Kaum etwas prägt so sehr wie ihre Kindheit und Jugend, damit kommt der Familie, den Menschen, bei und mit denen man seine ersten Lebensjahre verbringt, eine immense Bedeutung bei: Nicht selten hat diese Zeit auch Jahre später noch Einfluss auf das eigene Denken, Handeln, Fühlen. Ausschlaggebend ist, ob Kinder in einer wohlwollenden, akzeptierenden, liebevollen Umgebung aufwachsen – oder in einer gegenteiligen. Der Film „Scham“ von Lokas Röder“ befasst sich damit.

von Christian Klosz

„Scham“ handelt von der komplizierten Beziehung zwischen Sohn Aaron (Til Schindler) und Mutter Susanne (Heike Hanold-Lynch), die sich Jahre nach ihrem Kontaktabbruch wieder treffen und versuchen, einander anzunähern. Aaron ist inzwischen erwachsen, war in seiner Jugend nach Berlin abgehauen, ist nun Künstler. Bei seiner Rückkehr will er seine Mutter im Rahmen eines Kunstprojekts (die beiden filmen sich gegenseitig mit ihren Handys, während sie miteinander reden) mit seinen Wahrheiten konfrontieren: Er hat sich nie willkommen gefühlt, wurde von ihr angeschrien, geschlagen, Liebe habe er nie empfunden, sagt er.

2 Wahrheiten

Mutter Susanne hat hingegen ihre eigene Wahrheit und Wahrnehmung: Überfordert sei sie mit ihrem rebellischen Sohn gewesen, sie hätte sich doch nur „ein normales Leben“ für ihn gewünscht, aber er sei immer „anders“ gewesen (damit meint sie wohl auch seine Homosexualität, aber nicht nur, wie sich später zeigen wird). Sie habe sich ihrerseits nicht als Mutter akzeptiert gefühlt, seinen „Hass“ gespürt und schließlich, als er 18 wurde, einfach aufgegeben, Mutter zu sein.

Im Laufe dieses Gesprächs, das im Zentrum von „Scham“ steht, kommen düstere „Geheimnisse“ ans Tageslicht, die zuvor Jahrzehnte verborgen und verdrängt blieben, die die gescheiterte Beziehung zwischen Sohn und Mutter erklären: Aaron berichtet von sexuellem Missbrauch, der ihm von einem älteren Junge im Alter von nur 8 Jahren angetan wurde. Zu Hause habe sich aber niemand für ihn interessiert, er konnte über das Erlebte mit niemandem reden. Mit fatalen Folgen.

Susanne berichtet ihrerseits ebenfalls von sexuellem Missbrauch, durch Aarons eigentlichen Vater (auch das wusste er bisher nicht), der danach aus ihrem Leben verschwand. Verbunden sind ihre Schicksale durch immense Gefühle von Scham, die sich auf unterschiedliche Weise ausdrückt: Scham über Erlebtes, Scham über eigene Handlungen, Scham in Bezug auf den anderen.

Der toxische Mantel des Schweigens

Im Laufe des Gesprächs der beiden kommt es zu einer langsamen Annäherung, zu kurzen Momenten des Verstehens und Mitfühlens; doch Mutter und Sohn bleiben im toxischen Kreislauf gegenseitiger Vorwürfe verhaftet, es scheint keine Lösung zu geben, keinen Schritt nach vorne.

Was „Scham“ gut gelingt, ist das Einfangen des Gefühls, das dem Film, der auf engem Raum stattfindet, kammerspielartig, dokumentarisch, weitgehend über Handy-Kameras gefilmt, seinen Namen gibt. Die Darstellung kaputter Eltern-Kind-Beziehungen, deren missbräuchlicher Charakter sich aus herrschenden Tabus zu ergeben scheint: Dunkle Geheimnisse leben im Verborgenen weiter und entwickeln ungemeine Macht. Man kann Röders Werk daher als Plädoyer gegen das Schweigen verstehen.

Hoffnung vermag „Scham“ aber nicht zu vermitteln, denn für Aaron und Susanne scheint es selbst nach gegenseitigen Offenbarungen keinen Neustart zu geben. Das ist der große Schwachpunkt dieses Films, der eine Message vermitteln möchte, aber am Ende doch nicht klar zu machen vermag, warum Reden, Offenheit und Konfrontation konstruktive Wege sind, sich mit Traumata auseinanderzusetzen. Wenn alles immer für bleibt, wie es ist, wozu die Mühe? Das offene Ende gibt keinen Hinweis darauf, ob die Gespräche zwischen Aaron und Susanne „erfolgreich“ waren. Das ist natürlich so gewollt. „Scham“ soll wachrütteln und zum Nachdenken anregen und keine Antworten präsentieren. Man könnte den Film – wie seine Protagonisten – aber auch als zu sehr im Leid verhaftet bezeichnen: Es ist wohl Geschmackssache, wie man das findet.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(61/100)

„Scham“ – Seit 29.1.2026 im Kino (Deutschland)

Weitere Infos zu „Scham“

Bild: © 2026 missingFILMs