Ein Jahr später, selbes Spiel? Während sich Cannes selbst feiert, aber trotzdem nicht so richtig Stimmung aufkommen mag, hauen die – derzeit geöffneten Kinos – Film nach Film raus, es gibt einen gehörigen Rückstau nach mehr als einem halben Jahr Lockdown. Wie lange das noch möglich sein wird, oder ob schon bald die nächste Schließung winkt, wird sich zeigen, jedenfalls bricht sich gerade in den letzten Wochen auch wieder etwas filmische Qualität Bahn durch die schiere Quantität.

Wir haben die derzeit schwer einschätzbare Lage als Anlass genommen, zum dritten Mal nach 2019 und 2020 an unseren Film plus Kritik-Halbjahrescharts zu feilen, die ein Rückblick auf ein abermals ungewöhnliches Film- und Kinojahr sein sollen, eine Zusammenfassung, aber auch eine Liste an Empfehlungen. Wie wurde gezählt? In Frage kamen alle Filme, die zwischen 1.1.2021 und 16.7.2021 in Österreich oder Deutschland erstmals regulär veröffentlicht wurden, also entweder im Kino, als VOD-Premiere, auf DVD/BluRay oder auf einer Streamingplattform. Festival-Premieren aus diesem Jahr zählen nicht dazu. Die Reihung richtet sich nach den Durchschnittswerten in unseren Filmratings. Voraussetzung ist, dass für den betreffenden Film zumindest 2 Wertungen (0-100) abgegeben wurden.

15. „I care a lot“ – 72

The American Dream gone wrong – Netflix neuester Spielfilm funktioniert letztlich weniger als schwarze Komödie, sondern viel eher als elektrisierender Thriller mit zielsicher dargebotenen Wendungen und einem grandiosen Finale. Blakeson intoniert seine Kritik am Kapitalismus in der fiesesten Art und Weise und beweist ganz nebenbei, dass ein gut geschriebenes Drehbuch auch nach über 130 Jahren Bewegtbild immer noch am besten als Köder funktioniert um sein Publikum nachhaltig zu begeistern. (cb) -> Ausführliche Kritik

14. „Neues aus der Welt“ – 73

Regisseur Paul Greengrass kann hier eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass er es nicht nur versteht, an Gedächtnisverlust leidende Geheimagenten gut in Szene zu setzen. Die shaky cam weicht hier dankenswerterweise langen, wohl durchdachten Einstellungen, atmosphärischen Landschaftsaufnahmen und ein paar temporeicheren Actionsequenzen – alles, was so einen richtigen Western eben ausmacht. Handwerklich auf einem Topniveau, schauspielerisch erste Klasse, unterlegt mit einem stimmigen Soundtrack, veredelt mit einer fesselnden Atmosphäre und garniert mit einer Genre-untypischen Geschichte: es gibt wirklich nicht viel, was man an „Neues aus der Welt“ aussetzen könnte. (mh) -> Ausführliche Kritik

12. „Raya und der letzte Drache“ – 73.5

Disney ist mit „Raya und der letzte Drache“ einmal mehr ein temporeiches, amüsantes Abenteuer geglückt, das zwar nicht ganz an die absoluten Glanzstunden des Studios heranreicht, aber nichtsdestotrotz gelungene Unterhaltung für die gesamte Familie bietet. (mh) -> Ausführliche Kritik

ex-aequo mit:

12. „Falling“ – 73.5

Ein intensives Familiendrama, das von seinen Ambivalenzen lebt und auch gerade davon, Unangenehmes nicht auszusparen: „Falling“ versucht ein in weiten Teilen überzeugendes Porträt einer gescheiterten Vater-Sohn-Beziehungskonstellation, das trotz aller verbalen Übergriffe und Gehässigkeiten schließlich doch einen Funken Hoffnung auf Versöhnung vermittelt. Ein alles in allem sehr gelungenes Regiedebüt von Filmikone Viggo Mortensen, der dazu noch die Hauptrolle übernimmt. (ck) -> Kritik

