2020 ist ein düsteres Jahr für alle Filmfans, Cineasten und auch Professionalisten weltweit: Monatelang geschlossene Kinos, verschobene Filmstarts, abgesagte Festivals und eine Perspektivenlosigkeit in der Branche, die Planung fast verunmöglicht.

von Christian Klosz

Umso schöner ist es dann, wenn ein internationales Kategorie A-Filmfestival nach Möglichkeiten sucht, die Branche trotz allem lebendig zu halten. Das Black Nights Film Festival in Tallinn, Estland – kurz PÖFF – geht heuer in seine 24. Ausgabe und hat eine Hybridform gewählt, die sowohl Filmfreunden, als auch Journalisten die Möglichkeit bietet, die Filme von zuhause aus zu sehen. Neben den physischen Screenings vor Ort gibt es virtuelle Screenings fürs Publikum und eine eigene Online-Plattform für akkreditierte Journalisten, Kritiker und Branchenmitglieder, auf der ein Großteil des Programms gezeigt wird.

Lohnenswert ist das vor allem deshalb, weil die Filmauswahl trotz massiv eingeschränktem Material erstklassiges Niveau hat. Im Folgenden sollen die interessantesten und besten Filme des Festivalprogramms präsentiert werden. Die Einträge werden laufend ergänzt.

Teil 1 der Liste kann man HIER nachlesen!!!

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„Mosquito State“ von Filip Jan Rymsza

Eine etwas zu sehr von sich selbst überzeugte, schräge Mischung aus „Cosmopolis“, „Pi“ und „The Big Short“ mit Body-Horror-Einsprengseln, die zuallererst am Mangel an kreativer Eigenständigkeit scheitert. Die zu bemühten Metaphern wirken oftmals plump, die auf den ersten Blick hochprofessionelle Inszenierung inklusive schöner Bilder und an sich stimmiger Musikuntermalung seltsam hohl. Erzählt wird ein wirren Selbsterfahrungstrip eines ziemlich autistischen Stock-Market-Analysten-Genies am Vorabend des Wall Street-Crashes 2008, der – aus welchen Gründen auch immer – eine Symbiose mit einem Schwarm Mosquitos eingeht: Klingt auf den ersten Blick durchaus interessant, ist am Ende aber (zu) leer und substanzlos. Schade.

Rating: 40/100

„Undine“ von Christian Petzold

Christian Petzolds Neuerzählung des „Undine“-Mythos um eine geheimnisvolle und verhängnisvolle Wassernixe besticht durch die Einfachheit der Inszenierung und einen fast minimalistischen Zugang, der Fabelwelt und Realität dennoch geradezu beiläufig miteinander verwebt. Paula Beer überzeugt als, in gewisser Weise, moderne femme fatale, die Männer zu sich (ins Wasser) lockt, verführt – und tötet, sollten sie sie verlassen. Ein schöner Film, klassisch erzählt, der von seiner Reduktion auf das Wesentliche lebt.

Rating: 79/100

Ausführliche Kritik: „Undine“ auf der Berlinale 2020

© Christian Schulz/Schramm Film

„Oskar & Lilli“ („Ein bisschen bleiben wir noch“) von Arash T. Riahi

Emotional intelligentes wie berührendes Drama, das aus der Sicht zweier Flüchtlingskinder schildert, wie es sich anfühlt, wurzel- und hilflos in einem fremden Land zu leben. Hilflos und schikanierend ist teils auch der Umgang öffentlicher Stellen und Behörden mit der Situation, die sich keiner wünscht, die aber dennoch Realität ist. Riahi nähert sich dem Thema behutsam und weise und es gelingt ihm, beim Zuschauer Empathie für die Protagonist/innen zu evozieren – Aufklärung über Emotion sozusagen. Schön ist auch, dass dieser geerdete Film auch Humor haben darf, herrlich sind die Spitzen gegen das vegetarisch lebende und überhaupt moralisch einwandfreie Lehrer-Pärchen, bei dem Oskar eine Zeit lang unterkommt und schon nach kurzer Zeit die Scheinheiligkeit der heilen Bobo-Welt offenlegt. Trotzdem zeigt Riahi nicht mit dem Zeigefinger, sondern gesteht all seinen Figuren Stärken und Schwächen zu, was in letztes Konsequenz einen äußerst realistischen Film hervorbringt, der auf vielen Ebenen sehenswert ist.

