Mit „The Social Reckoning“ kam am 8. Oktober eine weiterführende Erzählung zu „The Social Network“ (2010) ins Kino. Wie zuvor ist auch hier Aaron Sorkin für das Drehbuch verantwortlich und übernimmt gleichzeitig die Regie. Dass sich Sorkin erneut des Themas Facebook und Mark Zuckerberg bedient hat, liegt daran, dass das Wall Street Journal in einer Artikelserie, den sogenannten Facebook Files, die Gefahren der Plattform aufgedeckt und recherchiert hat. Aus diesem Echtzeitfall sowie aus der Anhörung von Zuckerberg vor dem Kongress zog Sorkin die direkte Inspiration für „The Social Reckoning.“

Schafft es der Film, in die großen Fußstapfen von „The Social Network“ zu treten, oder ist er nur ein müder, lauwarmer Aufguss? „Weder noch“ wäre die Kurzantwort.

Kritik von Christian Oehmigen

„The Social Reckoning“: Die Schattenseiten Facebooks im Fokus

Frances Haugen (Mikey Madison) arbeitet 2019 bei Facebook im Civic Integrity Team, das sich mit der Bekämpfung von Desinformation und dem Schutz von Wahlen befasst. Nach und nach kommt sie dahinter, dass Profit und algorithmisches Wachstum über die Sicherheit gestellt werden, insbesondere über die psychische Gesundheit von Teenagern sowie über die Radikalisierung von Menschengruppen.

Gleichzeitig arbeitet der Wall-Street-Journal-Journalist Jeff Horwitz (Jeremy Allen White) an einer Artikelserie über Facebook. Zusammen mit Haugen rekonstruiert er die Strukturen und Mechanismen des Tech-Giganten. In einer Nebenhandlung, die im Jahr 2021 spielt, wird Mark Zuckerberg (Jeremy Strong) von seinen Beratern auf eine Anhörung vor dem Kongress vorbereitet. Ein historisches Ereignis lässt beide Handlungen kollidieren.

Sorkin 2.0

Facebook und Aaron Sorkin passen gut zusammen. Schließlich erhielt er für das Drehbuch von „The Social Network“ seinen bisher einzigen Oscar. 16 Jahre später haben sich Sorkin und auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg merklich weiterentwickelt – oder verändert. Sorkin ist neben dem Drehbuchschreiben auch Regisseur geworden, und dass er auch hinter der Kamera überzeugen kann, hat er bereits mit „Molly’s Game“ (2017) und „The Trial of the Chicago 7“ (2020) bewiesen.

Zuckerberg ist vom Harvard-Studenten mit einer Milliardenidee zum Chef eines Unternehmens mit über 3 Milliarden Nutzern geworden. Facebook und Instagram kennt jeder, die Hintergrundgeschichten hingegen weniger.

Ernstes Thema, feiner Humor

Das merkt man „The Social Reckoning“ auch an: Es wird einiges erklärt. Doch schnell zeigt sich, dass das clever gelöst wurde. Das Zusammenspiel zwischen Frances Haugen und Jeff Horwitz zeigt immer wieder, dass Horwitz nicht viel Ahnung von Social Media und noch weniger von Facebook hat, weshalb Haugen ihm alles erklären muss. Der Zuschauer steckt sozusagen in den Schuhen des Journalisten, und das ist durchaus unterhaltsam inszeniert. Die Vergleiche mit dem Klassiker „Die Unbestechlichen“ (1976) sind nicht weit hergeholt.

Gleichzeitig findet Sorkin immer wieder humorvolle Passagen, die das ernste und auch trockene Thema auflockern, ohne dass es zu einer Komödie wird oder die Dringlichkeit nimmt. Gerade Horwitz‘ Boss, Christina (Betty Gilpin), hat hier sehr pointierte Dialoge und Wortwitz.

David gegen Goliath

Der größte Teil von „The Social Reckoning“ liegt ganz auf der Partnerschaft und der Enthüllung von Haugen und Horwitz. Mikey Madison zeigt dabei, dass sie eine würdige Oscarpreisträgerin ist. Ihre Frances Haugen ist zwiegespalten zwischen dem Vertrauen in das Unternehmen und dem Drang, das Richtige zu tun und die Wahrheit zu sagen. Dieser innere Konflikt macht sie zu einer interessanten Hauptfigur, die Madison glaubhaft vermittelt. Auch Jeremy Allen White macht als orientierungsloser Journalist, der in eine völlig neue Welt katapultiert wird, Spaß.

