Nachdem Daniel Craig im Namen des MI6 erfolgreich gegen den herabstürzenden Himmel und ein königliches Casino gekämpft hat, hat er zwar keine Zeit zu sterben, aber genügend Freiraum für andere Filmprojekte. Da trifft es sich gut, dass Netflix nach dem Erfolg von „Knives Out“ sofort die Geldkoffer ausgepackt und sich zwei Fortsetzungen gesichert hat, in denen Craig abermals den „weltbesten Detektiv“ Benoit Blanc verkörpert. Nun heißt es beiseite mit dem Martini und her mit der gläsernen Zwiebel.

von Cliff Lina

In „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ tauscht der Brite den maßgeschneiderten Zwirn gegen ein lockeres Hawaiihemd ein, Zielort der Veranstaltung ist nämlich eine griechische Insel, auf der der offenbar stinkreiche Unternehmer Miles Bron zu einer Art Real-Life-Cluedo lädt und ehemalige Weggefährten für ein komplettes Wochenende um sich versammelt. Was Miles nicht auf dem Schirm hat: Blanc hat seinen Titel nicht grundlos und das minutiös geplante Rätsel gelöst bevor es richtig losgegangen ist. Was Blanc wiederum nicht ahnt: jemand hat es tatsächlich auf Miles abgesehen, und aus dem initiierten Spiel wird schnell blutiger Ernst.

Regisseur Rian Johnson verlagert seine Handlung somit auf eine sonnendurchflutete Insel und verlässt das hölzerne Anwesen, in dem sich der Überraschungserfolg des ersten Teils zutrug. Inhaltlich haben beide nichts miteinander zu tun, lediglich Blanc selbst dient als Verbindungsstück – in etwa so, wie es Hercule Poirot in den Agatha Christie Adaptionen tut. Die erste Stunde des Films bringt der Zuschauerschaft sämtliche Charaktere näher, teasert immer wieder kleinere Geheimnisse an und lässt erahnen, dass der trügerische Schein jederzeit überschattet werden könnte. Optisch sind sowohl die Kulissen als auch die Charaktere eye candy aus der Feinkostabteilung, auch wenn es „Glass Onion“ phasenweise mit seinen Effekten übertreibt. In der namensgebenden Glaskuppel lässt sich der Greenscreen quasi mit bloßem Auge erkennen, ganz ohne siebten Sinn.  

Wie im ersten Teil agiert Blanc als verlängerter Arm der Betrachter, hinterfragt Zusammenhänge, erklärt Einzelheiten, blickt zurück und voraus. Das wirkt im ersten Moment erschlagend und clever konzipiert, doch bei genauem Hinsehen ist vieles davon bloße Augenwischerei, mittels derer Johnson über erzählerische Schwächen hinwegtäuschen will. Nicht, dass man die Entwicklung nach einer halben Stunde entschlüsselt hätte, aber bestimmte Ereignisse sind zu schnell ersichtlich und nehmen Spannung raus. Generell lässt das Werk wenig Raum für Interpretation, vor allem weil die Figur des stilvollen Ermittlers zu sehr im Fokus steht. Wo „Knives Out“ noch minutenlange Szenen mit Nebenhandlungen und Charakterentwicklungen füllen könnte um die Substanz zu stärken, verlässt sich Teil 2 beinahe ausschließlich auf seinen Detektiv, der in nahezu jeder Einstellung irgendeinen schlauen Spruch über die Szenerie legt.

Insgesamt sind die Figuren also eher Füllmaterial als ernstzunehmende Handlungsträger. Dave Bautista wirkt in seiner Rolle des Duke wie ein laufendes Tik Tok Meme, gibt semi-amüsante Oneliner von sich und kommt einem wie der verzweifelte Versuch vor auch das jüngere Publikum anzusprechen. Die Rolle des Lionel hätte man vorab komplett streichen können, Gouverneurin „Claire Bär“ schaut zumeist auch nur gelangweilt in ihr Weinglas und was genau Edward Norton sich bei seiner Interpretation des schmierigen Unternehmers gedacht hat, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Möglicherweise waren auch alle einfach nur genervt davonregelmäßig eine seltsame Produktplatzierung oder blankes namedropping betreiben zu müssen. „Woke“ hier, „Google Alert“ dort, und „Boobs“ sind übrigens total toll. „Sorry Feminismus!“ Dann hat Jared Leto irgendein Getränk erfunden und Jeremy Renner macht jetzt in scharfer Soße. Okay? All das macht den Film nicht eine Epidermis besser, ganz im Gegenteil. Nicht falsch verstehen: „Glass Onion“ bietet für Fans des ersten Teils die bekannten Wendungen und weiß in den wichtigen Momenten das Ruder an sich zu reißen, diverse Entscheidungen lassen sich jedoch überhaupt nicht nachvollziehen. Ohne die engagierte Leistung von Daniel Craig wäre die Zwiebel hier frühzeitig in den Kochtopf gefallen – so liegt Johnson mit seinem Whodunit noch eine Schiffslänge vor Kenneth Branagh, der seinen Versuch klanglos im Nil versenkt hatte.

Fazit

Die Rätselfreunde Recklinghausen dürfen frohlocken, auch der zweite Teil der Knives Out Reihe tischt die bekannten Stärken auf und lädt zum Mitraten ein. Puzzlespaß für Groß und Klein, doch „Glass Onion: A Knives Out Mystery“ bringt einen mit seinen flachen Figuren auch öfter zum Weinen als es gut wäre – vor Langeweile wohlgemerkt, weil er alles bis ins kleinste Detail erklärt um auch den talentfreien Detektiv aus Datteln am Ende wie einen Gewinner strahlen zu lassen. Viel durchsichtiger Schein bei moderatem Sein. 

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(62/100)

Bilder: ©Netflix