Über fünf Jahre lang filmte Kamila Serwicka den Alltag ihrer polnischen Familie – und das, was ihn gebrochen hat. Entstanden ist „Blossoming“, ein mitreißender, kraftvoller Dokumentarfilm. Nachdem er in Locarno bereits den Grand Prix der Semaine de la Critique gewonnen hatte, feierte er nun am 27. Oktober 2026 auf dem Dokumentarfilm-Festival DOK Leipzig seine Deutschlandpremiere. Es ist sehr zu hoffen, dass der Film auch noch einen regulären Kinostart erhält.

Kritik von Jonas Schilberg

Wir sehen zuerst Kamila, wie sie sich vorstellt: 23 Jahre alt, nach acht Jahren ist sie zu dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, zurückgekehrt. Sie scheint einer Arbeiterfamilie zu entstammen, irgendwo aus dem ländlichen Polen. Es ist 2020, Corona-Pandemie: Schulabschlüsse müssen in Discord-Gruppenanrufen gefeiert werden. Kamila nutzt hingegen die Zeit für die Arbeit mit der Kamera. Sie filmt, beobachtet, reflektiert, kommentiert. Häufig ihre beiden Schwestern und ihre Mutter, aber auch die Großmutter. Oder den Vater.

„Blossoming“ zeigt (k)eine normale Familie

Wie sie alle am Tisch sitzen, ein Gebet sprechend, ergibt sich fast der Eindruck einer ganz normalen polnischen Familie. Doch bedeutsam knackt es auf der Tonspur, ein Störgefühl evozierend. In Momenten, in denen die Mutter dem Vater die Haare schneidet und ihn bekocht, wirkt das Verhältnis zwar spannungsfrei. Aber das ist nur ein Ausschnitt der tatsächlichen Realität im Haushalt Serwicka. Denn Stück für Stück wird sich in den Minuten dieses Films offenbaren, was nebenher stattfindet: psychologischer Missbrauch.

„Hoffentlich erstickst du daran“, entfährt es dem Vater, als seine Tochter ihm kein Frühstück zubereitet hat. Zwischendurch blitzt sein Alkoholismus auf. Kurz darauf dann: stürmische Umarmungen durch ihn. So überschwänglich, dass seine Tochter sie eigentlich gar nicht will. Bereits diese Szene verdeutlicht, was Serwickas Kamera in „Blossoming“ Erstaunliches dokumentiert. Erstaunlich zermürbend. Die jahrelang gedrehten Aufnahmen schließen Schlüsselszenen ein, die verstummen lassen, und werden verdichtet zu einem nur 77-minütigen Bilderstrom.

Darunter sind Aussagen, die das Dilemma offenbaren: „Ich wollte, dass die Kinder einen Vater haben. Ich hatte unrecht“, gibt die Mutter an, als sie sich final für den Kontaktabbruch entscheidet und ihren Mann anzeigt. Ist der Vater weg, sind die Narben und Spuren seines Verhaltens noch lange da. Deren Bewältigung räumt „Blossoming“ angemessen viel Platz ein.

Tatort: Zuhause

Beachtlich ist, was hier narrativ entsteht. Kamilas Mutter und ihre drei Kinder waren nicht die einzigen Opfer psychischer Gewalt. Der Großmutter erging es genauso, im selben Haus. „Kein Mann ist es wert. Sie sind alle nutzlos“, resümiert sie trocken. Und wir kommen nicht umhin, sie zu verstehen. Sie trennte sich damals, schaffte es dennoch, vier Töchter alleine aufzuziehen. Als starke Frau wird sie porträtiert, möglicherweise zudem ein Vorbild für Kamilas Mutter, ebenfalls loszulassen.

Die tragische Kontinuität eines scheinbar vergifteten Hauses verleitet die Filmemacherin nicht dazu, die individuelle Verantwortung des Vaters zu verwässern. Die Mutter jedenfalls wird jenes Haus verlassen, in die Niederlande ziehen, einen Neustart schaffen. Weiträumige Aufnahmen stellen das Haus immer wieder aus, fast wie einen Tatort. Ja, genau das war er schließlich für diese fünf Frauen im Bund weiblicher Solidarität: Tatort.

Vergiftete Schönheit

Die Kamera ist nicht nur deshalb beeindruckend, weil sie derart intim filmt, ihr gelingt gleichermaßen zerreißende Schönheit, eine symbolisch aufgeladene Poesie der Bilder. Seien es zankende Hunde oder eine Gesichtsspiegelung im Fenster, nichts wirkt hier wahllos. Dass diese Schönheit vergiftet wird, ist allerdings offenkundig: Im Nebel sinnlicher Bilder funkeln Sätze auf, deren Klarheit erkalten lässt. Dass sich die Mutter wegen des Vaters das Leben nehmen wollte, dass Kamila lange keine romantische Beziehung zustande brachte – das sind nur zwei davon.

Angesichts der ästhetischen Brillanz hofft man beinahe, dies sei gar kein Dokumentarfilm, sondern Fiktion. Dabei ist es doch in Wahrheit noch viel schlimmer: In „Blossoming“ wird kein Einzelfall gezeigt. Statistisch bleibt für Frauen das eigene Zuhause der gefährlichste Ort. Daher ist es dramaturgisch elegant gelöst, anfangs ein Gefühl der Alltäglichkeit zu erzeugen. Missbrauch, das ist weiterhin Alltag (zu) vieler Haushalte. Ein Vorbote der Hoffnung ist der Dokumentarfilm dadurch, dass es hier gelingt, die Spirale des Schweigens zu durchbrechen. Die Erfahrung wird sie wohl alle prägen. Und doch kann irgendwie etwas Neues erblühen. „Und jetzt der Frühling“ – so lautet der polnische Originaltitel zuversichtlich („A teraz wiosna“).

In den letzten Minuten von „Blossoming“ dann versagen jene Bilder, die ihren Betrachter zuvor noch fast erschlugen. Blackscreen. Wir hören ein Gespräch von Kamila mit ihrem Vater, nach mehreren Jahren der Distanz. Manches ist undarstellbar. Die Tonspur allein genügt für dieses Zeugnis eines Vaters, der weiterhin nicht begreifen will. Der sich vielleicht schlicht selbst nicht begreifen kann. So wie wir nach dieser einzigartigen Seherfahrung hinausgehen, die Welt und ihre Menschen betrachten, aber vieles nie verstehen werden.

Bewertung

Bewertung: 9 von 10.

(90/100)

„Blossoming“ wurde beim DOK Leipzig bei der Premiere gesehen.

Bild: © DOK Leipzig 2026 / Blossoming , Kamila Serwicka