Rating: 86/100

„Wendy“ von Benh Zeitlin

Eine sinnliche Reise für Augen und Ohren: Wunderschön bebildert und ordentlich erzählt versucht Benh Zeitlin eine kreative Neuauflage des Peter Pan-Mythos. Man muss sich fallen lassen können und auf „Wendy“ einlassen, dann hat man schöne, beinahe schwerelose und traumhafte knappe 2 Stunden, das Hirn aber, das sollte man dabei eher ausschalten, denn beizeiten hat man das Gefühl, Zeitlin und seine Co-Autorin haben sich etwas zu sehr von ihrem eigens entworfenen „Neverland“ verzaubern lassen.

Rating: 64/100

„Fear“ von Ivaylo Hristov

Gewinner Wettbewerb. Bulgarische Pampa, weit abseits jeglicher Zivilisation, die diesen Namen verdient: Man lebt in Ruhe und Frieden nebeneinander her, Unruhe bricht erst aus, als vermehrt Flüchtlinge in der Grenzregion des neuen EU-Mitgliedsstaats aufgegriffen werden. Die Polizei erfüllt ihre Pflicht, der pragmatische Kommandant sieht kaum Probleme mit den aus vorwiegend muslimischen Ländern kommenden Menschen und auch die Bevölkerung scheint sich unter Murren den neuen Tatsachen zu fügen, sammelt Spenden und findet Unterkünfte. Doch als Svetla, eine verwitwete ehemalige Lehrerin um die 50, beim Jagen im Wald einen Afrikaner aufgreift und ihn mit sich nach Hause nimmt, ist es vorbei mit der bäuerlich-spießigen Kleingeist-Idylle: Die Provinzdeppen geraten in helle Aufregung, diese „Hure“ treibt es mit einem „Affen“, der noch dazu sprechen kann, und obendrein bulgarisch – ein Skandal. Das Urteil ist schnell gefällt: Der Schwarze muss weg, und Svetla gleich mit, die primitive Meute schreckt schließlich auch vor Gewalt nicht zurück, um diesen (scheinbaren) Tabubruch aus dem Dorf zu tilgen. Regisseur Hristov gelingt mit „Fear“ eine ungewöhnliche Tragikkomödie, die handfesten Rassismus darstellt und das Ganze mit Ironie, Sarkasmus und jeder Menge Humor würzt. Die Message ist klar: Es gibt keine Alternativen zu Humanismus und Nächstenliebe, am Ende geht es bei all diesen Konflikten stets um Individuen und deren persönliche Geschichte(n). Das wird hier aber so unprätentiös, ohne Moralfuchtel und in einfacher cineastischer Sprache präsentiert, dass man nicht anders kann, als diesen Film zu mögen.

Rating: 76/100

„The Three“ von Anna Melikian

Einfühlsam erzählte Dreiecksgeschichte zwischen einem russischen TV-Star, der unter Depressionen leidet, seiner Ehefrau und einer jüngeren Affäre, die er kennen lernt, als er sich zwecks Suizid ins Wasser stürzt und sie ihn vor dem Tod rettet. Regisseurin Melikian bemüht sich um Realismus und Wärme, um eine Charakter-fokussierte Studie von „Liebe“ mit Intelligenz und psychologischer Tiefe, ihr gelingen dabei immer wieder schöne, beinahe poetische Einstellungen. Lob gebührt auch den drei Hauptdarsteller/innen, die allesamt einen tollen Job machen. Schade ist es einzig um das allzu offene und kryptische Ende, das keinen wirklichen Abschluss zu einem äußerst gelungenen Film findet.

Rating: 83/100

„Dinner in America“ von Adam Rehmeier

Punk-Märchen aus den USA, das bis auf die weibliche Hauptfigur Patty keinen sympathischen Charakter vorweisen kann. Der Rest ist spießig-asozial, Hauptfigur Simon ein gewalttätiger, homophober Schläger, der etwas zu sehr von seiner rebel without a cause-Attitude überzeugt ist. Regisseur Rehmeier legt nahe, dass Kiffen die Antwort auf alle Fragen und Gewalt eine Lösung ist, was dann doch etwas platt daherkommt. Zumindest bemüht er sich, in der ungewöhnlichen Outsider-Romanze zwischen Patty und Simon so etwas wie Hoffnung zu finden, die in diesem zynischen Amerika-Porträt überall abhanden gekommen scheint.

Rating: 58/100