Leichtigkeit auf Film-Jahresbestenlisten zu platzieren, teils auch ganz vorne. Und dann muss man sich immer wieder vergegenwärtigen, dass das alles immer noch lediglich ein kleiner Ausschnitt des filmischen Materials ist, das noch folgen wird, und ein winziger Ausschnitt des ganzen DAU-Universums: Bei allen Ambivalenzen, Nebengeräuschen, Kritik ist festzuhalten: „DAU“ muss schon jetzt als eines der bemerkenswertesten und größten Kunstprojekte der letzten Jahrzehnte bezeichnet werden, jedenfalls als wohl wichtigstes Filmprojekt der letzten 20 Jahre – und als größtes und umfangreichstes Filmprojekt aller Zeiten – dessen Qualität, Umfang und Bedeutung erst ansatzweise erfassbar ist; ein megalomanisches Meisterwerk, geboren aus Genie, kreativer Hybris und Wahn, wie alle großen Kunstwerke, das bleiben wird, und einen tiefen Eindruck und Abdruck in der Film- und Kunsthistorie hinterlassen wird.

Bewertung

10 von 10 Punkten

Weiterlesen: 2011 besuchte ein Reporter von GQ das „Set“ von „DAU“. Sein ausführlicher Bericht gibt einen faszinierenden Einblick in die Zustände am Set und ein Gefühl für den kreativen Wahn, der das Projekt antrieb. Den Bericht kann man HIER nachlesen.

Bilder: © Phenomen Film

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