„New York is a Union Town!“, skandiert eine Gruppe Demonstrierender. Die zweifache Oscar-Preisträgerin Barbara Kopple begleitet sie und weitere Arbeiter, die in New York City für mehr Rechte kämpfen. Herausgekommen ist ein lebhafter Dokumentarfilm, der Organisation, Zwist und Strategien der US-amerikanischen Gewerkschaftsarbeit aufbereitet. Bei den Filmfestspielen von Venedig 2026 feierte er seine Premiere, in Deutschland war er nun beim Dokumentarfilm-Festival DOK Leipzig erstmals zu sehen, wo er den Filmpreis Leipziger Ring gewann.
Kritik von Jonas Schilberg
Im Fokus der 110 Minuten stehen vor allem Streiks bei drei Unternehmen: UPS, Amazon und DoorDash (ein Essenslieferdienst). Es geht also um jene Kurierfahrer, von denen wir alle die latente Ahnung haben, dass sie einem prekären Knochenjob nachgehen. Und so berichten es die interviewten Arbeiter auch: im Paketsortiercenter bekäme man eine schwarze Lunge, die Pakete seien schwer, aufs Rad müsse man sich selbst bei Glatteis schwingen. Immer wieder sterben Menschen bei der Arbeit. Es brauche Veränderung.
„Union Town“ zeigt New Yorker Arbeitskampf gegen drei Konzerne
UPS, so erklären es uns die Gewerkschaftsführer, habe zu lange nur gekürzt. Die Löhne seien nicht angemessen gestiegen, vor allem Beschäftigte in Teilzeit müssten sich mit einem Hungerlohn abfinden, der nicht zum Ernähren der Familie reiche. Und so wird zu einem der größten Streiks in der Geschichte des Unternehmens mobilisiert: Der Betrieb soll stillstehen, gibt es kein Angebot von UPS. Die „Teamsters“, wie sich die Gewerkschaft nennt, gehen auf Arbeiter zu, fordern sie zur Niederlegung ihrer Arbeit auf. 25 Dollar Stundenlohn ist das Ziel.
Bei Amazon ist die Lage noch vertrackter. Da keiner der Fahrer offiziell bei Amazon angestellt ist, sondern bei Subunternehmen, wird die gewerkschaftliche Organisierung erschwert. Die „Teamsters“ wollen nachhelfen, eine Gemeinschaft erzeugen. Dass sie doch alle dieselben Interessen hätten, erklären sie. Die Arbeiter werden zusammengeführt, schließlich wird ausgerechnet in der Weihnachtssaison zum landesweiten Streik aufgerufen. Vor den Amazon-Werken stehen die Gewerkschafter, jeden Streikbrecher einzeln ansprechend, der seiner Arbeit dennoch nachgehen will.
Der Kampf gegen DoorDash findet weniger über Protest auf der Straße, mehr durch politische Lobbyarbeit statt. Hier ist es vor allem die Vermittlungsapp, welche als Problem wahrgenommen wird. Die Fahrer erhalten durch sie Aufträge. Doch kann die App einzelne Profile ohne Ankündigung oder Angabe von Gründen deaktivieren. Das kommt einer fristlosen Entlassung gleich. Zudem besteht unter den Fahrern kaum Gemeinschaft. Ein „unter ihnen“ – das gibt es nicht wirklich, sie sind durch die App alle auf sich allein gestellt, vereinzelt, von ihrer Arbeit maximal entfremdet.
Hierarchien im Kollektiv
Dramaturgisch entscheidet sich Kopple, fast nur die Perspektive der Arbeiter bzw. Gewerkschafter zu skizzieren. Sie werden interviewt und bei ihrer Arbeit begleitet, als Kollektiv gerahmt. Die Inneneinsichten, die sich ergeben, sind dabei mitunter hochinteressant; vor allem, wenn es zu Konflikten kommt.
