Die Corona-Pandemie hat uns alle in den letzten Monaten vor zahlreiche Herausforderungen gestellt: gesundheitlich, persönlich und viele auch beruflich. Besonders die Filmbranche hat unter den Restriktionen geächzt. Filme mussten etliche Male verschoben werden, die Kinos waren zeitweise komplett geschlossen und der Dreh von neuen Filmen wurde durch die Auflagen und Regeln erschwert, wenn nicht gleich verhindert. Es war Kreativität gefragt, und die hat Regisseur Rob Savage mit „Host“ bewiesen.

von Cliff Lina

Nicht, dass der sogenannte „Desktop-Horror“ komplett neu wäre – Werke wie „Searching“ oder „Unknown User“ hatten sich den Kniff bereits Jahre zuvor zunutze gemacht – doch in Zeiten von Ausgangssperren ist diese Art des Filmemachens wohl die, die am meisten Sinn ergibt. Es ist allerdings nicht nur die Herangehensweise, die den Film in den Fokus gerückt hat, sondern vor allem eine Studie des Science of Scare Project, die „Host“ 2021 offiziell zum „gruseligsten Film aller Zeiten“ kürte. Marketing, wie es besser nicht sein könnte.

Erfahrene Horrorfans werden vermutlich abwinken und die Augen verdrehen, doch bevor ihr nun genervt den Artikel wechselt, lasst euch gesagt sein: dieses Mal ist der vermeintliche Titel nicht gänzlich unverdient. Zugegeben, Superlative sind immer schwierig, insbesondere da der „echte“ Horror im Kopf entsteht und hier subjektive Komponenten die größte Rolle spielen, doch genau an dieser Stellschraube setzt auch Savage an, der vieles wortwörtlich im Dunkeln lässt. Thematisch begegnen wir einer Gruppe junger Frauen, die via Zoom eine Séance veranstalten möchten. Für viele der ultimative Grusel, andere wiederum schenken der Geisterbeschwörung nur wenig Glauben und verfallen in Sarkasmus. Ein böser Fehler, denn durch den fehlenden Respekt vor der dunklen Seite schleicht sich plötzlich ein weiterer Teilnehmer in das Meeting, aus beschwipstem Spaß wird auf einmal tödlicher Ernst und wir werden Zeuge eines verzweifelten Überlebenskampfes.

Mittels der einzelnen Bildschirm-Abgriffe kann die Zuschauerschaft größtenteils alle Teilnehmerinnen zugleich beobachten, was innerlich für leichte Hektik sorgt, da die Augen ziellos über den Bildschirm wandern, um bloß kein Detail zu verpassen. Derer gibt es einige, denn „Host“ setzt zwar auch auf laute, effektive Jumpscares, streut jedoch regelmäßig leise Hinweise ein, die es zu entdecken gibt. Atempausen gibt es kaum, begünstigt durch die Laufzeit von gerade einmal knapp 60 Minuten. Vom Start weg eröffnet sich der Plot, die Figuren sind lediglich Namen ohne große Hintergrundgeschichte und gerade deshalb auch so authentisch. Unabhängig von der sehr guten Leistung der Darstellerinnen findet Savage eine gute Schnittmenge, in der sich jeder irgendwo wiederfinden kann. Ob es nun die ängstliche Emma ist, die sich unter ihrer Decke versteckt oder doch die kesse Jemma, die es vorzieht der Thematik mit Humor zu begegnen – sie alle verkörpern die Frage, wie man selbst auf die Situation reagieren würde und treiben den Herzschlag gekonnt in die Höhe. Gegen Ende, als sich die Ereignisse überschlagen und sich die Schockmomente die Klinke in die Hand geben, gibt das Werk dann leider etwas zu viel preis, versucht seinem Übel eine Gestalt zu verleihen und verliert damit einen Hauch Mysteriosität. Aus erzählerischer Sicht nachvollziehbar um einen Schlussstrich zu ziehen, aus rein filmischer Sicht aber gar nicht notwendig, da „Host“ vor allem deshalb so gut funktioniert, weil er eine Alltagssituation zeigt, wie sie jeder erleben könnte und die nicht immer zwingend erklärbar ist.

Fazit

Schwer zu glauben, aber wahr: „Host“ ist tatsächlich einer dieser Horrorfilme, die ihrem Ruf gerecht werden. Stimmungstechnisch durchgehend bedrohlich, durch den minimalistischen Ansatz jederzeit nahbar und von Anfang bis Ende leidenschaftlich gespielt. Das Pentagramm wird natürlich nicht neu erfunden, aber wer Respekt vor Urängsten hat, erlebt hier eine spannungsgeladene Stunde, wie sie unangenehmer nicht sein könnte. Als Leihtitel bei Amazon Prime Video verfügbar!

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(87/100)

Bilder: (c) Shudder

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