Bei der Oscar-Verleihung vor 1,5 Wochen konnte der britische Regisseur Jonathan Glazer verdient den Preis für den Besten Internationalen Film mitnehmen (dazu jenen für den Besten Sound): Sein nüchternes Drama „The Zone of Interest“ nähert sich auf ungewöhnliche, bisher unbekannte Art und Weise dem Holocaust, indem es das Grauen selbst nicht zeigt, sondern die Simulation einer Normalität, die in direkter Nachbarschaft des Terrors stattfindet. Glazer, der selbst jüdisch ist, erhielt viel Lob für sein Werk, dem angesichts des Erstarkens rechtsextremer Parteien wie der AfD oder der FPÖ auch eine dringliche Aktualität attestiert wurde.

Umso größer war die Verstörung bei nicht wenigen, als sie Glazers Oscar-Ansprache verfolgten: Er verglich dort indirekt die israelische militärische Reaktion auf die Terror-Anschläge und Geiselnahmen seitens der Hamas im Oktober 2023 mit dem NS-Terror, sprach von einer „occupation“, die Israel im Gaza-Streifen und anderen palästinensischen Gebieten betreiben würde.

Nun ist von einer „Besetzung“ dieser Gebiete insbesondere in anti-kolonialen/-imperialistischen Diskursen mancher linker Zirkel die Rede, die das jüdische Volk als „weiß“ deklarieren und die Palästinenser als „nicht-weiße Unterdrückte“, die sich gegen die jüdische Oppression wehren würden. In dieser Logik wird auch der Hamas-Terror als legitimer Widerstandskampf gelesen, selbst wenn er unschuldige israelische Zivilisten trifft. Diese Deutung negiert natürlich die Geschichte des jüdischen Volkes, die Geschichte des Staates Israel – und nicht zuletzt die Geschichte des Antisemitismus und des Holocaust.

Gerade deshalb verstörten Glazers Aussagen, wobei nicht bekannt ist, ob er den unpassenden Vergleich der „Schockwirkung“ wegen wählte und sich damit vor allem gegen das Vorgehen der israelischen Netanjahu-Regierung positionieren wollte, das auch von vielen liberalen Israelis scharf kritisiert wird. Generell passte der Rest des Statements nicht zwingend zu der „occupation“-Aussage, da Glazer Opfer auf allen Seiten erwähnte: „Whether the victims of October — whether the victims of October the 7th in Israel or the ongoing attack on Gaza, all the victims of this dehumanisation, how do we resist?“

Jedenfalls rief Glazer viel Kritik hervor, gerade unter jüdischen Filmschaffenden Hollywoods. Die ging soweit, dass vor wenigen Tagen ein offener Brief veröffentlich wurde, in dem rund 500 Filmleute die Aussagen von der Preisverleihung zurückwiesen. Auf Glazers Rede Bezug nehmend heißt es dort: „We refute our Jewishness being hijacked for the purpose of drawing a moral equivalence between a Nazi regime that sought to exterminate a race of people, and an Israeli nation that seeks to avert its own extermination. (…) The use of words like “occupation” to describe an indigenous Jewish people defending a homeland that dates back thousands of years, and has been recognized as a state by the United Nations, distorts history.“

Unterzeichnet wurde der Brief von vielen bekannten Filmschaffenden, Produzenten und Kreativen vor und hinter der Kamera wie Eli Roth („Thanksgiving“), Debra Messing oder Jennifer Jason Leigh.

von Christian Klosz