Adam Scott („Severance“), Michael Keaton („Beetlejuice“) und Robert De Niro („The Irishman“) spielen mit, die Russo-Brüder („Avengers: Endgame“) haben produziert: Mit „Der Kinderflüsterer“ erscheint am 28. August 2026 ein hochkarätig besetzter Thriller von James Ashcroft direkt auf Netflix. Der auf einem Kriminalroman von Alex North beruhende Film dreht sich um einen Serienkiller. Will er klassischen Vertretern jenes Hollywood-Genres Ehre erweisen, gelingt es ihm letztlich nicht, ein eigenständiges Werk zu schaffen.

Kritik von Jonas Schilberg

„Der Kinderflüsterer“ baut auf klassischen Krimi-Plot

Der Vorspann ist so geradlinig wie altbekannt: ein Leichenfund. Dass wir uns nicht in einem beliebigen Fernsehfilm befinden, sondern einer 50-Millionen-Dollar-Produktion, wird erst deutlich, als nach Einblendung des mysteriösen Titels Adam Scott erscheint. Er spielt Tom Kennedy, Vater von Jake (Acston Luca Porto) und Schriftsteller. Vor einiger Zeit verstarb seine Frau und Jakes Mutter; nun sind sie deshalb ausgerechnet in deren Heimatstadt umgezogen. Jake kann den Verlust selbst kaum verarbeiten, erschafft sich eine imaginäre Freundin. Dann wird er plötzlich entführt.

Als das Muster immer mehr dem eigentlich seit Jahren im Gefängnis einsitzenden Serienkiller Frank Carter, Spitzname „Kinderflüsterer“ (Michael Keaton) ähnelt, kontaktiert Tom seinen Vater. Das Verhältnis zu ihm, Pete Willis (Robert De Niro), ist zerrüttet. Doch der pensionierte Polizist bearbeitete dereinst ebenjenen Carter-Fall. Bis heute vertraut sich der psychisch auffällige Straftäter fast nur Pete an. Gemeinsam versuchen Tom, Pete und die leitende polizeiliche Ermittlerin Amanda Beck (Michelle Monaghan), den achtjährigen Jake aufzuspüren.

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Das kennt man doch alles irgendwoher

Besonders originell kann man die Ausgangssituation in „Der Kinderflüsterer“ wahrlich nicht beschreiben: ein Umzug, ein Elternteil ist verstorben, Nervosität vor dem ersten Schultag, ein mysteriöses Gedicht, das immer wieder von verschiedenen Leuten zitiert wird, Kassetten, auf die der Mörder seine Opfer Aufnahmen sprechen lässt. Und auch die Figurencharakterisierung geht weder besonders tief, noch verblüfft sie. Mal wieder darf mit Tom ein Autor den eigenen Verlust (seiner Frau) schriftstellerisch verarbeiten, mal wieder trifft er an unverhofften Stellen auf eigene Leser, mal wieder greift er zum Glas, mal wieder stellt er auf eigene Faust Ermittlungen an. Es sind peinlich plakative Psychologisierungen.

Ärgerlich wird es dann, wenn „Der Kinderflüsterer“ offensichtlich eine Hommage an den Kultfilm „Das Schweigen der Lämmer“ sein will – und hierbei grundlegend scheitert. Erzählstrukturelle und inhaltliche Parallelen sind frappierend: ein psychisch labiler Mörder, der im Gefängnis sitzt und etwas Wichtiges weiß, ein Serienkiller, Polizei, die noch auf die richtige Fährte gebracht werden muss.

Ashcroft hinkt Jonathan Demmes Film aber nicht nur in puncto Spannung hinterher. Wo sich Jodie Foster emanzipativ als selbstbewusste Frau den misogynen Kommentaren ihrer Polizeikollegen effektvoll widersetzte, geht nun die einzig relevante Frauenfigur Amanda Beck völlig unter. Kaum Charakter und Hintergrund erhält sie. Und Michael Keaton ist eben kein Anthony Hopkins: Seine Darbietung erinnert an eine Imitation des Hopkins’schen Hannibal Lecters; dieser zog jedoch tatsächlich nachhaltig in Bann, verstörte.

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adam scott in der kinderflüsterer
Adam Scott & Sohn in „Der Kinderflüsterer“

Blut sei dicker als Wasser – mal wieder

Dünn ist auch die Meta-Ebene, wenn man denn eine solche überhaupt finden kann. Ging es in Genre-Filmen wie „Sieben“ (David Fincher) noch um große Themen wie die Herstellung von moralischer Bedeutung, begnügt sich Ashcrofts Werk mit dem ausgekauten Thema Familie. „Wenn man seinen Vater nie sieht, mythologisiert man ihn“, raunt es küchenpsychologisch. Den Blick auf eine größere Ebene wagt der Film nie.

Nun sollte man das nicht falsch verstehen: „Der Kinderflüsterer“ ist kein fataler Film. Er ist nun mal weder wirklich schlecht noch wirklich gut. Zum Ende hin nimmt er zwar an Fahrt auf, aber schlussendlich bleibt die Handlung trivial. Das Schauspiel ist durchaus sehenswert, die Kamera hingegen konventionell. Letzteres macht nachdenklich, denn Peter Deming drehte schon mit Regisseuren wie David Lynch. Vielleicht ist seine Einfallslosigkeit manchmal vorzufindender Streaming-Glattheit oder dem Drehbuch geschuldet; in jedem Falle bleibt es ein Armutszeugnis. So wirkt weder ein einziges Bild von ihm noch der Film überhaupt langfristig nach.

Fazit

Schauspieltalente allein machen keinen Film aus: „Der Kinderflüsterer“ erzählt die Variation einer altbekannten Geschichte, gewinnt dabei aber weder einen eigenen Ansatz noch wirkliche Dynamik. Banal ist an diesem Thriller über gestörte Vater-Kind-Verhältnisse im Ergebnis (zu) viel. Ernsthafte Schnitzer erlaubt er sich zwar nicht, ernsthafte Einfälle aber ebenso wenig.

Bewertung

Bewertung: 5 von 10.

(50/100)

„Der Kinderflüsterer“ – Filmdaten

Originaltitel: „The Whisper Man“
Regie: James Ashcroft
Drehbuch: Ben Jacoby, Chase Palmer
Buchvorlage: Alex North – „The Whisper Man“
Mit: Adam Scott, Robert De Niro, Michelle Monaghan, Hamish Linklater, Michael Keaton, John Carroll Lynch
Genre: Thriller, Krimi, Mystery
Produktionsland: USA
Laufzeit: 111 Minuten
Streaming-Start Deutschland: 28. August 2026
Anbieter: Netflix
FilmPlusKritik-Bewertung: 50/100

Bilder: © 2026 Netflix, Inc.