„Migrationsgeschichten“ gibt es im Arthouse-Film und auf den Filmfestivals dieser Welt zuhauf, manche durchaus sehenswert, andere eher schablonenhaft. In der Regel handeln sie von Menschen aus dem Nahen Osten, Afrika oder Lateinamerika, die im „Westen“, also in Europa oder Nordamerika, eine neue Heimat finden. „Black Tea“ von Abderrahmane Sissako macht das anders: Der bekannte mauretanische Regisseur blickt in seinem Film auf eine Ivorerin, die sich in einer chinesischen Kleinstadt ansiedelt – und dort verliebt. Ab 18.7.2025 in den österreichischen Kinos.
Kritik von Christian Klosz
„Black Tea“: Eine zarte, genau beobachtete Romanze
Aya (Nina Melo) steht vor der Hochzeit mit ihrem Verlobten, eine große Feier ist geplant. Doch der betrügt sie am Vortag – und sie lässt ihn zum Entsetzen der versammelten Verwandtschaft am Traualtar sitzen. Darauf flüchtet sie in die chinesische Stadt Ghouanghzou, in der es auch eine größere afrikanische Diaspora-Community gibt, und lässt sich dort nieder. Arbeit findet sie in einem exquisiten Teegeschäft, das von Cai (Chang Han) geführt wird.
Zwischen dem etwa 15 Jahre älteren Cai und Aya beginnt eine zarte Romanze. Regelmäßig treffen sie sich zu Dates oder setzen sich bei gemeinsamen „Sessions“ in der Arbeitszeit zusammen, wo er sie in die Kunst des Teemachens und -trinkens einführt. Diese neue Liebe findet weitgehend im Verborgenen statt, denn Cai hat einen inzwischen 20-jährigen Sohn. Und auch die Beziehung zu seiner Ex-Frau und deren Familie ist kompliziert, ihre Eltern hegen rassistische Vorurteile gegen die in der Stadt wohnenden Afrikaner. Zudem soll durch ein Bauprojekt „Chocolate City“, wie die Gegend genannt wird, aufgelöst und die Bewohner vertrieben werden. Die Zukunft für das Liebespaar ist ungewiss.

Rassismus als abstrakte Idee
In „Black Tea“ befasst sich Abderrahmane Sissako erneut mit dem Leben in einer globalisierten Welt und dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen, nimmt dabei aber die Situation von afrikanischen Einwanderern in Asien, unter die Lupe, was seinen Film von typischen „Migrationsdramen“ abhebt. „Black Tea“ ist spürbar getragen vom Idealismus und Humanismus des Regisseurs, der Vorstellung von einer Welt, in der alle Menschen gleich sind. Das schlägt sich auch in der idealisierten, mitunter verklärten Darstellung des Lebens in der chinesischen Kleinstadt nieder, in der Einheimische und afrikanische Einwanderer weitgehend friedlich zusammenleben.
Der auch in China verbreitete Rassismus wird von Sissako auf gesichtslose Behörden projiziert, die „Chocolate City“ abreißen wollen, er wird in Cais Schwiegereltern eingeschrieben, im dargestellten Alltag spielt er keine Rolle. Der Regisseur versucht so eine subtile Gegenüberstellung: Rassismus und Vorurteile existieren als abstrakte Ideen in den Köpfen mancher Menschen. Dort, wo es echtes Leben, Begegnung, Kommunikation gibt, haben sie keinen Platz.
„Black Tea“ als traumhafte filmische Imagination
„Black Tea“ kann man durchaus fehlenden Realismus vorwerfen, der Film will aber auch gar keine realitätsnahe Repräsentation gesellschaftlicher Konflikte sein, sondern vielmehr eine traumhafte, filmische Imagination und Reflexion über Liebe, die Kulturen transzendiert und Menschen verbindet. Das schlägt sich auch stilistisch und inszenatorisch nieder, immer wieder baut Sissako Sequenzen ein, die sich wohl nur im Kopf der Protagonisten abspielen.
„Black Tea“ ist nicht frei von Schwächen, gerade manche Drehbuchentscheidungen sind nicht zwingend vorteilhaft. Die Darsteller hingegen, allen voran die Französin Nina Melo, aber auch ihr Counterpart Chang Han, überzeugen durch ihr zurückgenommenes Spiel und die unaufdringliche Chemie, die sich zwischen ihnen entfaltet.

Fazit
„Black Tea“ ist trotz mancher Schwächen ein in seiner Gesamtheit absolut interessantes Werk, das durch seine Machart, seiner Darstellung von Kultur und seine originäre Sicht auf das Leben und die Liebe in einer globalisierten Welt überzeugt. Besonders spannend macht den Film die Tatsache, dass er auf das Thema „Migration“ aus einer ungewohnten Perspektive blickt.
Bewertung
(73/100)
„Black Tea“ – ab 18.7.2025 in den österreichischen Kinos. In Deutschland seit 19.6.2025 im Kino.
„Black Tea“ – Trailer
Bilder: © Cinéfrance Studios, Archipel 35, Dune Vision
