Es ist zwar April und damit noch einige Zeit bis Halloween, doch scheint das Frühjahr 2024 eine besondere Anziehungskraft auf Horrorfilme auszuüben. Nachdem “Imaginary” und “Immaculate” bereits auf der Leinwand zu sehen sind und “Knock Knock Knock” auch schon in den Startlöchern steht, gibt es nun die Vorgeschichte zu einem der berühmtesten Psycho-Horrorfilme der der 1970er Jahre, der zugleich einer der Klassiker des Genres ist. “Das erste Omen” erzählt von den Ereignissen, die sich vor dem “Omen” (1976) abspielen und hat dabei einige gute Ansätze, die zeigen, dass sich die Macher*innen das Vorbild zu Herzen genommen und ernsthaft vorhatten, ein gutes und ansprechendes Prequel zu produzieren. Dies ist nicht unwichtig zu erwähnen angesichts eines Machwerks wie “Der Exorzist: Bekenntnis” (2023), dessen einzig positiver Aspekt darin besteht, dass der kurz zuvor verstorbene William Friedkin ihn nicht mehr mit hatte erleben müssen.

von Richard Potrykus

Rom, 1971. Die amerikanische Novizin Margaret Daino (Nell Tiger Free) wird durch Kardinal Lawrence (Bill Nighy) nach Rom beordert, um dort in einem Kloster und Waisenhaus zu leben und ihr Gelübde als Nonne abzulegen. Obwohl sie aus Amerika stammt und nur wenig Italienisch spricht und versteht, findet sie schon bald Anschluss, sowohl zu den Nonnen und anderen Novizinnen als auch zu den Kindern, die dort leben. Dann und wann wird Margaret von Erscheinungen geplagt, die auch gleich als Jump Scares in den Film integriert werden, doch im Allgemeinen ist das Leben in dieser Gemeinschaft gut.

Besondere Beziehungen baut sie vor allem zu zwei Personen auf. Da ist einerseits die Novizin und Mitbewohnerin Luz (Maria Caballero), die im Angesicht ihres bevorstehenden Gelübdes noch einmal alle körperlichen Sinne ausleben will, und andererseits das Waisenkind Carlita (Nicole Sorace), die isoliert von den anderen Kindern im Waisenhaus lebt. Zu Carlita fühlt Margaret eine spezielle Nähe, da das Mädchen ähnliche Erfahrungen zu machen scheint wie Margaret, als sie selbst noch ein Kind war.
Schließlich aber ändern sich nach und nach die Vorzeichen. Margarets Halluzinationen, so es denn welche sind, nehmen zu und es stellt sich die Frage, in was für eine Situation Margaret da geraten ist.

Wie eingangs erwähnt, nimmt sich der Film “Das Omen” nicht nur zum Vorbild, sondern auch zu Herzen und besticht gleich zu Beginn durch die matten Farben der Filme der 1970er Jahre. Vermeintliche Unfälle können geschehen und zwar immer dann, wenn Suchende der Wahrheit zu nahe kommen. Es sind großartige Momente, wenn Nahaufnahmen von Augen das Seherlebnis torpedieren und unterbrechen, wenn das Unwohlsein im Publikum empor kriecht und es so daran erinnert, dass der Film nicht gut ausgehen wird, weil er im Angesicht des Originals nicht gut ausgehen kann. Okkulte Vergewaltigungen erinnern an Polanskis “Rosemary’s Baby” (1968) und dann ist da noch die ultimative Referenz an “Das Omen”, wenn…, nun ja, man wird sie erkennen.

Das Besondere an Filmen wie dem “Exorzisten”, dem “Omen” und auch “Rosemarys Baby” ist ja, dass sie einerseits Horrornarrative präsentieren, aber gleichzeitig eine zweite Geschichte erzählen, die sich auf einer dramatischen Ebene abspielt, die in einem anderen Setting gänzlich ohne übernatürliche Begebenheiten auskämen. Und so ist es auch in diesem Fall. David S. Goyer, der Drehbuchautor, der schon an der Dark Knight-Trilogie von Christopher Nolan mitwirkte, gliedert die Unheimlichkeit rund um das Kind des Teufels ein in eine säkulare Welt, in das Italien der frühen 1970er Jahre, was nicht nur zum Kanon der Omen-Reihe passt, sondern auch politisch interessant ist.

Zu jener Zeit gab es, wie an vielen Orten in Europa, Unruhen, Proteste, Menschen, die auf die Straße gingen, um gegen etablierte Strukturen zu rebellieren. Autoritäten wurden nicht länger als gegeben hingenommen, sondern hinterfragt und nicht zuletzt in Rom war eine dieser Autoritäten die katholische Kirche. Freiheit wird Gehorsam gegenübergestellt und freizügige Partyoutfits einer Ordenstracht, und so kommt es, dass Margarets Zimmernachbarin Luz “ein Leben außerhalb der Ordenstracht” als “beängstigend” ansieht und Kardinal Lawrence in der Abkehr der Jugend von Autoritäten nicht nur einen Konflikt sieht, sondern einen Gegner, den es zu besiegen gilt.

Fazit

Ob es einen Film wie “Das erste Omen” unbedingt gebraucht hätte, sei einmal dahingestellt, dennoch ist es sehenswert, wie hier eine Erzählung präsentiert wird, die dem bestehenden Kanon eine neue Facette hinzufügt und gleichsam die Tradition der alten Filme am Leben erhält. Leider zieht der Film diese Tradition nicht in Gänze durch. Die Tatsache, dass der zeitgenössische Horrorfilm vor allem durch Filmreihen wie “Conjuring” und “Insidious” geprägt wurde, geht auch an “Das erste Omen” nicht spurlos vorbei und so gibt es für das Publikum gruselige Gestalten zu sehen, die im Schatten lauern und Eindrücke übernatürlicher Wesen. Das führt zu Brüchen mit einer Atmosphäre, die ansonsten einwandfrei ist und in der Hauptfigur sowie der undurchsichtigen Schwester Silvia (Sônia Braga) exzellente Repräsentantinnen besitzt.

Wertung

Bewertung: 8 von 10.

(77/100)

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