„True Crime-Serien“ galten bisher meist als inhaltlich seichte und reißerische Formate filmischen / dokumentarischen Erzählens: Der Fokus lag auf direkter Schockwirkung, Massen konnten sie ob der oft billigen Machart schon lange nicht mehr vor die Bildschirme locken, das Publikum war übersättigt und wenig interessiert. Daher wurden viele True Crime-pieces meist ins Spätprogramm diverser TV-Sender verfrachtet oder liefen in ganzen Blöcken auf Nischensendern – die sich kein besseres Programm leisten konnten.

von Christian Klosz

Das hat sich geändert. Spätestens seit dem Hype um und Erfolg von Netflix‘ „Tiger King“ haben gut gemachte und wertig produzierte True Crime-Dokuserien und -filme Hochkonjunktur: Auf Netflix folgten vergleichbare Werke wie „Jeffrey Epstein – Stinkreich“ oder zuletzt „Der Tinder Schwindler“, fast immer geht es um flawed protagonists oder einfach „böse Menschen“, die andere betrügen, belügen, manipulieren und hinters Licht führen. Das Publikum taucht ein in eine geheimnisvolle, gefährliche, fremde Welt, von der eine morbide Faszination ausgeht.

Massenpsychologisch ist die neue Sehnsucht des Publikums nach solchen Inhalten einfach zu erklären: Während die fiktiven Erzählformate immer mehr nach ethischer, moralischer, politischer Korrektheit streben und die „dunklen Seiten“ der menschlichen Existenz gerne ausblenden, glattbügeln oder verkitschen, verlagert sich die Darstellung solcher Inhalte immer mehr ins Dokumentarische. Wenn „das Gefährliche“ der conditio humana in fiktiven Formaten nicht mehr existieren darf, muss die Realität die Fiktion überholen. Die Machart dieser Serien und Filme hebt sie von den meist schlecht produzierten „True Crime“-Melodramen im TV ab.

Der neueste „Geniestreich“ – ja, so muss man es nennen – von Netflix hört auf den Namen „Bad Vegan“: Bereits der Titel verweist auf die dem Sujet inhärente Ambivalenz, gelten doch Veganer gemeinhin oft als besonders auf Moral und Ethik bedachte Menschen, die nicht selten missionierend auftreten oder sich sich gar „besser“ dünken als die „normale“, fleischfressende Bevölkerung. „Bad Vegan“, eine 4-teilige Mini-Dokuserie (ca 50 min. pro Episode) ist seit 16.3. auf Netflix zu sehen. Sie erzählt vom Aufstieg und Fall der New Yorker Gastronomin Sarma Melngailis, die Anfang des Jahrtausends mit ihrem Lokal „Pure Food and Wine“ weit über die Stadtgrenzen hinweg bekannt wurde. Das dort angebotene, vegane Essen – raw vegan food – bekam beste Kritiken, Stars, Prominente, Politiker tummelten sich in dem neuen Gastro-Hotspot. Zuerst arbeitete Melngailis mit ihrem Partner Matthew Kenney zusammen, der 2009 aber das Unternehmen auf ihren Druck hin verließ. Mit einem Kredit über 2 Millionen kaufte sie seine Anteile. Was danach geschah, ist verrückter Wahnsinn, der uns in gut 3 Netflixstunden nähergebracht wird.

Melngailis lernte 2011 online Anthony Strangis kennen, der sich damals noch „Shane Fox“ nannte. Er gab sich als Geheimagent (oder Ähnliches) aus, der in gefährlichen Aufträgen für die „gute Sache“ kämpfen würde. Die beiden trafen einander und wurden schnell ein Paar. 2012 wurde geheiratet, laut Sarmas Angaben ging es dabei auch um finanzielle Überlegungen von ihrer Seite, da sich Strangis als wohlhabender Mann darstellte, der uneingeschränkten Zugang zu Geld, Informationen und Macht besaß. Dass all das eine Lüge war, konnte oder wollte Melngailis nicht erkennen, oder sie wusste es, entschied sich aber bewusst dagegen, ihre Konsequenzen zu ziehen.

