Während sich das US-Kino zunehmend in auch durch die politischen und gesellschaftlichen Zustände erklärbaren internen Debatten verfängt (Scorsese vs. Marvel; der „politisch korrekte“ Film; Diversität im Film, etc.), die nicht nur kreativitätsfördernd sind, schickt sich das asiatische Kino zunehmend an, ein ernst zu nehmender Konkurrent um die Hegemonie im Qualitäts-Weltkino zu werden: Nicht umsonst wurden dieses Jahr Filme wie „Asche ist reines weiß“ oder der Cannes-Sieger „Parasite“ (auch unser Film des Jahres!) gefeiert. Mit „Bis dann, mein Sohn“ kommt nun ein ebenfalls Festival-erprobter Streifen (2 Darstellerpreise in Berlin) in unsere Kinos, der den oben genannten in nichts nachsteht: Regisseur Wang Xiaoshuai präsentiert ein 3-stündiges Leinwand-Epos, das vielschichtiges (Familien-)Melodram mit Gesellschaftportrait vereint, und seine Laufzeit mehr als rechtfertigt.

von Christian Klosz

In Rückblenden und mit vielfältigen Zeitsprüngen wird die Geschichte des chinesischen Ehepaars Yaojun und Liyun vom Beginn der 80-er bis in die Jetztzeit erzählt, dabei auch die verschiedenen politischen und sozialen Entwicklungen der Volksrepublik abgebildet. Regisseur Wang spart dabei auch nicht mit sanfter Kritik, zum Beispiel, als er die Massenentlassungen in der Fabrik, in der Liyun angestellt ist, darstellt, oder die Konsequenzen der rigiden Einkind-Politik auf persönlicher Ebene: Als Liyun zum zweiten Mal schwanger wird, wird sie gezwungen, das Kind abzutreiben – den Schmerz lindern auch die ausgiebigen finanziellen Entschädigungen der „Partei“ nur marginal.

Bei all diesen politisch-kulturell relevanten Aspekten ist „Bis dann, mein Sohn“ aber vor allem ein vorzügliches Familiendrama geworden. Der Film stellt, ohne allzu viel Sentimentalität, sehr realistisch und glaubhaft die Auf und Abs einer Beziehung dar, die trotz aller Wirren bestehen bleibt.

Getragen und zusammengehalten wird der umfassende Plot dabei von den beiden Darstellern Yong Mei und Wang Jingchun, die eine beachtliche Leistung abliefern, und von der formalen Gestaltung: Immer wieder kehrt Wang zu den selben Einstellungen zurück, zu bereits bekannten Orten, Szenerien, um so die Kontinuität und die innere Kohärenz der Handlung zu garantieren und zu symbolisieren. Dass die über 3 Jahrzehnte umfassende Geschichte dabei nicht „auseinander fällt“, stimmig und verständlich bleibt, dafür gebührt ihm besonderes Lob.

Fazit

Episch, extensiv, epochal emotional, exquisit: Es gibt viele Adjektive, die Wang Xiaoshuais Mammut-Werk „Bis dann, mein Sohn“ beschreiben. Teil 1 seiner geplanten Trilogie über die chinesische Gesellschaft überzeugt auf ganzer Linie, und ist trotz der beachtlichen Laufzeit von 3 Stunden zu keiner Zeit langweilig oder anstrengend. Hervorragend geschriebenes, gespieltes und inszeniertes Kino, das den Großteil des aktuell produzierten Hollywood-Outputs mit Lockerheit in den Schatten stellt.

Bewertung

9 von 10 Punkten

Bilder: © Filmladen Filmverleih