(c) Filmladen

11. „The map of tiny perfect things“ – 74

Unbeschwert, charmant und liebenswert: „The Map of tiny perfect Things“ schafft es, als Teenie-Tragikomödie und Zeitschleifenwiederholungstäter mittels seiner zauberhaften wie lebensfrohen Bilder, Musik und Hauptdarsteller der doch so bekannten Thematik innerhalb des Genres ein Fünkchen Originalität abzuringen und avanciert so zu einer willkommen Einladung, den Alltag für einige Augenblicke hinter sich zu lassen. Ein herzensguter, überraschend einfühlsamer sowie tiefgründiger Film und tatsächlich ein kleiner Lichtblick inmitten der Flut der filmischen Mittelmäßigkeit, die zuletzt durch die Streamingdienste schwappte. (me) -> Ausführliche Kritik

10. „Possessor“ – 74.7

David Cronenbergs Sohn Brandon hat mit „Possessor“ einen wahnsinnig intensiven Film erschaffen und geleitet mit Hilfe von viszeraler Vehemenz durch eine Geschichte, die trotz aller technischer Finesse immer im Vordergrund steht. Seine persönlichen Einflüsse sind dabei deutlich erkennbar, doch Cronenberg jr. hat es mit seinem zweiten Spielfilm geschafft, eine eigene Handschrift erkennen zu lassen. Für das Mainstream-Publikum ist das wahrscheinlich Folter, für Fans angesprochener Stoffe aber sicherlich ein Fest für die Netzhäute. (cb) -> Ausführliche Kritik

9. „Nomadland“ – 78

„Nomadland“ ist unverkennbar Chloé Zhao, atmet ihre künstlerische Freiheit durch jede verstaubte Pore und profitiert von seiner umwerfenden Hauptdarstellerin. Die filmische Verarbeitung der Suche nach Freiheit, Heimat und dem Sinn des Lebens ist wunderschön anzusehen und trotz traurigem Unterton stets lebensbejahend, am Ende der Reise aber nicht so berührend, wie sie hätte sein können. Nichtsdestotrotz ein starker Film. (cb) -> Ausführliche Kritik

©Searchlight Pictures

8. „A quiet place 2“ – 78.5

John Krasinski hat bei der Premiere des Films gesagt, dass er persönlich den Nachfolger sogar mehr mochte, als den ersten Teil. Dem kann man nur zustimmen. „A Quiet Place 2“ ist das überragende Sequel zu einem überraschend guten ersten Teil. Altbekannte Gesichter bespielen ihre Rollen wieder auf eine emotional nahbare Art und Weise, Cillian Murphy tut dem Cast auch ohne seinen Birmingham-Dialekt gut. So entsteht oftmals eine schier unerträgliche Spannung, ohne dabei auf billige Jump-Scares zu setzen – Atmosphäre, Charaktere und Story laden zum Mitfiebern ein. Besonders gut getan haben die tieferen Einblicke in die Welt, die dem Vorgänger abgegangen sind, sodass sich „A Quiet Place“ zu eine der interessanteste Filmreihen der Neuzeit entwickelt, dessen Fans sich laut Paramount sogar zeitnah auf einen dritten Teil freuen dürfen. (mo) -> Ausführliche Kritik

7. „Fuchs im Bau“ – 79

In seinem zweiten Spielfilm nach „Die Migrantigen“ schlägt Regisseur Arman T. Riahi ganz andere Töne an: Statt Lachern en masse gibt es in „Fuchs im Bau“ ein teils düsteres, aber realistisches Drama über den Alltag in einem Jugendgefängnis. Die Themen (Identität, Herkunft, Erwachsenwerden, Konflikt,…) erschließen sich dem Publikum nicht über gefinkelten Humor, sondern über direkte Emotion, die von tollen Darstellern vermittelt werden: Ein gelungener, sehenswerter Film. (ck) -> Ausführliche Kritik

