Schon lange bevor „Blond“ letztendlich bei Netflix veröffentlicht wurde, war der Film Gesprächsthema. Denn er schneidet ein Thema an, das in Hollywood in den letzten Jahren einerseits an Fahrt aufnimmt und andererseits langsam für Abneigung sorgt. Das Aufwärmen der Lebensgeschichten von Ikonen der Popkultur, sei es nun Elvis oder wie hier Marilyn Monroe, wird zunehmend als kontrovers erachtet, Hollywood möge doch aufhören, aus den meist tragischen Lebensumständen jener Personen Stoffe für Kino und Heimkino zu spinnen, Profit aus Tragödie zu schlagen, heißt es mancherorts. Ein Ende des Biopic ist sicherlich nicht in Sicht – doch im Falle von „Blond“ muss die Frage gestellt werden, ob der Film überhaupt als Biopic betrachtet werden kann. Er ist jedenfalls seit 28.9. auf Netflix zu sehen.

von Lena Wasserburger

Denn eigentlich basiert der Film nur in groben Zügen auf Monroes wahrem Leben und viel mehr auf der fiktionalen Erzählung „Blonde“ von Joyce Carol Oates. „Blond“ ist somit mehr Romanverfilmung als Biopic und von der Wirklichkeit zuweilen sehr weit entfernt. In etwas, das sich im Verlauf des Filmes häufiger wie eine Aneinanderreihung von Fieberträumen anfühlt als eine Erzählung mit klarer narrativer Struktur, erzählt Regisseur Andrew Dominik die Geschichte einer Hollywood-Figur, Marilyn Monroe, und jene der Person dahinter: Norma Jeane Baker.

„Das Ding auf der Leinwand bin nicht ich“, murmelt Norma Jeane zu sich selbst und signalisiert dem Publikum somit, dass Marilyn Monroe mehr Schein als Sein, mehr Illusion als Mensch ist. Die Frage, die sich nun stellt ist: Wer ist Norma Jeane Baker? Zu Beginn von „Blond“ erhält man einen vermeintlichen Einblick in ihre traumatische Kindheit. Von ihrer Mutter Gladys wird die kleine Norma misshandelt, ja einmal sogar fast in der Badewanne ertränkt, bis Gladys in eine psychiatrische Klinik eingewiesen wird. Norma verbringt die nächsten paar Jahre ihres Lebens im Waisenhaus. Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, doch seine unsichtbare Präsenz, die Sehnsucht nach ihm sowie ein Foto, das Gladys zufolge Normas Vater darstellt, begleiten die junge Frau durch ihr ganzes Leben. Die Lücke zwischen Norma Jeane und Marilyn Monroe schließt der Film nicht, stattdessen gibt es einen Zeitsprung, der zu den Anfängen von Marilyns Karriere in Hollywood führt, die von Beginn an von Missbrauch und Ausbeutung gekennzeichnet ist. Stets ist Marilyn umgeben von Menschen, überwiegend Männern, die sie vor allem als Sexsymbol, als „Blonde Bombshell“, und nicht viel mehr darüber hinaus betrachten. Auch die zwei Ehen, die sie im Film eingeht, sind nicht der sichere Zufluchtsort, den sich die zu diesem Zeitpunkt bereits stark traumatisierte Marilyn zu wünschen scheint. Während Marilyn am Gipfel des Hollywood-Olymps angekommen ist, ist Norma Jeane nur noch ein Schatten ihrer selbst. Innerlich zerrissen sucht Norma Zuflucht in Drogen und Alkohol, während sie vor der Kamera noch immer lieblich lächelt.

„Blond“ ist keine Hommage an die Hollywood-Ikone Marilyn Monroe, sondern eine brutale Auseinandersetzung mit dem Missbrauch und der Ausbeutung einer jungen Frau. Ja, der Titelcharakter heißt Marilyn und Ana de Armas sieht dieser tatsächlich bemerkenswert ähnlich, doch letztendlich ist Marilyn Monroe für Andrew Dominik kaum viel mehr als eine Leinwand, ein Hintergrund für eine Geschichte über Trauma, die nicht sehr daran interessiert ist, ihrem Titelcharakter eine wahre Persönlichkeit zu geben. Marilyn ist ein Passagier in ihrer eigenen Geschichte, ein Missbrauchsopfer, deren Psyche zunehmend unter den Personen um sie herum, wie auch unter der Hollywoodkultur selbst leidet. Ironisch ist, dass der Film sich offensichtlich darum bemüht, die Ausbeutung Marilyns zu kritisieren, obwohl der Film ebendies selbst tut. Nur, dass Marilyn in diesem Fall, zusätzlich zu ihrer Rolle als „Sex-Ikone“, auf ihr Trauma reduziert wird.

Andrew Dominik inszeniert in „Blond“ jegliches Leid, das Marilyn erfahren oder auch nicht erfahren hat (der Film ist immerhin keine wahrheitsgetreue Nacherzählung) zwar mit herausragender Kreativität dank technischer und artistischer Meisterleistung, schießt hierbei allerdings manchmal über das Ziel hinaus. Visuell betrachtet hat man es hier wahrlich mit einem außergewöhnlichen Werk zu tun. Teile des Films werden in Schwarz-Weiß, andere in Farbe erzählt und in punkto Cinematography bedient man sich jeglicher Tricks und Einstellungen, die man nur finden konnte. Dabei gerät die eigentliche Handlung, die oft ohnehin primär aus losen Schnappschüssen besteht und damit nicht unbedingt einem klaren roten Faden folgt, oftmals in den Hintergrund. In seinen besten Momenten überlässt „Blond“ seinem Cast, insbesondere Ana de Armas das Spielfeld und lässt deren schauspielerische Leistung für sich sprechen. In seinen schlimmsten Momenten wird der Film doch zu grotesk und überzogen – beispielsweise, wenn sich Marilyn mit einem sprechenden Fötus unterhält.

Wenn man „Blond“ allerdings für eine Sache loben muss, dann wohl für die Hauptdarstellerin. Ana de Armas geht vollends in ihrer Rolle auf und es vergeht keine Sekunde des Films, in der nicht offensichtlich ist, wieviel Energie und Herz de Armas in dieses Projekt gesteckt hat. Ihre Co-Stars, darunter Adrien Brody und Bobby Cannavale, liefern ebenfalls tolle Performances ab, doch letztendlich ist es Ana de Armas, die die Aufmerksamkeit für sich beansprucht.

Fazit

„Blond“ hypnotisiert von Beginn an bis zum Ende, allerdings nicht immer aus den besten Gründen. Was von den einen womöglich als stark und kunstvoll empfunden wird, würden andere vermutlich als überfordernd und schlichtweg übertrieben einstufen. Es bleibt ein Film, der die Meinungen nach seinem Release möglicherweise noch mehr spalten wird als zuvor.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(69/100)

Bilder: (c) Netflix