Von der frühen Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es immer wieder Frauen, die als Mann verkleidet in den Krieg zogen. Die Motive unterschieden sich zwar, die allermeisten verband aber der gesellschaftliche Zwang, die wahre Identität zu verschleiern. Regisseur Markus Schleinzer hat diesem Sujet seinen dritten Spielfilm „Rose“ gewidmet und ihn auf der Berlinale 2026 vorgestellt, wo Hauptdarstellerin Sandra Hüller den Preis des Silbernen Bären gewann. Ist sie zurzeit in vielen Kinos noch als leitende ESA-Mitarbeiterin zu sehen („Der Astronaut – Project Hail Mary“), geht sie in ihrer Rolle dieses so gegenteiligen Filmes brillant auf. Leicht bekömmlich ist das Historiendrama aber nicht. Ab dem 17. April 2026 läuft „Rose“ in den österreichischen Kinos, ab 30. April in den deutschen.
Kritik von Jonas Schilberg
Rose verkleidet sich als Mann
Geschlechtslos erscheinen die Skelette, die Gerald Kerkletz in den ersten Szenen dieses Filmes unkommentiert abfilmt. Skelette, die durch diese Eigenschaft universalistisch das postulieren, demonstrieren, was knapp 90 Minuten lang ausgeführt werden wird. Rose (Sandra Hüller) ist der Name des titeltragenden Protagonisten. Nein, eigentlich nicht. Eigentlich ist Rose eine Frau und heißt ganz anders. Aber das weiß niemand, denn kleidet sie ihren ohnehin androgynen Körper männlich ein, gibt sich mit anderem Geschlecht aus. So war Rose zehn Jahre in der Armee und will nun ein angebliches Erbe, ein Grundstück, wahrnehmen.
Um aber auch das Land zu ersteigern, was Rose ebenfalls im Blick hat, muss sie eine Tochter des Landherren zur Frau nehmen, Suzanna (Caro Braun). Menschen als Mittel zum Zweck und eine durchtriebene Gier, die kurzzeitig Parallelen zu „There Will Be Blood“ aufwerfen. Kurzzeitig, denn dies ist nicht das eigentliche Thema jenes Dramas: Dass Rose ein Mann ist, diese gesellschaftliche Gewissheit und individuelle Existenzsicherung gerät stattdessen zunehmend ins Wanken. Bis sie schließlich ganz erschüttert wird. Und die protestantische Dorfgemeinschaft des 17. Jahrhunderts ihre Zähne zeigt…
Geschlechterstereotype und Gesellschaft
Simone de Beauvoirs wohl berühmtestes Zitat lautet: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“. Die Rolle der Frau wird also gesellschaftlich gemacht – und dies ist auch das Thema von Schleinzers Werk. Reproduktion, erklärt uns die namenlose Erzählerin, sei die oberste Aufgabe jedes Menschen. Ausgerechnet das Bett, in dem Suzanna schläft, als absperrbaren Käfig zu inszenieren, verweist unweigerlich darauf. Hier soll die Frau eingezäunt ihre Rolle ausüben.
Eine Rolle, der sich Rose entsagt hat. Wir sehen sicher kein Trans-Drama, Rose fühlt sich keineswegs einfach im falschen Körper geboren. Sie fühlt sich in der falschen Gesellschaft geboren, nämlich einer Gesellschaft voller Zwänge. Diese Restriktionen fängt die eindrückliche, monochrome Kameraarbeit hervorragend ein: Orte wie die Kirche, Symbol gesellschaftlicher Kultur schlechthin, werden in symmetrischen, unbewegten Aufnahmen gezeigt, während das Bild voller Dynamik ist, sobald Suzanna und Rose draußen auf der Wiese laufen; nur zu zweit.
Nicht Mann wollte sie sein, sondern freier, erklärt Rose an einer Stelle. Machtstrukturen erwerben sich nur als Mann, Herrin wird man nur als Herr. Allein das motiviert sie zu ihrer Tarnung. „Nichts Männliches hat sie an sich“, wird zwar später im Gericht entrüstet erklärt. Doch was ist denn männlich? Sind ihr Militärdienst und Großgrundbesitz es nicht?
Eine Frage der Macht
Rose ist akzeptiert, angesehen, dient der Gesellschaft in jeglicher Hinsicht. Und doch bedeutet es ihren gesellschaftlichen Tod, wenn die Wahrheit über ihre Identität herauskommt. Damit stellt sie Geschlechterrollen als das bloß, was sie sind: Ideologie. Steht einem etwas nur dann zu, weil man ein bestimmtes Geschlechtsteil hat, ist das mit den Regeln der Rationalität jedenfalls nicht mehr vereinbar. Wenn wir in einer konstruierten Welt leben, was geschieht dann, wenn die Konstruktion unser selbst einbricht? Das zeigt „Rose“ in aller Unerbittlichkeit.

Sandra Hüllers Spiel ist hierbei abermals zu loben, verkörpert sie mit halb entstelltem, ausgemergeltem Gesicht die Kühle, die auch den gesamten Film durchzieht, phänomenal. Die Atmosphäre ist erstickend, zuweilen zäh. Doch vielleicht ist gerade dies angebracht bei einem solchen Film, der am Zuschauer rütteln will, ihm beibringt: Gesellschaft ist ein Konstrukt. Im 17. Jahrhundert besagte dieses Konstrukt anderes als heute zweifelsohne. Nur sollte man sich aufgrund der zeitlichen Differenz keine fälschliche Sicherheit versprechen: Auch heute noch erfinden wir uns, denken wir uns aus.
Fazit
„Rose“ ist ein eindringlicher, atmosphärisch erkaltender Film. Sandra Hüller stellt einmal mehr ihr Ausnahmetalent zur Schau, während die aufgeladene Bildsprache Zwang und Freiheit nebeneinanderstellt und geschlechterspezifisch kontextualisiert. Man wird als Frau nicht geboren, man wird es – genau diesem Prozess will sich die Protagonistin dieses Werkes entziehen. Die Ungewissheit, inwieweit die Gegenwart dies billigen oder strafen würde, verleiht ihm seine subversive Sprengkraft.
Bewertung
(75/100)
„Rose“: Ab 17.4.2026 in Österreich im Kino, ab 30.4. in Deutschland.
Sandra Hüller in „The Zone of Interest“ | Film & Faschismus
Weitere aktuelle Artikel:
HBO Max steigt ein, Apple TV+ legt zu: Streaming-Marktanteile in Deutschland 2026
Die Plattform JustWatch hat kürzlich seinen neuesten Bericht zur deutschen Streaming-Branche veröffentlicht, der die Veränderungen auf dem Markt im ersten Quartal 2026 beleuchtet. Mit mehr als 9 Millionen Streaming Interaktionen sowohl in der JustWatch-App als…
„Blame“ – Kritik | Woher kam Corona?
Während die Folgen der Corona-Pandemie immer sichtbarer werden, wird die Pandemie selbst immer unsichtbarer: Sogenannte „Aufarbeitungen“ verirren sich nicht selten in eine Diskreditierung längst abgeschaffter Schutzmaßnahmen, während eine tatsächliche Aufarbeitung der Pandemie-Folgen, darunter weltweit über…
„The Housemaid“ – Kritik | Sexy Rachethriller überzeugt
In den 80ern und 90ern hatten sie Hochkonjunktur, die leicht anrüchigen Erotik-Thriller, die nicht davor zurückschreckten, explizit zu werden und ihre Darsteller und Darstellerinnen mit ihren optischen Reizen spielen ließen („Basic Instinct“!). In den letzten…
Bilder: ©Schubert, ROW Picutres, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
