Was macht ein arrivierter Filmemacher um die 90, der alles erreicht hat und sich niemandem mehr beweisen muss? Sich zur Ruhe setzen? Mitnichten, wenn er Clint Eastwood heißt. Der dreht nämlich weiterhin jährlich seinen Film, und der Output ist nicht nur aufgrund des Alters des Urhebers qualitativ beachtlich.

Sein letzter Streich heißt „Der Fall Richard Jewell“ und schaffte es im Vorjahr auf diverse Bestenlisten, der Kinostart bei uns fiel der Corona-Krise zum Opfer. Nun wurde der Film in Deutschland Ende Juni in den Kinos veröffentlicht.

von Christian Klosz

Richard Jewell (Paul Walter Hauser) ist ein ziemlich durchschnittlicher Typ: Er hat einige Kilos zu viel auf den Rippen, wohnt noch bei seiner Mutter (Kathy Bates), arbeitet als Sicherheitsmann und wünscht sich nichts mehr als etwas Respekt für die Erfüllung seiner Bürgerpflichten. Als er im Juli 1996 an einem Austragungsort der olympischen Spiele in Atlanta einen herrenlosen Rucksack entdeckt, schlägt seine große Stunde: Das Bombenkommando wird gerufen, und tatsächlich: der Rucksack ist vollgepackt mit Sprengstoff. Nur Jewells Instinkt und sein schnelles Handeln konnten Schlimmeres verhindern, und er wird über Nacht zum Lokalhelden.

Doch die Freude dauert nicht lange: Nach einem Hinweis eines ehemaligen Arbeitgebers beginnt die Polizei mit Ermittlungen: Aus dem eben noch gefeierten Retter in der Not wird ein Verdächtiger, der von den Behörden befragt und schikaniert wird, dem die Medien-Meute auf Schritt und Tritt folgt, dessen Leben ein einziger Alptraum wird. Unter Mithilfe des idealistischen Anwalts Watson Bryant (Rockwell) versucht Jewell, seinen Namen reinzuwaschen und seine verlorene Würde wieder zurückzuerlangen.

„Der Fall Richard Jewell“ basiert auf einem realen Vorbild, und wie so oft geht es dem großen Geschichtenerzähler Eastwood darum, Helden (des Alltags) ein filmisches Denkmal zu setzen. Wie schon in „Sully“ ist sein Protagonist niemand, der aus Selbstzweck nach Ruhm strebt, sondern ein „fleißiger Bürger“, dessen „Heldentum“ lediglich darin besteh, seine Pflicht getan zu haben. Eastwoods Anklage gilt hier wie dort einer zynischen (Um-)Welt, die ihren Glauben an Helden(tum) verloren hat, und sich stattdessen in lüsterner Sensationsgier und Voyeurismus ergeht.

Dass all das in keinem Moment kitschig ist oder allzu pathetisch rüberkommt, liegt einerseits am gewohnt ruhigen, umsichtigen, ja: fast stoischen Erzählstil Eastwoods, andererseits an einer Riege von herausragenden Darstellern, die den ambivalenten Figuren Leben einhauchen. Hervorzuheben ist Sam Rockwell als idealistischer Anwalt Jewells und vor allem Paul Walter Hauser, der als ungewöhnlicher Antiheld eine große Leistung abliefert. Seine Darstellung ist kraftvoll, realistisch, aber auch sensibel, und man kann nicht anders, als mit diesem seltsamen Kauz mitzufühlen, der doch nichts mehr möchte, als einfach respektiert und anerkannt zu werden.

Fazit:

Im Gesamt-Oeuvre Eastwoods kommt „Der Fall Richard Jewell“ im soliden Mittelfeld zu liegen. Er ist qualitativ etwas über seine letzten beiden Werke „15:17 to Paris“ und „The Mule“ zu stellen, erreicht aber nicht die Großtaten wie „Unforgiven“, „Mystic River“ oder „Gran Torino“. Trotzdem: Gut gemachtes, solide und schnörkellos inszeniertes Kino der „alten Schule“, das sich durch seinen geradlinigen Erzählstil, ein interessantes Sujet und tolle Schauspielleistungen hervortut.

Bewertung:

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

Info: „Der Fall Richard Jewell“ läuft seit 25.6. in einigen deutschen Kinos. In Österreich wurde der geplante Kinostart vor Corona abgesagt, es wurde bisher noch kein neuer Start bekannt gegeben.

Bilder: (c) Warner Pictures