Als Showrunner Vince Gilligan 2008 anfing, seine Geschichte über einen sterbenskranken Chemielehrer zu erzählen, ahnte wohl noch niemand, welchen Kultstatus „Breaking Bad“ in der Film- und Seriencommunity erlangen würde. Nun, sechs Jahre nach Ausstrahlung der letzten und vielumjubelten Episode können Fans in „El Camino“ ein vermutlich letztes Mal nach Albuquerque zurückkehren und in die Welt rund um Heisenberg und Co. eintauchen. Im Mittelpunkt steht dabei aber nicht mehr der kahlköpfige Methkoch, sondern sein einstiger Weggefährte. Der Film ist seit 11.10. auf Netflix zu sehen.

von Cliff Brockerhoff

Jesse Pinkman, der Mann, der das Wort „bitch“ in seinem Sprachschatz etabliert hat wie niemand vor ihm, ist gerade aus seiner Gefangenschaft entkommen und steuert, dem Nervenzusammenbruch nahe, durch die Straßen seiner Heimatstadt. Die Handlung des von Netflix produzierten Spielfilms knüpft somit nahtlos an das Ende der Serie an und brettert mit rasender Geschwindigkeit zurück in die Herzen der Fans. Gerade zu Anfang geizt der Film nicht mit altbekannten Gesichtern und besticht mit herrlichem Fanservice. Der nostalgische Wert ist hoch; und beim Anblick von Skinny Pete, Badger oder Jesse selber fühlt sich der Zuschauer in jene Zeit zurückversetzt, in der Crystal Meth noch zu den Hauptnahrungsmitteln der Stadt in New Mexico gehörte. „El Camino“ kommt gut aus der Startbox, bringt sich schnell in Pole Position und fährt unbedrängt auf der Ideallinie. Das Problem an der Geschichte: es sitzt niemand im Fahrzeug.

Deutlicher ausgedrückt: Das Werk hat nahezu keinen Inhalt. Es handelt sich eher um eine holprige Aneinanderreihung von Rückblenden, die ab und an von aktuellen Ereignissen unterbrochen werden. Der Film sonnt sich im kristallklaren Schein seiner Serienvorlage, kann damit allerdings nur hartgesottene Anhänger blenden. Die Geschichte, die in „El Camino“ erzählt wird, beantwortet zwar einige offene Fragen, kann aber keine elementaren Aspekte zum bereits Gesehenen ergänzen. Es war zwar von Anfang an nicht zu erwarten, dass der Film die Ereignisse der Serie auf den Kopf stellt oder gar für einen bombastischen Twist sorgt, dass die Handlung aber derart belanglos sein würde, hatten wohl nur die wenigsten befürchtet. Die Chance, Jesse einen würdigen Abschluss seines Handlungsstrangs zu spendieren, wurde klar verpasst, und trotz einiger spannender Momente fährt der Camino überraschenderweise hauptsächlich mit angezogener Handbremse.

Ein weiteres Problem, das für weniger Verwunderung sorgt, ist der Zahn der Zeit, der natürlich auch an Schauspielern nagt. Die Maske gibt sich Mühe Einhalt zu gebieten, bei genauerer Betrachtung lassen sich die Geheimratsecken in Jesses Haarpracht aber nur schwer leugnen. Besonders offensichtlich wird die Angelegenheit beim Anblick von „Meth Damon“, der in der Erinnerung auch nicht unbedingt ein Blickfang war, in „El Camino“ aber plötzlich als pausbäckiger Recke in Erscheinung tritt. Für viele wahrscheinlich ein marginales Kriterium, für eingefleischte Fans ein schmerzhafter Dorn im Auge. Stilistisch kann dem Film ansonsten nicht viel vorgeworfen werden; die dreckigen Bilder von einst waren schon am Ende der Serie der Hochglanzpolitur gewichen, und finden sich auch in den knapp zwei Stunden des Netflix-Films nicht wieder – wenn man einmal vom Dreck in Jesses Gesicht absieht.

Fazit:

Darüber, ob eine grandiose Serie mit einem grandiosen Finale Jahre später noch einen Film braucht, der die Story weiter erzählt, lässt sich sicherlich streiten. Angesichts der anfänglichen Nostalgie verfliegt ebenjene Skepsis aber schneller als Meth abhängig macht. Leider erschweren ein kaum vorhandener Spannungsbogen und ein antiklimatischer Aufbau den Zugang, sodass sich nach dem ersten Vollrausch schnell ein Kater breitmacht. Um es im Fachjargon auszudrücken: Mit „El Camino“ verhält es sich so wie mit Stoff – je länger man das Zeug streckt, umso weniger knallt es, bitch.

Wertung:

5 von 10 Punkten

Bilder: ©Netflix

Werbeanzeigen