Afghanistan ist seit Jahrzehnten ein Krisengebiet: Vom Einmarsch der Sowjets über die (vom Ausland unterstützte) Machtergreifung der Taliban (1979) bis hin zum „Krieg gegen den Terror“ Anfang der 2000er-Jahre und die Istallierung einer (pro-westlichen) Regierung – das Land im Grenzgebiet zum Iran und Pakistan kam nie wirklich zur Ruhe und die Bevölkerung, großteils arm und perspektivenlos, kämpft(e) ums Überleben, was oftmals nur durch Flucht ins Ausland möglich war uns ist.

von Christian Klosz

Mit dem Abzug der letzten US-Truppen vergangenen Sommer ist die Geschichte Afghanistans um ein (trauriges) Kapitel reicher: Die (ehemalige) Supermacht ließ – aus innenpolitischem Kalkül – das Land im Stich, das es vor knapp 20 Jahren angegriffen und unter seine Kontrolle gebracht hatte, nicht wenige Afghanen fühlten sich verraten, da sie Hoffnungen in die Amerikaner gesetzt hatten, ihr Land endlich zu stabilisieren und zu modernisieren. Es dauerte nicht lange, bis die Taliban, die ihre Netze im Hintergrund bereits ausgeworfen hatten, das Land wieder unter ihre Kontrolle bringen konnten. Alle (ohnehin illusorischen) Hoffnungen auf „gemäßigte Gotteskrieger“ und eine „neue Form der islamischen Herrschaft“ haben sich nach wenigen Monaten wenig überraschend zerschlagen, es mehren sich Berichte über Inhaftierungen und Tötungen, die Lage für Frauen im Land verschlechtert sich rapide. Und laut einem neuen Bericht der Welthungerhilfe verschlechterte sich auch die humanitäre Lage seit dem Abzug der US-Truppen enorm, sie sei „katastrophal“ und im Jahr 2022 sei mit einem Ansteig der Armutsrate auf 97 % (!) zu rechnen.

All dies geschieht größtenteils abseits der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, da die Welt in erster Linie mit einer Pandemie beschäftigt ist, die keinen Raum für die afghanische Tragödie lässt.

Aus diesem Grund zeigt Film plus Kritik im Jänner 2022 im Rahmen der Reihe einsA – Neuer österreichischer Film in den Breitenseer Lichtspielen den Film „Goli Jan“ (2021) des Filmemachers Houchang Allahyari. Wir wollen das „afghanische Schicksal“ zurück in den Fokus bringen, zumindes für ein paar Stunden, und einen Kundigen fragen, welche Einblicke und Erkenntnisse er uns bieten kann.

„Goli Jan“ wurde vor der Machtübernahme der Taliban gedreht, behandelt aber immer noch aktuelle – und nun möglicherweise noch viel aktuellere – Themen und Fragen: Goli Jan ist ein jugendliches Mädchen, das in einem kleinen, afghanischen Dorf lebt, das von den Taliban kontrolliert wird. Ihr widerständiger Vater wurde von den Machthabern ermordet, ihr Onkel will sie nun an einen alten Mann verheiraten, den sie gar nicht kennt. Gemeinsam mit dem Fahrradboten Jawad flieht sie, als Bursche verkleidet, aus Afghanistan. Im Iran angekommen treffen sie auf verschiedene Menschen, die ihnen Hilfe anbieten. So landen sie schließlich auf einem Bau, wo sie gegen Essen und Unterkunft arbeiten dürfen – Goli Jan immer noch als Mann verkleidet. Schließlich findet sie – schließlich als Frau – einen Platz als Kindermädchen und Haushaltshilfe bei der Gattin des Bauunternehmers. Jawad und Goli Jan beginnen ein neues Leben fern ihrer Heimat und träumen von einer gemeinsamen Zukunft im Westen. Doch die Flucht Richtung Österreich endet tragisch.

Der Spielfilm setzt sich mit der tristen Lage in Afghanistan auseinander (die sich seither noch weiter verschlechtert haben wird), der Mob-Herrschaft der Taliban (die schon vor diesem Sommer weiter Teile des Landes unter ihrer Kontrolle hatten) und der Hoffnungslosigkeit einer jungen Generation, die ihren einzigen Ausweg in der Flucht sieht. Insbesondere gilt das für junge Mädchen und Frauen, mit denen oft wie mit „Waren“ gehandelt wird und die als „Heiratsmaterial“ zwischen Familien hin- und hergetauscht werden.

Goli Jan weigert sich, sich ihrem Schicksal zu fügen. Ihre Mutter will ihr erst noch gut zureden, dass sie doch vernünftig sein und (zwangs-)heiraten soll. Doch als sie sich umbringen will, erkennt ihre Mutter den Ernst der Lage und gibt ihre Tochter in die Obhut des Boten Jawad, der seine Flucht aus Afghanistan plant. Gleichzeitig ist die gemeinsame Flucht der Beginn einer innigen Freundschaft.

„Goli Jan“ ist ein sehr ruhiger, zurückgenommener Film, der ohne große technische Finessen und Firlefanz daherkommt. Das braucht er aber auch nicht, denn er lebt von der (geradezu dokumentarischen) Beobachtung seiner Figuren, die allesamt sehr authentisch, lebensnah und glaubwürdig wirken. Wenngleich ein fiktiver Spielfilm, kann man sich jederzeit vorstellen, dass eine Geschichte, wie sie hier erzählt wird, in dieser Region tausendfach vorkommt und das Schicksal Goli Jans und Jawads ein ganz und gar übliches ist – so tragisch das auch sein mag.

„Goli Jan“ wird am Sa, 15.1. um 19:00 erstmals in den Breitenseer Lichtspielen zu sehen sein. Der Regisseur Houchang Allahyari wird für ein Filmgespräch im Anschluss zu Gast sein, wo wir über seinen Film, den Dreh, aber auch die aktuelle Lage in Afghanistan reden werden. Außerdem ist „Goli Jan“ noch an zwei weiteren Terminen, am 20.1. und am 25.1, jeweils um 19:00, im Kino zu sehen.

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Titelbild: (c) Houchang Allahyari