Im Laufe der 1970er ist eine Vielzahl von Filmemachern auf den rasant vorpreschenden Giallo-Zug aufgesprungen. Keine Auseinandersetzung mit dem Phänomen führt aber an dem Namen vorbei, der praktisch synonym mit selbigem ist: Dario Argento. Fünf Jahre nachdem er mit seinem Regiedebüt „Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“ den Trend (neu) definiert hatte, zieht Argento ein erstes Resümee und kondensiert unter dem Titel „Tiefrot“ die Essenz des sich bereits verflüchtigenden Dunstkreises, der sich darum gebildet hat, in einem singulären Standardwerk.

von Daniel Krunz

Die titelspendende Farbe rahmt das Giallo-Opus mit großflächigen Raumnahmen, so erstmals im eröffnenden Tracking Shot, der durch einen tiefroten Samtvorhang, der wie von Geisterhand gehorsam zur Seite weicht, in einen tiefroten Theatersaal führt. Symptomatisch für das Gesamtkunstwerk erhält die Kamera sofort die allmächtige Erzählerrolle und fungiert stellvertretend für das Publikum, das an ein magisches Schauspiel herantritt. Die Einstellung zementiert Argentos Einstellung zum Filmemachen, die sich der betonten Künstlichkeit der Kunst verschrieb. Bühne frei für die große Show eines Kino-Illusionisten.

„Vielleicht hast du etwas wichtiges gesehen, ohne es zu wissen.“

Der englische Jazzpianist Marcus wird in seiner Wahlheimat Rom einziger Zeuge des Mordes an seiner Nachbarin, einem prominenten Medium. Kurz zuvor hat die Frau bei einer spiritistischen Konferenz einen Mörder im Publikum gewittert, konnte dessen Identität aber nicht mehr preisgeben. Marcus entwickelt eine Obsession für den Fall und wird das Gefühl nicht los, am Tatort etwas wichtiges übersehen zu haben.

Auch vor der Kamera ist also ein kreativer Kopf die zentrale Gestalt und repräsentiert nur eine Note im Leitmotiv Kunst, das sich wie ein roter Faden durch die  bluttriefende Erzählung zieht. Verfremdete Abbildungen der Wirklichkeit markieren Eckpunkte wie Thema der Story und manifestieren sich in diversen Disziplinen: Musik, Bildhauerei, Malerei. Produkte der bildenden Kunst sind aber nicht nur der Schlüssel zum Geheimnis der Geschichte, sie bestimmen auch die Syntax, mit der selbige erzählt wird. Argento rahmt seine Bilder mit solch ästhetischem Eifer, dass eine szenische Rekonstruktion von Edward Hoppers Gemälde „Nighthawks“ zu einem beiläufigen Hintergrundereignis wird. Der Maestro dirigiert ein vielstimmiges Orchester obsessiv durchkomponierter Bildfolgen, das sein Tempo dramatisch steigernd, in Salven visueller Paukenschläge mündet.

„Profondo Rosso“ – (c) Stadtkino Basel

Beginnend bei den Anfangcredits konditioniert der Film auf einen pawlowschen Reflex und generiert in Folge Spannung auf Knopfdruck. „Profondo Rosso“ markiert Argentos erste Kollaboration mit der Progrock Band „Goblin“ und gleichsam den ersten Punkt in seiner Filmographie, an dem die Musik zum gleichberechtigten Erzählkanal erhoben wird. Hektische Basslines begleiten voyeuristische Shots, die das  Subjekt aus allen möglichen und unmöglichen Winkeln anvisieren und den irrationalen Begriff Paranoia in Bilder übersetzen. Das Unbewusste und das Ungewisse sind die Mysterygaranten in diesem Rätselspiel und bilden die weitläufige Spielwiese, auf der der Auteur zum Frontalangriff auf seine RezipientInnen ausholt. Das Publikum wird mit den Akteuren auf gleiche Stufe gestellt und ist ebenso plan- wie hilfloser Zeuge des buchstäblich unfassbaren Grauens.

