Kaum eine deutsche Partei war in den letzten Jahren im politischen Diskurs ähnliche Anfeindungen ausgesetzt wie sie: Die Grünen, entstanden in den 1970ern als Sammelsurium Alt-68er, Atomgegner und Umweltschützer ist die ehemalige Protestpartei im politischen Establishment angekommen, nicht zuletzt als Teil der ungeliebten Ampel-Regierung. Die Filmemacherinnen Hauke Wendler und Lisa Maria Hagen werfen in ihrer 3-teiligen Doku „Die Grünen: Aufstieg und Krise einer deutschen Partei“ einen Panorama-Blick auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte und lassen darin maßgebliche Protagonist/innen der Partei selbst zu Wort kommen und reflektieren. Jetzt beim DOK.fest München zu sehen, inzwischen auch online verfügbar.
von Christian Klosz
Bei der deutschen Bundestagswahl 2025 reichte es für die Grünen für 11,6 %. Gar kein so schlechtes Ergebnis, möchte man meinen, die anderen „Ampel-Parteien“ wurden noch stärker „abgestraft“, die FDP flog sogar aus dem Parlament. Dennoch war es eine Enttäuschung, Robert Habeck war als Kanzlerkandidat ins Rennen gegangen und vor einigen Jahren noch stand man in Umfragen bei weit über 20%. Was war passiert?
„Die Grünen: Aufstieg und Krise eine deutschen Partei“ versucht das in Interviews mit ehemaligen und aktuellen Protagonist/innen der deutschen Grünen zu ergründen. Zu Wort kommen unter anderem Joschka Fischer, Annalena Baerbock, Ricarda Lang, Jürgen Trittin, Winfried Kretschmann und der neue Parteichef Felix Banaszak. Der Ton ist weitgehend reflektiert und durchaus (selbst-)kritisch.
Die Doku versucht aber auch, in die Anfangsjahre der Grünen zu blicken und so ihren Weg von der (radikalen) Protestpartei zur „Systempartei“ nachzuzeichnen. Diese Rückschau offenbart eine schmerzhafte Kontinuität, die der Titel der 3. Folge der Doku-Serie benennt: „Vom Hassobjekt zum Hassobjekt“. War die Partei in ihren Anfangsjahren Anfeindungen durch etablierte Parteien wie CDU und SPD ausgesetzt, die den „wilden Haufen“, der anders Politik machen wollte, als „Spinner“ titulierten, war man mit dem Eintritt in die Schröder-Regierung um die Jahrtausendwende endgültig im Zentrum des Politbetriebs angekommen. Ton und Auftreten hatten sich verändert, kaum einer stand exemplarischer für das „Erwachsenwerden“ der Partei wie Joschka Fischer: Früher Teil der radikalen Sponti-Szene in Frankfurt trat er nun im Dreiteiler auf und wurde deutscher Außenminister.
In den letzten 10 Jahren war auch das Thema Klimaschutz im Mainstream angekommen, um 2019 waren die Grünen die „Partei der Stunde“. Doch dann kam Corona, der russische Krieg gegen die Ukraine und alle damit verbundenen Herausforderungen und Krisen. Und durch die erstarkte, rechtsextreme AfD aufgehetzte Wutbürger fanden in den Grünen den Sündenbock, die so erneut zum Hassobjekt geworden waren.
Die kritischen Selbstbefunde in der Doku reichen von „zu abgehoben und akademisch“ bis zu „zu konsens- und kompromissorientiert“. Nach der Wahl 2025 und der Regierungsbildung zwischen CDU/CSU und SPD finden sich die Grünen nun in der altbekannten Oppositionsrolle wieder, das ehemalige politische Spitzenpersonal um Robert Habeck ist abgetreten, die Partei muss sich selbst neu (er-)finden. Wie das gelingen könnte, dafür gibt „Die Grünen: Aufstieg und Krise einer deutschen Partei“ Denkanstöße und offenbart die Innensicht der deutschen Grünen. Durchaus spannend, wobei man sich mitunter etwas mehr inhaltliche Tiefe gewünscht hätte, da die (Selbst-)Analysen eher an der Oberfläche bleiben. Und auch eine Einordnung unabhängiger Experten, Journalisten, Politologen als Ergänzung zur grünen Nabelschau hätte wohl nicht geschadet. Dennoch aufschlussreich und informativ.
Bewertung
(67/100)
„Die Grünen: Aufstieg und Krise einer deutschen Partei“ feierte beim DOK.fest München am 13.5. seine Weltpremiere, eine weitere Vorführung gab es am 14.5. Die 3-teilige Serie (je 35 min.) ist inzwischen auch online verfügbar: Weitere Infos & Sichtungsmöglichkeit.
Bild: (c) DOK.fest München / Die Grünen – Aufstieg und Krise….
