Gleich zwei Filmprojekte des Star-Regisseurs Martin Scorsese stehen für 2019 in den Startlöchern: Sowohl die Musikdokumentation „Rolling Thunder Revue: A Bob Dylan Story by Martin Scorsese“, als auch das Gangsterdrama „The Irishman“ erscheinen noch in diesem Jahr. Produziert werden beide Filme von Streaminganbieter Netflix – was Scorsese in den Mittelpunkt einer Debatte um die Bedeutung der klassischen Kinoerfahrung im Zeitalter des Onlinestreaming stellt.

Auf der Feier zum fünfzigsten Jubiläum des Film at Lincoln Center im April wurde Scorsese in einem Gespräch mit Vanity Fair gefragt, was der Grund für seine Zusammenarbeit mit Netflix sei. Seine Antwort fiel simpel aus: „Sie boten mir das Geld und die Freiheit.“ Denn in Hollywood, wo derzeit vor allem Superhelden-Mega-Franchises das Box Office dominieren, ist das eine Seltenheit.

In der Diskussion um Streamingdienste als Bedrohung für die Kinoerfahrung, erstmals angeheizt durch das mehrfach oscarprämierte Netflix-Drama „Roma“, tritt Scorsese diplomatisch auf: Man müsse Geduld haben und abwarten, welche Dinge Netflix in Zukunft ausprobieren werde. Denn dabei könnte es sich womöglich um einen Gegenpol zu den üppig budgetierten Superhelden-Kassenschlagern handeln, denen Scorsese kritisch gegenübersteht. Er meint, die aktuellen Entwicklungen regen zum Nachdenken darüber an, was das Medium Film ausmacht und wie er präsentiert werden sollte.

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Überlegungen ähnlicher Art sorgten im vergangenen März für zahlreiche Spekulationen bezüglich einer möglichen Regeländerung bei den Oscars, was die Qualifikationskriterien betrifft. Gegenstand der Spekulationen waren exklusive Kinostarts ohne zeitnahe Veröffentlichung auf einer Streamingplattform als Bedingung für eine Oscar-Nominierung. Damals hatte Regisseur und hochrangiges Academy-Mitglied Steven Spielberg sich mehrfach kritisch gegenüber der Teilnahme von Streaming-Produktionen an der Verleihung geäußert. Zuletzt entschied sich die Academy of Motion Picture Arts and Sciences jedoch gegen eine Änderung des Regelwerks.

„Roma“ erhielt vor seiner Veröffentlichung auf Netflix eine dreiwöchige exklusive Kinolaufzeit. Auch Scorseses „Rolling Thunder Revue“ und „The Irishman“ sollen zusätzlich zu ihrem Netflix-Release auf der großen Leinwand zu sehen sein.

von Paul Kunz

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