2024 scheint ein seltsames Jahr für Fortsetzung zu sein: Erst bricht Todd Philipps zur Gänze mit den Erwartungen und inszeniert mit “Joker: Folie À Deux” ein dekonstruierendes Jukebox-Musical. Und nun haucht Ridley Scott seinem Gladiator nach 24 Jahren neues Leben ein und verzichtet auf die Erschaffung eines neuen Mythos. Für ein einfältiges Publikum sicherlich schwer zu verarbeiten.
von Richard Potrykus
“Gladiator 2” setzt 16 Jahre nach den Ereignissen aus dem ersten Teil an und zeigt eine befestigte Küstenstadt in Nordafrika. Zu den Truppen, die die Stadt verteidigen können, gehören auch Hanno (Paul Mescal) und dessen Frau Arishat (Yuval Goden). Es dauert nicht lange, da nähert sich die römische Flotte der Stadt, angeführt von Tribun Acacius (Pedro Pascal). Im folgenden Gefecht tötet Acacius Arishat, wird Hanno bewusstlos geschlagen und als Sklave nach Ostia in der Nähe von Rom verfrachtet. Dort erregt er die Aufmerksamkeit des Sklavenhändlers Mancrius (Denzel Washington), der Hanno erwirbt und zum Gladiatoren ausbilden möchte.
Gleichzeitig wird Acacius bei den beiden Kaisern von Rom, den Brüdern Caracalla (Fred Hechinger) und Geta (Joseph Quinn), vorstellig, soll geehrt werden und trifft sich schließlich mit Lucilla (Connie Nielsen), jener Lucilla, die früher die Geliebte von Maximus (Russell Crowe) war und der auch in Teil 1 eine bedeutende Rolle zukam. Gemeinsam planen sie einen Putsch gegen die beiden Kaiser, während Hanno sich seinen Weg in die große Arena des Kolosseums erkämpft, um an Acacius Rache für den Tod der Frau zu nehmen.
“Gladiator 2” ist zweifelsohne ein echter Sandalenfilm, ein bildgewaltiger Historienschinken, wie es bereits der erste Teil gewesen war, und kann mit Spektakel aufwarten. Wie schon die echten Gladiatorenkämpfe vor 2000 Jahren bietet auch Scotts Film allerlei Schaueffekte. Die Kämpfe sind anständig inszeniert, die Farben sind prächtig und dann ist da noch das geflutete Kolosseum. Ob die computeranimierten Tiere allerdings jeden Menschen im Publikum gleichermaßen abholen, sei dahingestellt: Für den Moment sehen sie imposant aus, doch die kommenden Jahre werden zeigen, wie überzeugend die Arbeit wirklich ist.
Imposant war auch “Gladiator” von 2001, doch im Gegensatz zum Vorgänger setzt der neue Film nicht auf die Inszenierung eines mythischen Helden. Zweifelsfrei ist Maximus auch in “Gladiator 2”, obwohl verstorben, mehr als präsent, doch wird Hanno, die Hauptfigur des Films, nicht als sein Nachfolger eingeführt. Selbst als herauskommt, dass jener eigentlich Lucius heißt und Maximus’ Sohn ist, trägt dies nicht zur Legendenbildung bei.
Die Handlung von “Gladiator 2” hingegen weist einige Parallelen zum ersten Teil auf. Es gibt gleiche Figuren, es gibt ähnliche Traumsequenzen und Einstellungen. Der Fall eines Menschen in die Sklaverei, über den Gladiatorenkampf in die Öffentlichkeit, bis hin zur Gallionsfigur einer Bewegung ist in beiden Filmen ähnlich, doch unterm Strich ist Hanno nicht Aragorn. Er ist ein Held ohne Strahlkraft – und das ist gewollt.
Ridley Scotts Rom ist kein gutes Rom, nicht, weil der politische Traum aus dem ersten Teil nicht umgesetzt worden ist, sondern weil es kein menschliches Rom ist. Scott spart die normale Bevölkerung der Stadt komplett aus. Sie ist nicht mehr als eine unpersönliche Masse, die durch Brot und Spiele bei Laune gehalten wird. Der Fokus liegt auf der Oberschicht, den Reichen und den Politikern. Die beiden Kaiser sind halb Kinder, halb Wahnsinnige, die Senatoren vergnügen sich bei Orgien und ergötzen sich an blutigen Zweikämpfen. Der Film erwähnt den Gründungsmythos der Stadt, die Legende um Romulus und Remus, und mischt ihr durch die Wölfin einen Charakter der Bestialität bei. Dadurch wird die Stadt und alles, wofür sie steht, entmenschlicht und erhält einen animalischen Beigeschmack.

Diese Triebsteuerung lässt Mancrius auch erkennen, dass Hanno zum Gladiator taugt, als er sich in einem Kampf gegen wildgewordene Affen selbst wie ein wildes Tier verhält. Unter die bestialische Repräsentation Roms mischt sich alsbald auch ein fortwährendes Geflecht aus Ränkeschmieden und Intrigen. Abseits des Plans von Acacius suchen allerhand Figuren nach einem Moment, durch Veränderungen selbst machtvoll zu werden, verrät der eine den anderen, trachtet der andere nach dem Leben des Dritten und weiß am Ende niemand mehr, wer eigentlich auf wessen Seite steht.
Dabei ist “Gladiator II” kein progressiver Film. Er ist so bildgewaltig, wie er konservativ ist. Er ist bei weitem kein Politthriller und arbeitet sich geradlinig von Punkt zu Punkt, doch er verweigert sich der Wiederholung des Vorgängers. Am Ende warten weder ein glorreicher Sieg noch der Heldentod. Möglich, dass es Überlebende gibt. Doch wird sich zeigen, mit wem die Überlebenden ihre Siege noch feiern können.
Fazit
Ridley Scott erzählt in „Gladiator 2“ zeitgleich Geschichten von Aufstieg und Verfall und zeigt auf, dass je nach Philosophie die Enden kaum voneinander zu unterscheiden sind. Trotz aller Bildgewalt ist der Film nicht glamourös. Die edle, ikonografische Bewegung von Maximus, wenn er langsam eine Hand von Sand und Erde nimmt, wird von Hanno kopiert. Allein, der Nimbus eines Maximus bleibt aus. Im direkten Vergleich zum ersten Teil mag “Gladiator 2” schlechter abschneiden und da der zweite Teil eine direkte Fortsetzung ist, klingt ein Vergleich verlockend. Man sollte nur stets berücksichtigen, dass Scotts neuer Film, ähnlich wie “Joker: Folie À Deux”, kein weiteres Abenteuer nach demselben Muster wie der Vorgänger ist. Sondern eben eine Fortsetzung. Und diese Fortsetzung be- und verarbeitet die Themen, die im Vorfeld aufgeworfen werden.
Bewertung
(77/100)
Bilder: © 2024 Paramount Pictures
