Wer hat Angst im Dunkeln? Ganz schöne viele Menschen, meint die personifizierte Dunkelheit, ein Geschöpf mit leuchtenden Augen und Kapuze. Dabei ist die Dunkelheit im neuen Netflix-Animationsfilm „Orion und das Dunkel“ eigentlich ein ganz cooler Typ und der Film weit tiefgründiger als man es zunächst vielleicht erwarten würde. Das Werk von Drehbuchautor Charlie Kaufman („Being John Malkovich„, „I’m thinking of ending things„) ist seit 3.2. bei Netflix zu streamen.

von Lena Wasserburger

Am Horizont Hollywoods zeichnet sich ein äußerst begrüßenswerter Trend ab – auch wenn sich sicher darüber streiten lässt, ob es sich hier tatsächlich um einen neuen Trend oder eh um eine Konstante handelt. Die Rede ist von Animationsfilmen mit Tiefgang. Dieses speziellen Genre, das auf den ersten Blick nach Kinderfilm riecht und schmeckt bis man sich, auch als erwachsene Person, eingesteht, dass man nie zu alt für Animation ist. Und im Fall von „Orion und das Dunkel“ stimmt das ganz besonders.

Klar, die primäre Zielgruppe, die Netflix hier erreichen wollte, findet sich wohl eher am unteren Ende des Altersspektrums. Und doch: Die Themen, die in „Orion und das Dunkel“ angesprochen werden, sind nicht nur Kindern ein Begriff. Thema Nummer eins? Die Angst. Das große, unsichtbare Ungetüm, das so viele unserer Handlungen steuert, heute auch unter dem vielbenutzten Wort „Anxiety“ bekannt, macht Hauptcharakter Orion nämlich das Leben schwer. Denn er fürchtet sich vor so ziemlich allem: mörderischen Clowns, Bienen, davor, dass er versehentlich das Schulklo verstopfen könnte, dem Tod, hübschen Mädchen, seinem Erzfeind Ricci Panicci und natürlich vor der Dunkelheit – die macht ihm ganz besonders zu schaffen.

Nachts verflucht Orion die Dunkelheit („Warum kann es denn nicht immer hell sein?). Doch dann wird es der Dunkelheit irgendwann zu bunt. Das ständige Geschrei des jungen Orion ist immerhin kaum noch auszuhalten. Also stattet Dunkel, in Gestalt eines übernatürlichen Wesens, dem kleinen Störenfried einen Besuch ab. Es wird Zeit, dass Orion über seine Angst hinauswächst. Also nimmt Dunkel den Jungen mit auf eine Reise durch die Nacht, um ihm die Schönheit der Dunkelheit zu zeigen und warum sie so viel cooler ist als das Licht, ein Wesen mit Stachelfrisur und Sonnenbrille („Was finden nur alle an diesem Typen?“). Auf seiner Reise begegnet Orion den anderen Nachtwesen Schlaf, Traum, Schlaflosigkeit, Rätselhaftes Geräusch und Stille und lernt allmählich, dass er seine Ängste vielleicht nicht überwinden, aber akzeptieren kann.

orion und das dunkel
„Orion und das Dunkel“ ist jetzt auf Netflix zu sehen

„Angst gehört zum Leben dazu. Man muss sie fühlen und es trotzdem tun.“ Einer von vielen Sprüchen, die genauso gut aus dem Mund eines Therapeuten kommen könnten. „Orion und das Dunkel“ geizt nicht mit wohlgemeinten Ratschlägen, die ursprünglich vielleicht an Kinder adressiert waren, aber auch bei Erwachsenen die Wirkung nicht verfehlen. Der Film ist voll von kindlicher Fantasie und Warmherzigkeit, die man ruhig kitschig finden kann, wenn man mit den eigentlichen Messages des Films kaum Berührungspunkte hat. Doch wer sich auch nur ein wenig in die Charaktere hineinversetzen kann, der kommt nicht umhin, den Film sympathisch zu finden, Kitsch hin oder her.

Der Animationsstil hat eine ganz eigene Handschrift, auf visueller Ebene steht „Orion und das Dunkel“ auf seine eigene Weise der jüngsten Konkurrenz im Genre Animationsfilm in nichts nach, auch wenn der Film weit entfernt ist von einem optischen Spektakel à la „Spiderman: Across the Spider-Verse“. Die Bilder sind simpler, nüchterner und trotzdem ansprechend. Hier wurde eine Welt gestaltet, die abstrakten Dingen Namen, Gesichter, ja eine Persönlichkeit gibt und ebendiese Dinge dadurch greifbar und die Charaktere glaubhaft macht. „Rätselhaftes Geräusch“ ist eine Art Roboterfrau mit mechanischer Stimme, deren Aufgabe es ist, nachts herumzuschleichen und Menschen zu erschrecken? So absurd es auch klingt, es funktioniert. Der Fantasie sind hier nämlich keine Grenzen gesetzt und gerade im Animationsgenre ist das auch gut so. Und, wer hat jetzt noch Angst im Dunkeln?

Fazit

Überraschend witzig, feinfühlig und warmherzig – „Orion und das Dunkel“ ist eine Umarmung in Form eines Films für Kinder und das innere Kind in Erwachsenen. Da darf es gerne auch mal ein bisschen kitschig und quietschbunt zugehen.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(84/100)

-> Kritik zu „I’m thinking of ending things“

-> Kritik zu „Being John Malkovich“

Orion und das Dunkel
2024, USA, Animation
90 Minuten
Regie: Sean Charmatz
Drehbuch: Charlie Kaufman
Darsteller/innen (Sprechrollen): Paul Walter Hauser, Werner Herzog, Chelsea Peretti u.a.

Bilder: (c) netflix