Dabei eröffnet „Union Town“ unterschwellig die Frage, inwiefern ein solidarischer Verbund gelingen kann, wenn er von einigen wenigen angeführt wird. Wenn also das Prinzip namens Hierarchie, das ihren Arbeitsalltag formt, genau auf die Organisation angewandt wird, die jenen ändern will. Robert Michels beschrieb ebendiesen Mechanismus einer neuen Elitenbildung schon 1911 als „ehernes Gesetz der Oligarchie“. Die Gewerkschaftsführer sind nämlich zwar rhetorisch versiert, unverkennbar aber der Arbeiterklasse zumindest gemäß ihren Statussymbolen eigentlich entronnen. Kleidung und Lifestyle unterscheiden sich merklich.
Nicht nur das: Es kommt bei UPS zum internen Richtungsstreit. Das Unternehmen will einen Kompromiss erzielen. 21 statt der geforderten 25 Dollar pro Stunde; trotzdem eine Erhöhung. Die Gewerkschaftsführer jubeln, stellen sogleich Stimmzettel für die Mitglieder aus, die sie zum „Ja“ überreden wollen. Doch für einige sind 25 Dollar eben 25 Dollar. Sie mobilisieren zum Protest, lehnen den Kompromiss ab. In der vielleicht sehenswertesten Szene des Films stehen sich ein Gewerkschaftsführer und eine Aktivistin gegen den Kompromiss direkt gegenüber. Nicht, um überhaupt noch auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Sondern nur, um der Erste zu sein, falls ein Mitglied vorbeikommt. Die Mitglieder – für beide sind sie jetzt eine Masse, die man gewinnen will.
Eine falsche Hoffnung?
Insgesamt versprüht der Film nichtsdestotrotz eine Hoffnungsstimmung. Immer wieder erklingt erbauliche Gitarrenmusik, wir sehen lachende Gewerkschaftsgesichter. Doch, spitz gefragt, was ist der Grund für diese Hoffnung? Es gibt eine Schere zwischen Inszenierung und realem Ergebnis. Denn was springt in den drei Fällen raus? UPS erhöht deutlich weniger als gefordert. Amazon, wo in der Hauptgeschäftszeit landesweit gestreikt wurde, reagiert mit Entlassungen. Lohnerhöhungen oder bessere Arbeitsbedingungen – nicht in Sicht. Ausgerechnet aber jene Organisation, die statt auf Streik auf Lobbyarbeit gesetzt hatte – das Interessenkollektiv der DoorDash-Fahrer –, erzielt das Gewünschte. Ein entsprechendes Gesetz, das die fristlose, unbegründete Deaktivierung der Accounts verbietet, wird im Stadtrat verabschiedet.
Diesen bitteren Befund mehr zu betonen, hätte „Union Town“ gutgetan. Stattdessen ergeben sich zwischenzeitliche Längen und nur eine lose Verbindung zwischen den drei recht konventionell bebilderten Geschichten. Die Hoffnungsstimmung jener Gewerkschaften wirklich zu brechen, das wäre die mutigere und vor allem folgerichtige Entscheidung gewesen. Was hat der reine Streik schon für Erfolge gebracht? Bei UPS gibt es nun Klimaanlagen.
Immerhin die letzte Szene bleibt eindrücklich: Dort, wo zu Beginn des Dokumentarfilms ein Mensch Pakete sortierte, steht nun ein Roboter. Wie sinnvoll aber ist eine gesellschaftliche Organisation von Arbeit, in der genau dies schlecht ist – dass eine Maschine statt eines Menschen einen schweißtreibenden Job erledigt? Diesen subversiven Gedankenanstoß gibt Kopple ihren Zuschauern implizit noch auf den Weg.
Bewertung
(64/100)
„Union Town“ wurde beim DOK Leipzig gesehen.
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Bild: (c) Main Chris / Cabin Creek Films (Asad Faruqi)