Zuckerberg: Nur noch Nebenfigur

In der Parallelhandlung sehen wir Mark Zuckerberg, wie er sich auf die Anhörung vor dem Kongress vorbereitet. Im Gegensatz zu „The Social Network“ ist er hier nur eine Nebenfigur. Strong imitiert Zuckerberg komplett. In manchen Szenen ist kaum zu erkennen, ob es der Schauspieler oder Zuckerberg selbst ist. Das ist zwar faszinierend anzusehen, aber eine Interpretation wie die von Jesse Eisenberg im Vorgänger wäre hier die bessere Variante gewesen, da es mitunter zu real wirkt und einen aus der Handlung reißt. Dennoch kommt das emotionsarme und kalkulierte Verhalten, das man von Zuckerberg kennt, sehr gut rüber.

Wie „The Social Reckoning“ Zuckerbergs Machtposition inszeniert, zeigt sich besonders in einer Szene, in der Haugens Team ihm eine Präsentation vorführt. Während die Mitarbeiter ihre Ergebnisse vorstellen, sitzt Zuckerberg regungslos an seinem Schreibtisch und hört sich alles nahezu ohne erkennbare Reaktion an. Erst am Ende unterbricht er sie und fordert sie auf, schneller zum Punkt zu kommen. Das erinnert beinahe an eine Audienz beim König: Zuckerberg sitzt auf seinem Thron, während sich alle anderen seiner Aufmerksamkeit unterordnen müssen.

jeremy allen white in the social reckoning

Ein anderer Ansatz als bei „The Social Network“

Sorkins Inszenierungsstil ist eher nüchtern und konventionell. Er konzentriert sich auf die Figuren und die journalistische Recherche, insbesondere auf Haugen, die im Verlauf der Enthüllungen immer mutiger wird und bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen. Natürlich ist hier sein Talent für Dialoge besonders sichtbar. Das unterscheidet sich stark von „The Social Network“, der unter Regie von David Fincher viel atmosphärischer war und mehr Schauwerte bot; dort dienten Sorkins Dialoge als Unterbau. Hier bestimmen sie den Rhythmus des Films und bleiben dabei näher am klassischen Enthüllungsthriller. Deshalb funktionieren beide Filme am besten, wenn man sie getrennt voneinander betrachtet und bewertet.

Ein weiteres Bindeglied zwischen den beiden Filmen ist der Kameramann Jeff Cronenweth. In „The Social Reckoning“ zeigt sich die Kamera zurückhaltend und konzentriert sich mehr auf die Charaktere.

Zu viel Pathos zum Schluss

Leider wird Sorkins Film am Ende doch zu pathetisch. Zwar sind die beiden Handlungsstränge gut miteinander verknüpft, doch in Verbindung mit einem weiteren, beispiellosen historischen US-Ereignis funktioniert das nur sehr bedingt.

Ohne zu viel zu verraten: „The Social Reckoning“ will hier seine gesellschaftliche Bedeutung noch einmal besonders deutlich unterstreichen. Gerade weil die Recherche zuvor so nüchtern und konzentriert erzählt wird, wirkt der Schluss zu dick aufgetragen. Sorkin vertraut seiner eigenen Geschichte nicht ganz und legt emotional nach, wo weniger mehr gewesen wäre.

Fazit

Mit „The Social Reckoning“ ist Aaron Sorkin ein packender, kurzweiliger Enthüllungsthriller gelungen. Auch ohne die ganz großen Schauwerte des Vorgängers erzählt er eine sehenswerte, eigenständige Geschichte. Mikey Madison und Jeremy Allen White glänzen in ihren Rollen, während Jeremy Strong Mark Zuckerberg an manchen Stellen zu sehr imitiert. Das mitunter schwierige und trockene Thema wird immer wieder mit Humor aufgewertet, sodass man sich gut unterhalten fühlt. Leider wirkt der Schluss etwas zu pathetisch und zu gewollt.

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

Seit 8.10.2026 im Kino.

Bilder: (c) Sony Pictures