Sexuelle Belästigung. Egal in welchem Lebensbereich, egal in welcher Kultur, egal in welcher gesellschaftlichen Schicht, es scheint eines jener furchtbaren Probleme zu sein, welches nie wirklich ausgemerzt werden kann. Immer wieder hört man von Fällen, in denen Männer ihre Machtposition ausnützen, um von Frauen sexuelle Gefälligkeiten zu erzwingen (und in wenigen Fällen auch umgekehrt). Ein emotional aufgeladenes Thema also, welches in regelmäßigen Abständen in unterschiedlicher Form in den Medien behandelt wird. So auch in „Vorladung“, einem Netflix-Original, welches seit dem 6.11. bei dem Streaminganbieter abrufbar ist.

von Mara Hollenstein-Tirk

Die Handlung folgt dabei einer nigerianischen Studentin, die den Mut aufbringt, ihren Professor wegen versuchter Vergewaltigung an der Uni zu melden, allerdings schnell feststellen muss, dass Justitia vielleicht doch nicht so blind ist, wie oft gesagt wird. Während ihr Professor dem Gremium ein immer perfideres Konstrukt aus Lügen auftischt, kämpft die junge Frau verzweifelt um ihren Ruf und ihre Zukunft.

Eine wahre Geschichte und eine zugehörige Dokumentation waren wohl der Auslöser für dieses Projekt, das allerdings weniger als Fallstudie, sondern eher als Anklage gegen ein System zu verstehen ist, das offenbar viel zu lange die Augen vor einem um sich greifenden Problem verschlossen hat. Und alleine hierfür, für das Aufdecken und ans Licht bringen dieser Missstände, gebührt allen Beteiligten schon einmal großer Respekt. Weswegen es umso bitterer ist, dass das finale Ergebnis dann leider von einem rein filmischen Standpunkt aus nicht wirklich überzeugen kann. Da wäre einerseits die Länge: Gute zweieinhalb Stunden mögen eingesessenen Filmfans noch keine Schweißperlen auf die Stirn treiben, aber bei solch einer Laufzeit müssen die Verantwortlichen schon sehr genau wissen was sie tun – sonst war es das mit der Spannungskurve. Hier ergibt sich die Überlänge aber eher aus dem, was jeder Cineast fürchtet: unausgereiftes Pacing und Schnitt. Da kommt es dann schon mal vor, dass der lockere Ton mancher Szenen nicht in angenehm starkem Kontrast zum eigentlich Drama steht, sondern dieses eher abmildert. Oder dass Einstellungen und Dialoge unnatürlich lange stehen gelassen werden, ohne einen ersichtlichen Grund dafür.

Doch eigentlich sind das alles Kleinigkeiten, die den meisten Zuschauer wahrscheinlich nicht einmal auffallen würden, solange die Schauspieler vor der Kamera abliefern. Hier liegt deswegen auch der eigentliche Hund begraben. Denn während Jimmy Jean-Louis einen furchtbar guten Job als charmanter Dozent macht, so gut, dass man tatsächlich auch als Zuschauer zeitweise zu zweifeln beginnt, ob das Gremium am Ende vielleicht nicht doch ihm Glauben schenken wird, bleibt Temi Otedola leider weit hinter dem zurück, was es für so eine Rolle bräuchte. Gerade in den emotional schwierigeren Szenen wirkt ihr Spiel zu gekünstelt, um den Zuschauer wirklich zu packen und Mitgefühl bei ihm hervorzurufen. So fühlt man zwar trotzdem mit, immerhin kennt man aus diversen Medienberichten genügend echte Opferberichte, um zu wissen, wie furchtbar solche Situationen für die Betroffenen sind, trotzdem fiebert man nie wirklich mit der unnahbaren Protagonistin mit. Auch die politischen Verwicklungen und Uni-internen Mauscheleien werden lediglich angedeutet und so mit viel geringerer Wirkung in die Narrative eingebaut, als es bei einem solchen Drama üblich und möglich ist.

Fazit

Trotz allem bleibt da dieses wirklich wichtige Thema, bleiben da ein paar wirklich starke Szenen, bleibt eine zwar nicht fehlerfreie, aber doch solide Inszenierung und ein Antagonist, dem man die Pest an den Hals wünscht. Das alles reicht dann schon aus, um die Schönheitsfehler großzügig auszublenden und einen Blick zu riskieren.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(66/100)  

Bild: Screenshot Netflix