Und täglich grüßt das Murmeltier. Oder auch der Vater, der sich am Frühstückstisch mal wieder den Kopf über das Kreuzworträtsel zerbricht, oder die Schwester, die einen bei Cornflakes scherzhaft als Loser abstempelt, während man wie selbstverständlich die Tasse vor dem Fall bewahrt und den Toast punktgenau aus dem Toaster zieht: Was im ersten Augenblick wie eine beneidenswert leichte und raffiniert und perfekt synchronisierte Morgenroutine für Mark (Kyle Allen) und seine Familie aussieht, entpuppt sich sogleich als Beginn einer ziemlich unbeschwerten und gut gelaunten Teenie-Variante der bekannten Komödie von 1993 um Bill Murrays egozentrischen Reporter, der sich nur widerwillig und mürrisch den alltäglich wiederkehrenden banalen Dingen des Lebens stellt, die die Zeitschleife kennzeichnen, in der er gefangen ist – und der er nur schnellstmöglich irgendwie wieder entkommen möchte: „The map of tiny perfect things“ ist seit kurzem auf Amazon Prime zu sehen.

von Madeleine Eger

Drehbuchauto Lev Grossman, der zugleich auch die literarische Vorlage lieferte, bewegt sich auf merklich bekannten Pfaden, macht daraus jedoch kein Geheimnis und spickt seine Geschichte immer wieder mit diversen Popkulturreferenzen. Sein Protagonist Mark hat sich derweil erstaunlich gut mit dieser außergewöhnlichen Situation arrangiert, kennt die Gepflogenheiten seiner Mitmenschen auf die Minute genau, nutzt die Gelegenheiten, um sich auszuprobieren, Grenzen auszutesten, aber auch um seine Fähigkeiten im Zeichnen zu verbessern. Denn seinen Traum, auf die Kunstschule gehen zu können, hat Mark trotz der Widrigkeiten noch nicht aufgegeben und sieht, ganz nach Vorbild des Filmklassikers, seine Chance darin, die Zeitschleife zu durchbrechen, wenn er es schafft, seinen Schwarm Phoebe (Anna Mikami) für sich zu gewinnen. Diese Anstrengung mündet schon zu Beginn des Films in einer sehr charmanten Wiederholungssequenz, die nicht zögert, sich über Marks Scheitern lustig zu machen. Und dann ganz plötzlich, aus dem Nichts und ohne Vorwarnung, taucht Margaret (Kathryn Newton) in seiner täglichen Routine auf und bringt die gerade noch scheinbar so stabile kleine Welt gewaltig ins Wanken. Denn schon bald muss er feststellen, dass sich nicht alles nur um seine Persönlichkeit dreht und Margaret weit mehr als nur der „Partner in Crime“ ist.

Mit zwei überaus liebenswürdigen und außerordentlich gut harmonierenden Charakteren gelingt es dem Regisseur Ian Samuels seinen Film für sein Publikum, trotz gewissen Déjà-vu Effekten, zu einem dieser kleinen perfekten Momente werden zu lassen, die er, entgegen des wenig eleganten deutschen Titels „16 Stunden Ewigkeit“, im englischen Original „The Map of tiny perfect Things“ verspricht. Denn der Film ist wahrlich eine leichtfüßige Einladung, in eine nonchalante Erzählung einzutauchen, die zwei Jugendliche an der, oftmals beängstigenden, Schwelle zum Erwachsenwerden begleitet, wo erstmals komplexe Entscheidungen getroffen werden müssen, sich neue Erkenntnisse offenbaren und sie mit Gefühlen konfrontiert werden, die den Verlauf ihres Lebens bestimmen und neu formen werden. Dabei kann man der romantisch angehauchten Tragikomödie zwar eine gewisse Vorhersehbarkeit (gerade in Bezug auf den sich anbahnenden Twist) und Einfachheit vorwerfen, über die man allerdings gerne, angesichts der feinfühligen Melange an zauberhaften Bildern, eingängiger beflügelnder Musik und nahezu unbeschwert choreographierten Sequenzen, hinweg sieht.

Wenn Mark und Margaret sich beispielsweise ohne zu zögern geschickt durch die gesamte Restaurantküche bewegen, wo jedes noch so kleine Detail sekundengenau verinnerlicht ist und jeder Handgriff perfekt sitzt, erinnert der Film zeitweise sogar an die eindrucksvollen wie unterhaltsamen Szenen aus „Baby Driver“, die unvergleichlich technischen Perfektionismus und synchronisierte Eleganz zelebrieren. Wenngleich Ian Samuels die Möglichkeiten in seinem Film nicht bis aufs Äußerste ausreizt, so etabliert er einen mitreißenden Flow, der einem für 90 Minuten eine Auszeit beschert und ermutigt, seine Aufmerksamkeit den winzigen perfekten Dingen zu widmen, die einem im Leben oft ganz unbemerkt und unvermittelt begegnen und die in Zeiten, die vielleicht ausweglos und schwer erträglich erscheinen, immer noch den Anstoß für Zuversicht, Lebensfreude und Glück sein können.

Fazit

Unbeschwert, charmant und liebenswert: „The Map of tiny perfect Things“ schafft es, als Teenie-Tragikomödie und Zeitschleifenwiederholungstäter mittels seiner zauberhaften wie lebensfrohen Bilder, Musik und Hauptdarsteller der noch so bekannten Thematik innerhalb des Genres ein Fünkchen Originalität abzuringen und avanciert so zu einer willkommen Einladung, den Alltag für einige Augenblicke hinter sich zu lassen. Ein herzensguter, überraschend einfühlsamer sowie tiefgründiger Film und tatsächlich ein kleiner Lichtblick inmitten der Flut der filmischen Mittelmäßigkeit, die zuletzt durch die Streamingdienste schwappte.

Rating

Bewertung: 8 von 10.

(80/100)

Bild: (c) Amazon Prime