Wir haben Halbjahr 2020, und hinter uns liegt eine so noch nie dagewesene erste Jahreshälfte: Keine Filmdrehs, geschlossene Kinos, wenige Neuerscheinungen, und wenn, dann online – alles aufgrund der Corona-Krise, und die eben genannten Fakten sind wohl tatsächlich Luxusprobleme angesichts der immer noch dramatischen Lage in Teilen der Welt.

Wie wird also so ein erster (Halb-)Jahresrückblick aussehen? Die Auswahl der verfügbaren Filme ist logischerweise eingeschränkt, es wurden diesmal auch (limitierte) Serien und (erstmalige) VOD-Veröffentlichungen einbezogen. Voraussetzung ist nur, dass der betreffende Film zwischen 1.1.2020 und heute (15.7.) erstmals in Österreich und Deutschland für ein breiteres Publikum veröffentlicht wurde (entweder im Kino, auf einer Streamingplattform oder als VOD). Festival- Premieren zählen nicht dazu.

Zählweise: Das Ranking richtet sich nach den in unseren Filmratings berechneten Durchschnittswerten. Voraussetzung ist, dass redaktionsintern zumindest 2 Wertungen abgegeben werden mussten (0-100). Zusätzlich wird zu jedem Film angegeben, wo und wie er derzeit zu sehen ist. Viel Spaß beim Lesen!

Platz 15: „The Gentlemen“ – 77.3

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD und im Kino

Platz 13: „Uncut Gems“ – 78

„Auch wenn der deutsche Titel thematisch ebenso zum Film passt, bringt es der internationale Name des Werkes perfekt auf den Punkt – „Uncut Gems“ ist wie ein ungeschliffener Edelstein, an dessen Ecken und Kanten sich so mancher schneiden wird. Betrachtet man das Schmuckstück aber mit der nötigen Behutsamkeit aus der richtigen Perspektive, eröffnet sich der Blick auf ein funkelndes Juwel der neueren Filmgeschichte. Gerade gegen Ende spielt sich das Kleinod in einen wahren Rausch, tanzt im gleißenden Licht der Hoffnung, nur um dann doch in tausend Teile zu zerspringen und dem Zuschauer den finalen Schlag in die Magengrube zu verpassen. Stark!“ (cb)

ganze Kritik: „Uncut Gems“

zu sehen: bei Netflix

Platz 13: „Bombshell“ – 78

„Trotz der offensichtlichen Probleme ist „Bombshell“ ein Film, der geschaut werden sollte, der geschaut werden muss, weil er einen ärgerlich und angewidert im Kinositz zurücklässt, weil er einem auf erschreckende Weise vor Augen führt, wie wenig solche Skandale, trotz größtmöglicher Publicity, doch die alteingesessenen Systeme ins Wanken bringen können. Und weil er einem deutlich vor Augen führt, wieso die in letzter Zeit oft so zahn- und substanzlos wirkende MeToo-Bewegung an sich so wichtig ist.“ (mh)

ganze Kritik: „Bombshell“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD und als DVD/BluRay

© Wild Bunch Germany

Platz 12: „The Lodge“ – 78.7

„Am Ende ist „The Lodge“ genau das geworden, was der Trailer bereits suggerierte. Ohne viele Überraschungen kommt der Film als stimmig inszenierter Eisbrocken daher, der mit seiner ausgewaschenen Farbpalette und seinem unterkühlten Szenenbild für innere Kälte sorgt. Wer seiner guten Laune einmal überdrüssig sein sollte, muss das österreichische Werk auf jeden Fall auf der Rechnung haben, denn eines sei an dieser Stelle versprochen: Wenn der Abspann einsetzt und sich die Anspannung verflüchtigt, wird im Kinosaal auch das letzte Lachen eingefroren sein.“ (cb)