Strangis verlangte mit der Zeit immer mehr Geld von Sarma, drängte sie zu abstrusen „Aufträgen“ und „Prüfungen“, in denen sie sich gegenüber einer ominösen „Familie“ und anderen, mystischen Mächten beweisen müsste, um danach Aussicht auf unendliches Glück und Unsterblichkeit zu erlangen. Auch für ihren geliebten Hund. Ja, das sagte er wirklich, wir hören seine Stimme auf zahllosen Audio-Aufnahmen, die in „Bad Vegan“ präsentiert werden, da Sarma ab einem gewissen Zeitpunkt viele ihrer Telefonate mit ihm aufzeichnete. Sie ließ sich trotzdem und aus unerfindlichen Gründen auf diesen Wahnsinn ein und geriet so immer tiefer in einen Strudel aus (gegenseitiger) Abhängigkeit, der ihr altes Leben aufzufressen drohte. Als sie schließlich ihre Belegschaft in „Pure Food and Wine“ nicht mehr bezahlen konnte, da sie Geld aus den Unternehmenskonten abgezweigt hatte, das Lokal schließen musst, war der Tiefpunkt der einst erfolgreichen und bewunderten Gastronomin erreicht.

„Bad Vegan“ lässt Sarma Melngailis selbst, aber auch viele ihrer ehemaligen Partner, Freunde, Familienmitglieder und einen mit dem Fall vertrauten Journalisten erzählen, was zwischen 2012 und 2016 geschehen war. Es ist eine unglaubliche Geschichte von Täuschung, Betrug, Lügen, aber Strangis alleine als „Bösewicht“ darzustellen, der ein willfähriges Opfer in seine Hände bekam, wäre zu einfach. Das macht auch die Serie nicht, immerhin war Sarma an vielen Vergehen direkt beteiligt (z.b. illegale Abzweigung von Geldern aus ihrem Unternehmen, was den Angestellten und Investoren große Schäden verursachte). Natürlich, meist ging es bei all dem hauptsächlich darum, Strangis Spielsucht zu unterstützen, wie wir später erfahren. Sarma wusste ab einem bestimmten Punkt aber Bescheid, Aufnahmen legen nahe, dass ihr durchaus bewusst war, was hier vor sich ging. Bis zum Schluss kann nicht nachvollziehbar erklärt und aufgeklärt werden, warum sie nicht früher „ausgestiegen“ war, sich Hilfe gesucht hatte, auch von ihr selbst nicht: Melngailis stellt es mehrfach so dar, als wäre ihr klar, dass sie mitschuldig ist, aber als wisse sie bis heute nicht genau, warum sie tat, was sie eben getan hatte.

Sarma-Melngailis-Bad-Vegan
Sarma Melngailis

Neben dem offensichtlichen, voyeuristischen Wert ist „Bad Vegan“ auch eine spannende Geschichte über psychische Abgründe und Abhängigkeiten. Die Hauptfigur ist eine schwer einzuordnende Persönlichkeit, die weder als „gut“, noch „böse“ erscheint, die weder reines Opfer, noch reine Täterin ist und die gerade deshalb auf eigenartige Weise interessant wirkt. Viele Fragen bleiben auch zum Schluss hin offen, was der Serie aber gut tut, fördert das doch das „Mysterium“ um den geschilderten Fall und deren Protagonisten. Kritisch anmerken lässt sich höchstens, dass der Hintergrund von Anthony Strangis unzureichend beleuchtet wird. Nur in kurzen Einschüben erfahren wir etwas über seinen realen „Background“, auf die möglichen Ursachen für sein Verhalten oder mögliche Erklärungen (Schizophrenie? Schwere Persönlichkeitsstörung?) wird nicht näher eingegangen. Das mag sicher auch damit zu tun haben, dass er sich weigerte, an der Serie aktiv teilzunehmen. Trotzdem wäre etwas mehr Recherche zu seiner Person angebracht und spannend gewesen.

Fazit:

„Bad Vegan“ ist eine spannende, unterhaltsame und morbid faszinierende Geschichte über eine toxische Abhängigkeitsbeziehung, die im Desaster endet. Die Serie wirft Fragen auf, über Moral, Ethik und psychologische Aspekte, stellt dar und vermeidet es, klare Antworten oder Bewertungen abzugeben: Nicht immer braucht es kreative Köpfe, die fiktive Dramen und Alpträume erfinden, denn die schlimmsten Geschichten schreibt immer noch das wahre Leben.

Bewertung:

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

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Bilder: (c) Netflix