„Momma“ (Halle Berry) lebt mit ihren Zwillingssöhnen Samuel und Nolan in einer abgelegenen Waldhütte. Sie haben keinen Kontakt zur Außenwelt, die beiden Jungen erfahren von ihrer Mutter, dass sich draußen „das Böse“ herumtreibt, sie berichtet von Visionen von verstorbenen Menschen, die allerdings nur sie sehen kann. Deshalb müssen die 3 regelmäßig magische Sprüche und Gebete aufsagen, dürfen das sichere Zuhause nur verlassen, wenn sie mit dicken Seilen, die sie sich um den Bauch binden, mit dem Haus verbunden sind – um Tod und Verderben fernzuhalten.

von Christian Klosz

Die Kleinfamilie ernährt sich von Fröschen, Baumrinde und anderen Köstlichkeiten, was auch dazu beiträgt, dass bei Nolan Zweifel über den Wahrheitsgehalt der mütterlichen Warnungen und Schauergeschichten aufkommen. Als sie schließlich den geliebten Hund Koda töten will, um ihn als Lebensmittel zu nutzen, stellt sich Nolan gegen seine Mama und trennt sein Seil: Die Situation eskaliert und die kleine Wald-Welt gerät völlig aus den Fugen…

Der französische Regisseur Alexandre Aja ist zweifelsohne ein talentierter und versierter Filmemacher, der sich im Horror-Genre einen Namen gemacht hat: „The hills have eyes“, „Piranha 3D“ und „Oxygen“ gehören zu seinen gelungenen Werken, während man „Mirrors“ oder „Crawl“ im besten Fall als nette Versuche bezeichnen kann. Ein klassischer „hit and miss“-director also. Aja ist oft (zu) sehr abhängig von den Drehbüchern, die Fähigkeit zur Erzeugung von Suspense bringt wenig, wenn der Plot Mist ist.

Sein neuer Film „Never let go“ ordnet sich eindeutig in der miss-Kategorie ein. Das hat mehrere Gründe: Das Drehbuch ist konfus, stellt das Publikum vor Rätsel, die nie aufgelöst werden. Die Handlung ist zudem zu dünn, um für einen Film mit 100 Minuten Laufzeit zu reichen. In der ersten Stunde passiert so gut wie gar nichts. Der Film versucht das zu kompensieren, indem das Hauptaugenmerk auf die Atmosphäre gelegt wird. Die ist aber nun auch nicht sonderlich aufregend oder schaurig.

Das Publikum wird also sehr lang und ausführlich in das isolierte Leben der Wald-Familie eingeführt, erfährt aber kaum etwas über die Hintergründe. Wer nun erwartet, dass bis zum Ende Licht ins Dunkel kommt, wird enttäuscht. Es werden Fragen aufgeworfen, die oft auch gar keinen Sinn ergeben. Mögliche Interpretationsansätze der Handlung gehen ins Leere und verlieren sich im Dickicht der Spekulation: Soll „Never let go“ eine Allegorie auf überfürsorgliche Helikopter-Eltern sein? Eine verklausulierte Rassismus-Abhandlung? Eine filmische Verarbeitung möglicher Lockdown-„Traumata“? Eine Parabel über psychische Störungen? Man weiß es nicht. Und noch schlimmer: Der Film scheint es selbst nicht zu wissen.

Völlig ratlos zurück lässt einen dann auch das Ende: Es gibt keine Auflösung, keine Erklärung, keinen Twist. Da hilft es auch wenig, dass „Never let go“ technisch – wie von Aja gewohnt – sehr solide umgesetzt ist. Horror-Fans, die etwa mit „The Hills have eyes“ vertraut sind und sich am Anblick extensiver blutiger Grauslichkeiten erfreuen, werden ebenso enttäuscht: Der Film setzt eher auf subtilen, übernatürlichen Psycho-Horror. Möchte er zumindest, denn wirklich aufkommen tut der nie.

Fazit

„Never let go“ ist eine Enttäuschung, da der Film schlicht nicht weiß, was er will. Es ist fraglich, ob die Drehbuchautoren und der Regisseur je wussten, was sie wollten. Das breite Publikum jedenfalls wird diesen Film sehr wahrscheinlich nicht wollen. Solides Handwerk können über ein konfuses Drehbuch und ein ratlos machendes Finale nicht hinwegtäuschen.

Bewertung

Bewertung: 3 von 10.

(33/100)

Seit 26.9. im Kino.

Bild: (c) LEONINE