Musik veredelt ikonische Filmszenen, verstärkt Stimmungen, dient als Rückzugsort in stürmischen Zeiten, zur Kanalisation jedweder Gefühle und ist generell beinahe unausweichlich. Egal ob im Fernsehen, im Radio oder auf der Straße – wir sind überall umgeben von engmaschigen Klangkonstrukten. Doch was passiert wenn diese plötzlich wegfallen? Wie verändert sich die Welt und die Wahrnehmung ebenjener? Diese Frage stellt Darius Marder in „Sound of Metal“ und beantwortet sie auf kraftvolle Art und Weise.

von Cliff Brockerhoff

In seinem nunmehr zweiten Spielfilm dreht sich alles um Ruben, seines Zeichens Schlagzeuger der Punk-/Metalband „Blackgammon“. Zusammen mit seiner Freundin Lou hat er sich komplett der Musik verschrieben, tourt im abgeranzten Tourbus durch die Lande und schwingt Abend für Abend für ein paar Dollar die Drumsticks. Doch das passionierte und mitunter ohrenbetäubend laute Treiben hinterlässt Spuren, und als Ruben eines Tages eine merkliche Verschlechterung seines Hörvermögens wahrnimmt, ist sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Den dringenden Rat seines Arztes fortan lauten Geräuschen aus dem Weg zu gehen will der Schlagzeuger zuerst ignorieren, doch letztlich muss er erkennen, dass sein Leben nun ein anderes sein wird.

Soviel zur Ausgangslage von „Sound of Metal“, der schon in den ersten Szenen erkennen lässt mit welchen Stilmitteln Marder seine Geschichte vortragen will. Der extrovertierten Bühnenshow inklusive wildem Geschrei folgt der nächste Morgen in absoluter Stille. Wer bei einem Konzert schon einmal zu nah an den Boxen stand und danach durch die Nacht strömte, kann den krassen Kontrast ungefähr einordnen. Marder setzt voll auf gnadenlose Authentizität und hat seinen Film mit einem beeindruckenden Sounddesign versehen, dass es dem Zuschauer immer wieder erlaubt in Rubens Gehörgänge einzutauchen. Schnell bekommt auch der Filmtitel eine Doppeldeutigkeit, denn der „Metal“ ist im konkreten Fall nicht nur das Genre, sondern steht gleichbedeutend auch noch für die Wahrnehmung einer kratzig blechernden Soundkulisse, mit der Ruben durch die Einbuße seines Hörvermögens Vorlieb nehmen muss. Die akribische Vorbereitung zahlt sich aus, denn die immersive Wirkung entfaltet schnell ihre volle Kraft und zieht den Zuschauer mitten ins Geschehen.

Aber nicht nur der Regisseur hat im Vorhinein viel Zeit in den Film investiert, auch sein Protagonist hat sich speziell für seine Aufgabe vorbereitet. So hat Riz Ahmed beispielsweise extra ein halbes Jahr Schlagzeug Unterricht genommen und extra die Gebärdensprache erlernt um seine Rolle glaubhaft verkörpern zu können. Dem ein oder anderen wird der Brite durch seine Auftritte in „Nightcrawler“ oder „Venom“ vielleicht ein Begriff sein, aber was der Akteur in der Verkörperung des Schlagzeugers abruft ist schlicht phänomenal. Egal ob er seinen durchtrainierten Körper bei der Bearbeitung seines Instruments zur Schau stellt, trotzig gegen seine neuen Lebensumstände rebelliert oder mit zitternder Stimme hoffnungsvolle Gedanken gen Zukunft richtet, jede Emotion wirkt hundertprozentig „echt“. Auch wenn der gesamte Cast (unter anderem Olivia Cooke oder Paul Ruci) überzeugt, Riz Ahmed spielt alle schwindelig. Welche Wirkung seine Leistung hat, wird tatsächlich aber erst ganz am Ende des Films deutlich als der Betrachter noch ein letztes Mal einen tiefen Blick in Rubens Augen werfen kann. Als der Film verstummt, der Abspann ertönt und sich sämtliche Anspannung löst ist das ein zutiefst bewegender Moment und ruft bei der bloßen Erinnerung daran neuerliche Gänsehaut hervor.

„Sound of Metal“ macht also fast alles richtig, lediglich ein Manko lässt sich während der zweistündigen Laufzeit feststellen: die zweistündige Laufzeit. Nicht etwa weil der Film Längen hat oder Ereignisarmut ihn an den Rand der Langeweile treiben würde, nein. Vielmehr wirkt die Erzählung gerade anfangs fast zu gehetzt und übereifrig. Das passt wiederum zu Rubens Rastlosigkeit, seiner Verweigerung gegenüber der neuen Situation und der Vorgeschichte des Paares, wirkt aber unrhythmisch und gipfelt im Mittelteil in einer gänzlich unerklärten Kehrtwende, die die Erzählung aus dem Takt wirft. Vielleicht lässt es sich mit dem ungestümen Tatendrang des Regisseurs erklären, aber hier hätte eine halbe Stunde mehr womöglich für einen Mehrwert und eine runderes Narrativ sorgen können.

Fazit

Marders Musikdrama ist ein wundervoll vielschichtiges, aufrichtig emotionales und grandios gespieltes Werk geworden, das stellenweise unausgewogen wirkt, am Ende aber in einer Mischung aus tieftrauriger Melancholie und leiser Hoffnung einen fokussierten und wichtigen Appell in die Gehörgänge seiner Zuschauer flüstert: Jage nicht dem hinterher was du verloren hast, sondern schätze das, was du noch besitzt, denn es könnte dir jederzeit genommen werden. Herzerwärmend und -zerreißend zugleich. Abrufbar bei Amazon Prime Video!

Bewertung

Bewertung: 8 von 10.

(78/100)

Bilder: ©Amazon Studios

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