Dystopischer Western – Nach den eher mäßigen Erfolgen von „Napoleon“ und „Gladiator II“ kehrt Regisseur Ridley Scott nun mit einem apokalyptischen Drama in die Kinos zurück. „Das Ende der Sterne“ widmet sich dem Leben nach dem Weltuntergang und protzt mit einem Cast aus Stars wie Jacob Elordi, Margaret Qualley, Josh Brolin und Guy Pearce. Zusammen mit Drehbuchautor Mark L. Smith wird somit der Roman von Peter Heller mit einem beachtlichen Budget auf die Leinwände und Bildschirme gezaubert. Doch reicht das, um eine komplexe Geschichte zu erzählen, die zwischen Science-Fiction, Drama und Neo-Western schwankt?
Kritik von Natascha Jurácsik
Nachdem ein mysteriöser Virus einen Großteil der Menschheit dahingerafft und die moderne Zivilisation beendet hat, versuchen der Pilot und Mechaniker Hig (Jacob Elordi) und sein Partner Bangley (Josh Brolin) ein Stück außerhalb von Denver zu überleben. Doch Hig ist das schon lange nicht mehr genug und somit macht er sich auf andere Überlebende zu suchen. Allerdings sind nicht alle an dem gleichen friedlichen Leben interessiert wie er.
„Das Ende der Sterne“: Ein Pandemie-Film über das Leben nach dem Ende
Obwohl das Buch 2012 veröffentlicht wurde, lässt sich „Das Ende der Sterne“ ganz klar als Pandemie-Film erkennen: Die Menschheit – oder zumindest die USA – wird von einem Virus aus der Bahn geworfen und trotz mehrerer kleinen Gruppierungen von Überlebenden hat die Gesellschaft, wie wir sie kennen, hiermit ein Ende. Dabei gehen Scott und Smith in ihrer post-apokalyptischen Vision kein bisschen ins Detail, wodurch relevante Fragen unbeantwortet bleiben und zu Logik-Fehlern mutieren. Wie und wieso geht die gesamte Zivilisation unter, nachdem ein Teil der Population stirbt? Wie sieht es im Rest der Welt aus? Warum hat sich selbst nach 10 Jahren keine international agierende Organisation zusammengeschlossen, um das Problem zu lösen?
Scott präsentiert hier einen Mikrokosmos des Lebens nach dem Ende. Durch den starrsinnigen Fokus auf die eingeschränkte Realitätswahrnehmung seiner Protagonisten soll zwar emotionale Tiefe und eine Art humanistische Auseinandersetzung mit dem Bedürfnis nach Anschluss erreicht werden, allerdings vermittelt er gleichzeitig eine unüberlegte Halb-Idee der eigenen Prämisse.
Bilder von Großstädten, die mit Wildtieren überrannt und von lokaler Flora halb verschlungen sind, geben zwar eine eindrucksvolle Ästhetik ab, doch Details wie flackernde Neonschilder und beschädigte, aber dennoch funktionierende LED-Werbeleinwände bilden der einen Kontrast, der weder von Intention noch von einer klaren Idee der gezeigten Welt zeugt und seiner eigenen Geschichte zu widersprechen scheint.
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Keine Dystopie, mehr ein Neo-Western
Doch bedenkt man, dass Scott allem Anschein nach überhaupt kein Interesse an der Dystopie als Genre hat, verwundern solche Unstimmigkeiten auch nicht mehr. Denn das eigentliche Ziel war es wohl eher einen Neo-Western zu drehen: Die USA als einzig realer Ort des Geschehens, die kollabierten Strukturen und Regeln der Zivilisation, die Rolle der Natur, die Gefahren fremder Außenseiter, die Isolation und gezwungene Gewaltbereitschaft der Überlebenden – und Higs Wunsch Richtung Westen vorzudringen – sind alles Marker einer Tradition, der sich Western zuordnen.
