Endlich wieder Kino: Mit den großen Filmstarts wird es wohl noch dauern, einige kleine (mögliche) Perlen wurden und werden aber in den vergangenen und kommenden Wochen bereits in unsere Kinos geworfen, damit den Licht-Spielhäusern selbiges nicht bald komplett abgedreht werden muss. Zumeist sind es unabhängige oder nationale Verleihe, die in ihrer Auswahl freier und flexibler sind, und immer wieder Festivalfavoriten oder auch US-Independentkino herausbringen. Bei uns sind das etwa Filmladen, Einhornfilm, Filmgarten oder der Kinostar-Filmverleih, der auch im vergangenen Jahr einige Geheimtipps ins Programm nahm.

von Christian Klosz

Am 10.7. soll nun das US-Sozialdrama „Semper Fi“ in unseren Kinos starten (Dtl.: 9.7.), dessen Vorführung auch eine der ersten Pressepräsentationen nach Corona darstellte. Allzu viel konnte man nicht erwarten, die online zu findenden Informationen sind spärlich, der Regisseur eher unbekannt, und das RT-Rating bei knapp 20% verhieß auch wenig Gutes. Allerdings konnte man auch schon davor vermuten, dass das Sujet (5 „Rednecks“ aus der US-Vorstadt, allesamt bei der Army) einiges mit der miesen Bewertung zu tun hat, denn was in den 80ern und 90ern US-Kino-Mainstream war, ist heute als reaktionär in Verruf, ein Symptom der tief gespaltenen US-Gesellschaft.

Die dargestellte Lebenswelt ist tatsächlich eine, deren bloße Existenz eine Beleidigung für viele darstellen mag: Weiße Unterschicht bis untere Mittelschicht, mäßig gebildet, großteils männlich, getrieben von ur-amerikanischen Werten wie „Treue“, Freundschaft, Patriotismus, „semper fi“ eben , kurz für das lateinische „semper fidelis“, also „immer treu“, und ein Leitspruch der Marine. Der Film beginnt im Jahr 2005, als die Freundesgruppe in den Irak-Krieg eingezogen wird. Neben einigen fragwürdigen bis sexistischen Sprüchen ist „Semper Fi“ allerdings (politisch) undeklariert und lässt sich keiner bestimmten politischen Ideologie zuordnen, weshalb auch ein vorurteilsfreier Blick auf den Film versucht werden soll.

Tatsächlich scheint es Regisseur Henry Alex Rubin in erster Linie um seine Figuren zu gehen, um die Abbildung sozialer Probleme einer unter die Räder kommenden, weißen Unterklasse, aber auch um Sozialkritik, wenn etwa korrupte Systeme, Polizei- und Justizgewalt angeprangert werden.

Semper Fi Film

Oyster (Nat Wolff.), stets unter der Aufsicht seines älteren Halbbruders Cal (Jai Courtney) gerät in eine Barschlägerei: Er wird von 2 Jungs auf der Toilette attackiert, wehrt sich, der eine Angreifer schlägt mit dem Kopf gegen das Pissoir – und verstirbt kurz darauf. Oyster flüchtet und will sich absetzen, Cal, selbst im Polizeidienst, macht sich auf die Suche nach ihm und nimmt ihn schließlich selbst in Gewahrsam. Aufgrund falscher Zeugenaussagen wird Oyster zu 25 Jahren Haft verurteilt und landet im Gefängnis, wo er von den Wärtern schlimm misshandelt wird. Cal, schließlich doch schuldgeplagt, seinen Bruder ans Messer geliefert zu haben, heckt mit seinen Kumpels Jaeger, Milk und Snowball einen Plan aus, Oyster aus dem Gefängnis zu befreien und ihn mit neuem Pass über die kanadische Grenze zu schicken.

Der Plot von „Semper Fi“ ist nun nicht sonderlich originell, doch Regisseur Rubin erzählt solide und einfühlsam von schwierigen Familienverhältnissen und (Männer-)Beziehungen, Schuld, Sühne und Vergebung. Es gibt einige wirklich gelungene Einstellungen, einen überraschend guten Soundtrack und ordentliche Darbietungen der Darsteller. Der Spannungsbogen wird gut aufgebaut und gefüttert, sodass das Finale doch mehr als zuvor erwartet an den Nerven zerrt. Kritisieren muss man die wirklich furchtbare und billige Synchronisierung, wofür aber natürlich der Filmemacher nichts kann.

Fazit:

Wer sich von der Information: (großteils) weißer, männlicher Cast und weiße, männliche Probleme abgestoßen fühlt, sollte dringend die Finger von „Semper Fi“ lassen. Wer allerdings das 80er- und 90-er Mid-Budget-US-Kino à la Tony Scott oder Walter Hill schätzt und Lust auf einen geradlinigen und bodenständigen Film hat, der auch unerwartet sensible Seiten offenbart, kann dem spannenden Drama durchaus eine Chance geben, und wird gute gut 1.5-Stunden im Kinositz verbringen, die durchaus schlimmer sein könnten. Kein Meilenstein, vielleicht auch keine „Perle“, aber ein solider Streifen, der seine Chance verdient hat.

Bewertung:

Bewertung: 6 von 10.

(64/100)

Bilder: Kinostar Filmverleih GmbH