In seinen alten Jahren scheint Abel Ferrara einerseits die Arbeitswut, aber auch die Experimentierfreudigkeit gepackt zu haben: Eben präsentierte er in Berlin seinen neuesten Film „Siberia“, der das Publikum spaltete wie kein anderer Film dort, eine schräge Reise ins Unterbewusstsein (des Regisseurs?), die auf den Arbeiten von Freud und Jung gründet, wie er im Interview mit Film plus Kritik im Herbst meinte. Und nun startet sein voriger Film „Tommaso“, der eigentlich nach Siberia gedreht wurde, bei uns regulär im Kino: Der Verleih Thimfilm hat den Vertrieb übernommen, während er im Gartenbaukino auf großer Leinwand zu sehen sein wird.

von Christian Klosz

Ebenso wie „Siberia“ ist „Tommaso“ ein ungewöhnlicher Film für Ferrara, der von seiner Ruhe und Sensibilität lebt – Attribute, die sich auf sonst nicht viele Filme des US-Regisseurs anwenden lassen. Er schuf mit „Tommaso“ ein Werk, das nicht nur aufgrund inhaltlicher Aspekte gewisse Parallelen zum Leben des Machers nahelegt: Der Film handelt vom titelgebenden (Anti-)Helden (überzeugend gespielt von Willem Dafoe), einem in die Jahre gekommenen US-Regisseur, der in seiner Wohnung in Rom an einem neuen Film arbeitet, und nebenbei versucht, eine konstruktive Beziehung mit seiner um viele Jahre jüngeren Partnerin und dem gemeinsamen Kind zu leben; zufällig wurde „Tommaso“ in Ferraras Wohnung in Rom gedreht, die Partnerin des Protagonisten von Ferraras echter Partnerin gespielt und die kleine Tochter von der Tochter der beiden. Wer jetzt noch nicht genug Parallelen erkennt, findet unzählige weitere im Film.

Ferrara selbst bestätigte im Gespräch den autobiografischen Touch nicht explizit, verneinte ihn aber auch nicht. Man kann „Tommaso“ also auch als „Fazit“ lesen, als Auseinandersetzung mit einem älteren, männlichen Ego, das trotz vieler Brüche intakt ist, und sich auf die Suche macht nach einem „neuen Selbst“ – ohne das alte Ich komplett hinter sich lassen zu können.

Tommaso von Abel Ferrara

„Tommaso“ ist ein wunderschöner Film geworden, der von seiner distanzlosen Stille lebt, von gelungenen, nahezu poetischen Einstellungen und einigen schauspielerischen Meisterstücken von Willem Dafoe. Einzig das wilde Ende – wiewohl so intendiert – schafft eher Verwirrung als Klarheit, und kann als einziges Manko betrachtet werden. Ansonsten: Sehenswert!

Bewertung

8 von 10 Punkten

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Abel Ferrara im Interview zu „Tommaso“

„Siberia“ auf der Berlinale

„Tommaso“ ist ab 6.3. in Wien exklusiv im Gartenbaukino zu sehen.

Bilder: (c) 2020 Pandafilm