Dies unterstreichen auch Sequenzen wie jene, als Hig und seine neuen Freunde Cima (Margaret Qualley) und Pops (Guy Pierce) von einer Horde aggressiver Fremder überfallen und von ihrer friedlichen Farm vertrieben werden: Auf Pferden reitend, mit langen geflochtenen Haaren, mit Pfeilen schießend und mit hohem Kriegsgeschrei erinnern diese ‚Barbaren‘ an die Darstellung böswilliger, ‚wilder‘ Indianer in klassischen Western, die die armen weißen Siedler angreifen.
Statt solche Muster der klassischen Western aufzugreifen, hätte sich Scott lieber an revisionistischen Western orientieren sollen. Auch bekannt als Anti-Western, greift diese Unterkategorie des Genres klassische Bilder und Motive des Western auf und untergräbt dabei die simplifizierte, binäre Struktur von ‚Gut gegen Böse‘, wobei moralische Grauzonen und ethische Dilemmata Vorrang haben. Filme wie „Zwei glorreiche Halunken“ bieten einen interessanten Blick hinter die Mythen des Wilden Westens und zementieren dieses Subgenre als zeitlos.
Eine zu vorhersehbare Geschichte
Da auch das Science-Fiction-Genre den Aufbruch ins Neue und die Erschließung unbekannter Welten zentralisiert und die bestehenden Western-Motive gerne mal aufgreift, hätte „Das Ende der Sterne“ die perfekten Voraussetzungen gehabt, um die moralischen Fragen des revisionistischen Westerns mit den gesellschaftskritischen Ideen der Dystopie zu verbinden und einen komplexen Einblick in die Dynamiken eines anarchistischen Zusammenlebens zu erstellen.
Doch stattdessen bedienen sich Scott und Smith lediglich an der Cowboy-Optik des einen und den abgedroschenen Klischees des anderen Genres. Die Figuren sind eindimensional, ihre Interaktionen wenig aussagekräftig und die Handlung beweist den gleichen Mangel an Kreativität wie das post-apokalyptische Konzept des Films.
Das Ergebnis ist eine vorhersehbare Geschichte, die von konservativen Werten nur so strotzt. Das einzige Fazit scheint zu sein: „Vertraue niemandem, der anders ist.“ Zugehörigkeit, Frieden und Hoffnung finden sich für Scott anscheinend ausschließlich in nuklearen Familienkonstellationen und religiösen Gemeinden. Rechtspopulistische Gruppen, die Tradition als Ausrede nehmen, um rassistische, patriarchale Hierarchien zu bewerben, werden bei Scotts Vision voll und ganz auf ihre Kosten kommen.

Der endgültige Nagel an den Sarg von „Das Ende der Sterne“ ist, dass er schlicht und ergreifend langweilig ist. Die trägen Kamerafahrten über verlassene Gegenden sind zwar anfangs eindrucksvoll, verlieren jedoch bei der blassen, tristen Farbgestaltung und den unoriginellen Set-Designs schnell ihre Wirkung. Die Dialoge sind flach und wirken unnatürlich. Ganz anders als Beispiele für revisionistische Western ist hier keinerlei unterschwellige Spannung, die selbst die harmlosesten Szenen in nervenaufreibende Momente verwandelt. Der Film schleppt sich träge von einer Sequenz zur anderen, wobei nicht mal das bisschen Action, das gezeigt wird, für etwas mehr Dynamik sorgt. Immerhin: Wenigstens ist die musikalische Gestaltung mehr oder weniger gelungen.
Fazit
Weltuntergang mit wenig Wucht – Ridley Scotts „Das Ende der Sterne“ ist ein dystopischer Neo-Western, der weder weiß, was eine gute Dystopie noch einen guten Western ausmacht. Müde schlurft die Handlung über die Leinwand und erzählt von einem Weltbild, das in solch einer Form eindeutig der Vergangenheit und (hoffentlich) nicht der Zukunft angehört.
Bewertung
(48/100)
„Das Ende der Sterne“: Seit 27.8.2026 im Kino.
Bilder: (c) 20th Century Studios