ganze Kritik: „The Lodge“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD

Platz 11: „Tiger King“ – 79.8

„„Tiger King“ porträtiert mehrere Großkatzen-Züchter in den USA, allesamt unfassbare Exzentriker, die in irgendeiner Form mit dem selbsternannten Tigerkönig Joe Schreibvogel aka Joe Exotic in Verbindung stehen. Dieser larger than life – Charakter wird im Film als gay, gun-loving, drug addicted hillbilly redneck vorgestellt, wobei auch diese durchaus blumige Beschreibung nicht annähernd ausreicht, um Joe Exotic gerecht zu werden. „Tiger King“ dokumentiert, ohne Partei zu ergreifen oder moralisch zu (be)werten. Insofern ist das Publikum stets gefordert, sich selbst Gedanken zu machen, Position zu beziehen (oder auch nicht), zu (be)werten – oder sich einfach köstlich unterhalten zu lassen, auch eine absolut legitime Option, denn höllisch unterhaltsam ist „Tiger King“ allemal.“ (ck)

ganze Kritik: „Tiger King“

zu sehen: Bei Netflix

c Netflix

Platz 10: „Ein verborgenes Leben“ – 80.5

„„Ein verborgenes Leben“ ist ein gelungener Film, der sich einer höchst spannenden Person der Zeitgeschichte auf interessante Weise nähert. Zwar ist er ein Stück zu lang geraten und nicht ganz so tiefsinnig wie er zu sein vorgibt, aber die ergreifende Handlung, die wunderschöne Bildsprache, sowie die hervorragenden schauspielerischen Leistungen fügen sich dennoch zu einem durch und durch lohnenden Ganzen zusammen.“ (pk)

ganze Kritik: „Ein verborgenes Leben“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD

Platz 9: „Der Unsichtbare“ – 80.7

„Alles in allem bietet „Der Unsichtbare“ ein wahres Freudenfest für Liebhaber des gekonnt inszenierten Gruselns, denn auch wenn das Drehbuch größtenteils auf ausgetretenen Pfaden wandelt und sich altbewährter Techniken nicht wirklich verschließen kann, erwartet einen hier ein packendes Katz- und Mausspiel, das nicht auf billige Effekthascherei, sondern auf eine schaurige Atmosphäre und das Können seiner Darsteller setzt.“ (mh)

ganze Kritik: „Der Unsichtbare“

zu sehen: online als VOD oder im Kino

Platz 8: „Why don’t you just die!“ – 82

„Ein wunderbar unterhaltsames, kurzweiliges, witziges und blutiges Regie-Debüt, das sich am besten als russischer Leone-Tarantino-Kammerspiel-Western bezeichnen lässt … Selten hat man in den letzten 2, 3 Jahren einen derart frischen, eigenständigen Zugang gesehen, eine klar sichtbare kinematografische Vision und Handschrift, die sich offensichtlich an (großen) Vorbildern orientiert, aber dennoch vollkommen originär wirkt. Fazit: Ein mörderisch unterhaltsamer Filmspaß, vollgepackt mit kreativen Einfällen, witzigen Dialogen, atemberaubend inszenierten Gewaltszenen und einem geradezu meisterhalften Einsatz von Musik.“ (ck)

ganze Kritik: „Why don’t you just die!“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD (Erstveröffentlichung bei uns 2020)

Platz 7: „Tommaso“ – 82.5

„„Tommaso“ ist ein wunderschöner Film geworden, der von seiner distanzlosen Stille lebt, von gelungenen, nahezu poetischen Einstellungen und einigen schauspielerischen Meisterstücken von Willem Dafoe. Einzig das wilde Ende – wiewohl so intendiert – schafft eher Verwirrung als Klarheit, und kann als einziges Manko betrachtet werden. Ansonsten: Sehenswert!“ (ck)

ganze Kritik: „Tommaso“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD

Platz 6: „Undine“ – 83

„90 Minuten lang holt „Undine“ sein Publikum in eine faszinierende Filmwelt, konzentriert sich auf einen Mythos und schafft es dank Umdeutung trotzdem, die Realität harmonisch miteinfließen zu lassen. Petzold hat bisher noch nie derart magisch inszeniert und lässt auf diese Weise sein Publikum träumen.“ (el)