Die wenigen Informationen, um die das Publikum dem Protagonisten dann doch voraus ist, tragen mehr zur Verwirrung, denn zum Verständnis bei. In einer frühen Einstellung zeichnet ein Makroobjektiv die Momentaufnahme einer gestörten Wahrnehmung auf. Während sich Goblins Hauptthema zu einem schrillen Orgelgewitter hochschaukelt, passiert die Kamera eine Kollektion makabrer Miniaturen: Glasmurmeln, Wollfäden, eine Teufelspuppe, eine Kinderzeichnung; bis die Erkundungsfahrt schließlich eine silbrig-blitzende Klinge erreicht. Was will man uns damit sagen? Worauf sollen wir achten? – Fragen, deren Beantwortungen teilweise bis zuletzt auf sich warten lassen. Im wahrsten Sinne des Wortes werden schrittweise die Einzelteile des Gesamtbildes freigelegt; bis sich das letzte Fragment aber einfügt, ist das Geheimnis immer größer geworden.

(c) Intramovies

„Der italienische Hitchcock“ wird Dario Argento gerne genannt und aus seiner Bewunderung für den Master of Suspense hat er nie einen Hehl gemacht, am allerwenigsten bei dieser Arbeit, die beginnend beim Poster Artwork, die Klassiker von „Vertigo“, über „Psycho“, bis hin zu „Marnie“ zitiert und die miteinander verschmolzenen Motive in eine neue Form gießt. Den meistdiskutierten intertextuellen Bezug stellt aber zweifellos Michelangelo Antonionis „Blow Up“ dar, der bereits ein gutes Jahrzehnt zuvor David Hemmings als künstlerischen Protagonisten inszenierte, der mithilfe eines Bildes ein mysteriöses Verbrechen aufklärt. Das technische Auge der Kamera liefert im Beispielfall als dokumentarischer Speicher den entscheidenden Hinweis, Argento wiederum führt seinen Diskurs um das innere Auge als Erinnerungsträger weiter und verknüpft schließlich die beiden Ansätze in einer akribisch durchdachten Auflösung, die nach zwei Stunden Rätselraten den berühmten „Aha-Effekt“ beschwört.

Der Topos der getrübten Erinnerung ist dabei nur eine Komponente in Argentos werkübergreifendem Motivkreis, der von Narben der Vergangenheit erzählt, die neu aufgerissen werden. Totgeschwiegene Traumata und gelebte Lügen als Bewältigungsstrategien manifestieren sich wiederholt in Argentos Oeuvre, erstmals berührt er nun aber auch seine beliebten Randthemen Sexismus und Queerness mit größerer Sensibilität. Der Filmemacher, der sich immer wieder gerne ideologisch positioniert, führt die Genderdebatte auch hier ausgesprochen plakativ, schenkt damit dem sehr dichten Werk mit seiner unterhaltsamen Persiflage von Geschlechterkampf und männlichen Vormachtsfantasien aber entspannende Verschnaufpausen und misst der Thematik erneut auch tiefere Bedeutung zu.

Der Begriff „Gesamtkunstwerk“ ist gefallen und die Rechtfertigung des Attributs sollte hiermit erörtert worden sein. „Profondo Rosso“, die „Farbe des Todes“, erstrahlt in vielen Schattierungen, deren Bandbreite Mystery, Suspense, Tragik und Horror abdeckt, sich aber selbst auch heitere und romantische Augenblicke gönnt. Mit der Wucht und dramatischen Vielfalt einer italienischen Oper lässt der Maestro zu einem Spektakel für die Sinne aufspielen, dessen kathartische  Wirkmacht aus  dem eklektischen Arrangement von klassischer Opulenz und modernem Konstruktivismus entspringt. Ganz im Geiste der Altmeister bittet Argento dabei nicht nur seine Figuren zum Aderlass, sondern lässt mindestens gleich viel seines eigenen Herzblutes in die Schocksymphonie einfließen.

Titelbild: Stadtkino Basel