5. „Luca“ – 81

Der Disney Pixar Animationsfilm „Luca“ erzählt die bezaubernde Geschichte eines Jungen, der einen unvergesslichen Sommer in einer kleinen, malerischen Stadt an der italienischen Riviera verbringt, zusammen mit seinem neuen Freund Alberto. Ihre Tage voller Eiscreme, Pasta und Träumen von Vespa-Fahrten werden jedoch von einem tief verborgenen Geheimnis überschattet: Luca und Alberto sind Seemonster aus einer anderen Welt, die sich direkt unter der Wasseroberfläche befindet. Regie führte Enrico Casarosa, der für seinen Kurzfilm „La Luna“ für den Oscar® nominiert war. (Disney)

ex-aequo mit:

5. „Nobody“ – 81

Ebenso erfrischend wie wohl vertraut, mit einer kräftigen Prise Humor versehen und kurzweilig von der ersten bis zur letzten Minute: Genau so wie „Nobody“ muss sich ein Action-Sommerblockbuster anfühlen. Fans des Genres sollten sich nach der langen Zeit der Enthaltsamkeit diesen Spaß wirklich nicht entgehen lassen. (mh) -> Ausführliche Kritik

4. „Bad luck banging or loony porn“ – 82.3

Der Berlinale-Wettbewerbsgewinner ist ein kreativer, kluger und unterhaltsamer Exkurs über Moral(verfall), Anstand und die Probleme einer zerfallenden, verunsicherten Gesellschaft, die verlernt hat, miteinander zu kommunizieren, sich auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen – und zu vergeben. Es ist beißende Sozial- und Kulturkritik, die speziell an der rumänischen Gesellschaft Anstoß nimmt, aber universell gültig ist und trotz oder gerade wegen der heiteren Herangehensweise im Kopf bleibt. (ck) -> Ausführliche Kritik

3. „Ich bin dein Mensch“ – 82.7

Maria Schrader etabliert sich mit „Ich bin dein Mensch“ als eine der besten aktuell arbeitenden deutschen Regisseurinnen. Fast klischeefrei behandelt sie die Beziehung von Roboter und Mensch und geht dabei ohne sentimental zu werden auf die wirklich wichtigen Fragen des Lebens ein. Ein hervorragender Dan Stevens, die hintergründigen und subtilen Dialoge, innovative Szenen und vor allem der erfrischende Humor machen den Film zu einem Highlight. (mo) -> Ausführliche Kritik

© Christine Fenzl

2. „Ema“ – 85

Pablo Larraíns prismatische Erzählung lässt die Herzen von Cineasten im Takt der Musik höher schlagen. „Ema“ ist kein einfaches Kino, folgt keinem strengem Narrativ und vermittelt viele Inhalte lediglich durch Visualisierung und Akustik. Wer allerdings willens ist sich vollends darauf einzulassen, erlebt einen wahren Rausch, wird Zeuge ungezähmter Filmkunst und verfällt diesem betörenden Erlebnis schneller, als der Junge mit der Trommel sich zu drehen im Stande ist. (cb) -> Ausführliche Kritik

1. „First Cow“ – 89.5

„First Cow“ ist ein sensibler, subtiler, zurückgenommener Anti-Western, nicht unähnlich P.T. Andersons Meisterwerk „There will be blood“, wenngleich in seiner Dimension „kleiner“, der die Entstehung der US-Gesellschaft um 1900 rekonstruiert, aber vor Allem von Freundschaft erzählt. Unprätentiös und unamerikanisch beleuchtet die Regisseurin die Geburtsstunde des „American Dream“, der schon damals ein Heilsversprechen auf wackeligen Beinen war, alles getragen von herausragenden Schauspielerleistungen (John Magaro, Orion Lee). Ein Film der leisen (Zwischen-)Töne, der nachwirkt, in seiner Machart herrlich altmodisch und anachronistisch. (ck) -> Kritik

© Allyson Riggs/A24