Wer sich auf die Suche nach den enigmatischsten und kontroversesten Filmemachern Hollywoods macht, trifft bald auf Michael Cimino: Der kleine New Yorker Regisseur schaffte es in seiner nur gut zwei Dekaden umfassenden Karriere, vom Zentrum New Hollywoods an die Peripherie des US-Kinos verstoßen zu werden, erst als neues Wunderkind der Bewegung gefeiert und dann als deren Nemesis abgestempelt zu werden, Bewertungen von Kritikern und Kollegen schwank(t)en zwischen „artistisches Genie“ und „eingebildeter, egoistischer Wahnsinniger“. Unumstritten sind seine filmischen Meisterwerke „Thunderbolt and Lightfoot“ („Die letzten beißen die Hunde“) und vor allem Oscar-Gewinner „The Deer Hunter“ („Die durch die Hölle gehen“), nach dem „Heaven’s Gate“-Desaster 1980 wurde Cimino zum Paria in Hollywood und konnte seine megalomanischen künstlerischen Visionen nur noch in kleineren Genre-Filmen wie etwa „Year of the Dragon“ („Im Jahr des Drachen“) unter gewissen Konstriktionen realisieren.

von Christian Klosz

Sein letzter Film „The Sunchaser“ aus dem Jahr 1996 war ein völliger kommerzieller Flop und wurde damals auch von der Kritik verrissen. Ähnlich wie „Heaven’s Gate“, 1980 auch entwertet, verdient das verquer sensible, dabei aber äußerst lebendige und vibrierende Road-Movie mit Woody Harrelson eine Neubewertung.

„The Sunchaser“ erzählt von Doktor Michael Reynolds (Harrelson), der im Zuge einer Routineuntersuchung eines Häftlings / verurteilten Mörders, Brandon „Blue“ Monroe (John Seda), von diesem gekidnappt wird, nachdem der erfahren hat, dass er aufgrund einer schweren Krebserkrankung trotz seiner erst 16 Jahre nur noch 1 bis 2 Monate zu leben hat. Blue weist Reynolds an, ihn mit einem gestohlenen Auto nach Arizona zu chauffieren, wo ein Schamane bei einem heiligen Gebirgssee auf ihn warten soll, der alle Schmerzen und Leiden beenden würde, wie seine Vorfahren, die Navajos, glauben. Im Zuge des erst unfreiwilligen Trips durch den wilden amerikanischen Westen kommen sich die beiden äußerst unterschiedlichen Charaktere näher und dazu, sich mit ihren innersten Gefühlen und (An)Trieben zu konfrontieren.

Cimino greift in „The Sunchaser“ das bereits in „Thunderbolt and Lightfoot“ verwendete Motiv auf und schickt ein ungleiches Duo auf einen für beide lebensverändernden Roadtrip durch die Landschaft, Geschichte und Kultur der USA und auf eine spirituelle, psychologische, metaphysische Reise durch ihre bisherigen Leben. Wie oft lässt Cimino unverblümt Sympathien für den auf den ersten Blick primitiven, intuitiven, emotionalen, ja geradezu animalischen Blue erkennen, dessen Gebaren Reynolds zuerst als gar subhuman ablehnt, er, der rationale, an Fakten interessierte Theoretiker, der an nichts glaubt, außer das, was bewiesen werden kann. Doch diese riskante Reise zwingt ihn, eigene Traumata zu konfrontieren und wieder Zugang zu seinen Gefühlen – und einer geradezu dionysischen Lebenslust, die Blue verkörpert – zu finden, während Blue sich damit abfindet, dass das Schicksal doch nicht allein durch Glauben, Wollen und Wünschen bestimmt und bestimmbar ist.

Visuell und inszenatorisch knüpft Cimino hier nahtlos an seine Meisterwerke an, während die einzige Kritik der manchmal doch etwas zu holprigen und wilden Dramaturgie gelten kann – was aber schließlich doch auch wieder passt, irgendwie. Das Finale von „The Sunchaser“ offenbart eine geradezu transzendentale Mystik, die den scheinbaren Konflikt zwischen zwei konträren Lebensentwürfen – ratio vs. emotio, Verstand und Logik vs. Glaube und Intuition – auf bemerkenswerte Art und Weise auflöst.

„The Sunchaser“ ist derzeit im Abo von Disney+ zu sehen.

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Bild: (c) Disney+