ganze Kritik: „Undine“

zu sehen: im Kino

© Christian Schulz/Schramm Film

Platz 4: „Da 5 Bloods“ – 83.5

„Alles in allem verzeiht man dem Film die eher generische Handlung und Figurenzeichnung, ebenso wie den zuvor erwähnten Zaunpfahl, gerne, da die Botschaft, auch wenn sie einem gelegentlich zu sehr aufgedrückt wird, eben eine sehr wichtige ist – gerade auch in der heutigen Zeit. Denn Krieg, Rassismus und Hass sind nie der richtige, sondern immer der schlechteste Weg. Und jeder Film, der diese Botschaft klar und deutlich zum Ausdruck bringt, gehört gesehen und unterstützt.“ (mh)

ganze Kritik: „Da 5 Bloods“

zu sehen: auf Netflix

Platz 4: „Knives Out“ – 83.5

„„Knives Out“ ist eine modernisierte Variante eines klassischen Whodunit, die dennoch mehr auf Tradition denn auf Innovation setzt und die Luft der großen Krimi-Klassiker atmet. Der Cast überzeugt, die Inszenierung steigert die Spannung stetig, und als Herzstück des Films pocht ein virtuos verschlungener Plot und pumpt kalten Suspense durch seine Adern: Großes Genre-Kino, mörderisch unterhaltsam.“ (ck)

ganze Kritik: „Knives Out“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD oder auf BluRay/DVD

Platz 3: „1917“ – 83.8

„Letztlich ist „1917“ genau das geworden was Trailer und Marketing seit Monaten suggerierten; das Kriegsdrama agiert auf technischem Weltklasseniveau und überzeugt mit sogartiger Atmosphäre, fantastischem Tonschnitt und schauspielerischen Leistung zum Niederknien. Trotzdem stellt sich am Ende das Gefühl ein, dass die inszenatorische Versiertheit zu omnipräsent ist und sich zu selten der ansonsten schnell auserzählten Story unterordnet, die durchaus das Potenzial, besitzt den Zuschauer mit geballter Emotion zu übermannen.“ (cb)

ganze Kritik: „1917“

zu sehen: bei diversen Anbietern als VOD und auf BluRay/DVD

Platz 2: „Little Women“ – 90

„Greta Gerwigs Zweitling hält, was er verspricht: Die US-Regisseurin knüpft nahtlos dort an, wo sie mit „Lady Bird“ begonnen hatte, und schuf mit „Little Women“ einen ebenso sozio-historisch interessanten wie zutiefst persönlichen Film über 4 Frauen, die ihren Weg in der Welt suchen. Toll gespielt, virtuos inszeniert: Ein wahres Highlight des noch jungen Filmjahrs 2020.“ (ck)

ganze Kritik: „Little Women“

zu sehen: online als VOD und auf BluRay/DVD

© 2019 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH / Wilson Webb

Platz 1: „DAU. Degeneration“ – 94.5

„Das zentrale Thema von „DAU. Degeneration“ ist neben Verfall und Niedergang auch das Hinterfragen von Autoritarismus, von totalitären, pseudo-religiösen Ideologien (damit sind sowohl Kommunismus, als auch völkischer und faschistoider Nationalismus gemeint), was über die Darstellung und Abbildung erfolgt. „Kritik durch Darstellung und Entstellung“ könnte man den Zugang auch nennen, und sie bekommt durch die Distanzlosigkeit und die der Arbeitsweise geschuldeten „Innenansicht“ und Direktheit eine eigene, so selten gesehene Qualität.

Bei allen Ambivalenzen, Nebengeräuschen, Kritik ist festzuhalten: „DAU“ muss schon jetzt als eines der bemerkenswertesten und größten Kunstprojekte der letzten Jahrzehnte bezeichnet werden, jedenfalls als wohl wichtigstes Filmprojekt der letzten 20 Jahre – und als größtes und umfangreichstes Filmprojekt aller Zeiten – dessen Qualität, Umfang und Bedeutung erst ansatzweise erfassbar ist; ein megalomanisches Meisterwerk, geboren aus Genie, kreativer Hybris und Wahn, wie alle großen Kunstwerke, das bleiben wird, und einen tiefen Eindruck und Abdruck in der Film- und Kunsthistorie hinterlassen wird.“ (ck)

ganze Kritik: „DAU. Degeneration“

zu sehen: auf www.dau.com