„Eine Frage der Ehre“, „The Social Network“, „Steve Jobs“, wer einen der genannten Filme kennt, der kennt auch Aaron Sorkin – und das vielleicht ohne es wirklich zu wissen. Denn ehe er 2017 mit „Molly’s Game“ sein Regie-Debüt auf der großen Leinwand feierte, war der Mann vor allem für seine aufsehenerregenden Qualitäten als Drehbuchautor bekannt. Mit den von ihm verfassten Werken bewies er dabei zwei Sachen ganz wunderbar: er hat ein Händchen für die filmische Umsetzung wahrer Begebenheiten und kann Gerichtsdramen schreiben wie kaum ein anderer. Was uns ins Jahr 2020 und zu dem Film „The Trial of the Chicago 7“ bringt, der seit dem 16. Oktober auf Netflix abrufbar ist. Hier vereint Sorkin nämlich abermals seine zwei Steckenpferde, um dem Zuschauer einen Strafprozess aus dem Jahr 1968 näher zu bringen, der an Absurdität und Ungerechtigkeit kaum zu überbieten ist, und doch erschreckend viele Parallelen zur Gegenwart aufweist.

von Mara Hollenstein-Tirk

Chicago, USA, 1968: Der Vietnamkrieg ist nach wie vor in vollem Gange. Unfähig, sich eine Niederlage einzugestehen, schickt die amerikanische Regierung immer mehr Männer über den großen Teich, um einen aussichtslosen Kampf zu kämpfen. Doch der Unmut innerhalb der Bevölkerung wächst und so beschließen ein paar Aktivisten, eine Demo während des Parteitages der Demokraten in Chicago abzuhalten – die Präsidentschaftswahlen stehen nämlich kurz bevor. Doch es kommt, wie es von vielen Seiten bereits befürchtet wurde, die Demonstranten bekommen es mit einer Schar von nervösen, gewaltbereiten Polizisten zu tun und Unruhen sind nicht mehr zu vermeiden. So landen schließlich 7 Demonstranten, darunter 5 der tonangebenden Aktivisten, als Angeklagte vor einem Strafgericht und sehen sich mit dem Vorwurf der Verschwörung und Aufhetzung konfrontiert. Zu ihnen gesellt sich noch ein hochrangiges Mitglied der Black Panther Bewegung, der eigentlich nur für eine Rede in der Stadt war und von dem niemand so genau weiß, wieso er überhaupt auf der Anklagebank sitzt.

Wem nun Erinnerungen an die Nachrichten von vor ein paar Wochen hochkommen, Bilder von Demonstranten, die von Polizisten niedergeschlagen und mit Tränengas traktiert werden, der wird verstehen, wieso dieser Film, obwohl er doch eigentlich in den 60er Jahren spielt, gerade in diesen, unseren heutigen Zeiten, so wichtig ist – und wieso es umso betrüblicher und erschreckender ist, dass dieser Film so wichtig ist. Denn die beim Zuschauer aufkommenden Assoziationen lassen sich nun einmal aufgrund der tatsächlichen Parallelen nicht so einfach wegwischen.

Der einzige Unterschied besteht heute wohl darin, dass der Staat offenbar soweit dazu gelernt hat, keine großen, öffentlichkeitswirksamen Schauprozesse mehr zu veranstalten, sondern die „Aufwiegler“ einfach in schwarzen SUVs verschwinden zu lassen. Damals waren der gerade erst gewählte Präsident Richard Nixon und vor allem sein amtierender Justizminister John Mitchell nicht so umsichtig und versuchten stattdessen lieber, ein Exempel an den ihrer Meinung nach Schuldigen zu statuieren: Einen Strafprozess, der sich schnell, auch aufgrund des zuständigen Richters Julius Hoffman, zur Farce entwickeln sollte.

Sorkin, der diesmal auch wieder im Regiestuhl Platz nahm, verlegt seinen Fokus dabei auf eben diesen Prozess und streut Bilder der eigentlich Unruhen nur gelegentlich ein, um den Geschehnissen, die schließlich in diesen Gerichtssaal führten, mehr Bildlichkeit zu verleihen – denn wie heißt es so schön: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Und tatsächlich ist es hier wie da harter Tobak, den man schlucken muss, denn da wie dort scheinen die Ungerechtigkeiten kein Ende zu nehmen. Es ist dem Film dabei hoch anzurechnen, dass er trotz der vielen Protagonisten, Zeitebenen und Handlungsstränge stets fokussiert und spannungsgeladen bleibt und es sogar schafft, bei all dem Drama ein wenig Humor mit einzustreuen. Dieser straffen Fokussierung fallen allerdings einige Entwicklungen zum Opfer, die quasi off-screen passieren, die man als Zuschauer aber eigentlich gerne gesehen hätte. So wird man gerade am Ende das Gefühl nicht los, dass Sorkin die Zeit durch die Finger geronnen ist. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass es wohl kaum ein Kritikpunkt ist, wenn man als Zuschauer am liebsten immer noch mehr sehen würde und nicht will, dass der Film jetzt schon endet – und ja, tatsächlich hätte der Film gerne auch noch eine Stunde länger sein können. Allerdings könnte man auch sagen, dass es durchaus merkwürdig anmutet, wenn man nach knapp über zwei Stunden Laufzeit das Gefühl nicht los wird, dass man ein paar wichtigere Plotpoints nicht gesehen hat.

Aber eigentlich ist das natürlich Jammern auf sehr hohem Niveau, denn abseits dieses kleinen Schönheitsfehlers kann man „The Tial of the Chicago 7“ nämlich wirklich nicht viel vorwerfen. Gerade auch die Schauspieler tragen, neben der gekonnten Inszenierung und dem pointierten Drehbuch, dazu bei, den Zuschauer voll und ganz an das Geschehen zu fesseln. Besonders erwähnenswert sind hier Eddie Redmayne und Sacha Baron Cohen, deren Figuren wie zwei Seiten einer Medaille wirken, sich dabei aber in all ihren Nuancen und eingefangenen Zwischentönen ähnlicher sind, als sie zu Beginn glauben. Aber auch Mark Rylance als desillusionierten Verteidiger und Frank Langella als unfähiger Richter liefern hier Performances ab, die man so schnell nicht vergisst.

Fazit

Am Ende erschuf Aaron Sorkin mit „The Trial of teh Chicago 7“ also einen Film, der zwar ein wenig damit zu kämpfen hat, die mannigfachen, sich teilweise geradezu überschlagenden Ereignisse unter einen Hut zu bringen, der es aber trotzdem schafft, den Spannungsbogen konstant aufrecht zu erhalten und den Zuschauer zu fesseln. Ein Gerichtsdrama, das sich unter den ganz Großen des Genres einreihen darf, und mit dem Netflix einmal mehr beweist, dass es Werke produzieren kann, die der ganz großen Filmkunst in nichts nachstehen.    

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(87 / 100)