Am 25.04. startete auf Netflix der lang erwartete neue Film von Gareth Evans, der sich mit „The Raid“ und „The Raid 2“ durch knallharte Action und präzise Choreografien einen Namen gemacht hat. Gerade der erste „Raid“-Teil gilt als Genreperle, die durch perfekte Kampfkunst, brutale Intensität und virtuose Kameratechnik überzeugte. Fans von John Woo feierten damals Evans‘ kompromisslosen Stil.

von Christian Oehmigen

2017 wechselte Evans mit „Apostle“ auf Netflix zwar zum Gothic-Horror, doch seine Handschrift – rohe Gewalt und pointierte Inszenierung – führte er mit der Gangsterserie „Gangs of London“ fort, die inzwischen in die dritte Staffel ging. Mit „Havoc“ kehrt Evans nun zur Solo-Regie zurück.

Der Film spielt in einer namenlosen Großstadt – einem urbanen Moloch, in dem Korruption und Gewalt den Alltag bestimmen. Detective Patrick Walker (Tom Hardy) wird beim späten Weihnachtseinkauf in einem heruntergekommenen Spätshop von einem neuen Fall eingeholt – eine kleine Szene, die seinen Charakter präzise einfängt. Der Kontakt zu seiner Tochter ist sporadisch; echte Nähe existiert schon lange nicht mehr. Walker ist ein Ermittler, der, wie so viele seiner Kollegen, Dreck am Stecken hat, dabei aber immerhin noch von seinem Gewissen verfolgt wird. Zusammen mit seiner jungen Kollegin Ellie (Jessie Mei Li) wird Walker zu einem Tatort gerufen, an dem sich ein brutales Massaker ereignet hat, offenbar ein blutiges Aufeinandertreffen zweier rivalisierender chinesischer Kartelle, bei dem auch Tsui, der Kopf der lokalen Triaden, ums Leben kam.

Bei der Auswertung der Überwachungskameras entdeckt Walker eine bekannte Gestalt: Charlie, den entfremdeten Sohn des zwielichtigen Immobilienmoguls und Bürgermeisterkandidaten Lawrence Beaumont (Forest Whitaker). Charlie konnte zusammen mit seiner Freundin Mia nur knapp dem Blutbad entkommen. Beaumont, für den Walker in der Vergangenheit einige fragwürdige Aufträge erledigt hat, bittet ihn, seinen Sohn aufzuspüren und zurückzubringen.

Bald wird klar, dass das Massaker kein Zufall war. Hinter dem Blutbad stecken Verrat und bezahlte Attentäter. Als Tsuis Mutter, eine mächtige Unterweltgröße, in die Stadt kommt, um den Tod ihres Sohnes zu rächen, eskaliert die Situation endgültig. In einem Nachtclub kommt es zum explosiven Aufeinandertreffen aller Parteien – und das blutige Chaos nimmt seinen Lauf.

„Havoc“ hat eine lange Produktionsgeschichte hinter sich: Nach dem ursprünglichen Dreh im Oktober 2021 verzögerten die Corona-Pandemie, organisatorische Probleme und der Schauspielerstreik die notwendigen Nachdrehs um fast drei Jahre. An manchen Stellen ist die lange Entstehungszeit spürbar, fällt jedoch nicht gravierend ins Gewicht.

Für Freunde brachialer Action und kreativer Kills hat sich das Warten jedenfalls gelohnt. Allerdings bietet „Havoc“ nur zwei große Actionsequenzen – die herausragende Szene im Nachtclub sowie den finalen Showdown in einer abgelegenen Hütte. Vor allem die Clubsequenz ist hervorzuheben: Überhöhte Gewalt, ein präzise durchdachte Choreografie und der wuchtige Sound von Gesaffelstein verschmelzen hier zu einem der Höhepunkte des Films.

Leichte Schwächen zeigen sich vor allem in der Kameraarbeit. Die „Shaky Cam“, schon in „The Raid“ markant eingesetzt, wurde hier nochmals intensiviert – mit dem Ergebnis, dass die Übersicht etwas leidet. In Kombination mit den meist dunklen Schauplätzen wird es mitunter schwierig, der Action zu folgen. Die visuellen Effekte überzeugen auch nicht durchgehend. Besonders die Stadtansichten in „Havoc“ wirken künstlich – eine Mischung aus Chicago, Detroit und Gotham City. Der Drehort Cardiff ist kaum wiederzuerkennen. Ein Bespiel dafür findet man gleich zum Anfang des Filmes: Eine Verfolgungsjagd mit einem 40 Tonnen schweren Lastwagen setzt zwar einen energischen Ton, doch die sichtbaren CGI-Effekte und die daraus resultierende fehlende physische Wucht des LKW trüben den Eindruck deutlich.

Die Charakterzeichnung in „Havoc“ bleibt insgesamt funktional. Große emotionale Tiefe wird hier nicht angestrebt, auch wenn Evans sich auf „French Connection“ (1971) als Inspiration beruft. Themen wie Polizeikorruption werden angerissen, jedoch nicht vertieft. Timothy Olyphant hat als Antagonist Vincent nicht viel zu tun. Auch Forest Whitaker, der prominent auf dem Filmposter vertreten ist, hat als Beaumont letztlich nicht mehr als ein längeres Cameo – eine irreführende Marketingstrategie, die bei Fans des Schauspielers für Enttäuschung sorgen könnte.

Tom Hardy hingegen trägt den Film souverän. Sein mürrischer, animalischer Walker passt perfekt zu ihm: Ein gebrochener Mann, der emotional längst abgestumpft ist. Wer Hardy bereits in „Mad Max: Fury Road“ mochte, wird auch hier zufrieden sein.

Fazit

Gareth Evans‘ „Havoc“ überzeugt vor allem durch Tom Hardys intensive Darstellung und eine herausragende Action-Sequenz in Form der atmosphärischen Clubszene, die von ihrer kompromisslosen Gewaltchoreografie lebt. Die düstere Atmosphäre und technisch versierte Inszenierung können jedoch nicht über schwache Nebenfiguren, unterforderte Stars wie Forest Whitaker und Timothy Olyphant sowie vereinzelte CGI-Schwächen hinwegtäuschen. Während die Clubszene als Höhepunkt des Films im Gedächtnis bleibt, enttäuscht das überzogene Finale. Dennoch bietet „Havoc“ knapp 100 Minuten solide Action-Unterhaltung, die besonders Genre-Fans zu schätzen wissen werden.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(64/100)

Bild: (c) Netflix