Die Oscar-Verleihung am Sonntag sorgte für ordentliche Schlagzeilen, über die Preisträger und Siegerfilme wurde dabei bekanntlich aber kaum gesprochen. So ging in der allgemeinen Watschenstimmung auch unter, dass Jessica Chastain als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde. Für ihre Leistung in dem Dramödien-Biopic „The Eyes of Tammy Faye“, das in unseren Breiten seit kurzem auf Disney + zu sehen ist.

von Christian Klosz

Chastain mimt dort die vor allem in den USA bekannte Fernsehpredigerin Tammy Faye Bakker, Andew Garfield spielt ihren Ehemann Jim Bakker. Die beiden heiraten in den 1960ern nach kurzer Kennenlernphase und der Erkenntnis, dass man einen ähnlichen Zugang zu Gott teilt: Dieser möchte, dass es den Menschen auf Erden gut geht und sie ihr Leben genießen, und besonders will er das für Tammy und Jim. Von kleinen lokalen Auftritten geht es schnell zu einem bekannten Bibelsender, wo das Prediger-Pärchen eine Show bekommt. Und schließlich einen eigenen Sender. Während Jim in seiner Arbeit aufgeht und immer megalomanischere Pläne entwirft, um Glauben zu Geld zu machen, beginnt sich Tammy langsam zu langweilen – und einsam zu fühlen. „The Eyes of Tammy Faye“ begleitet das exzentrische Ehepaar von seinen Anfängen über den Höhepunkt der Karriere, wo täglich bis zu 20 Millionen Menschen ihre TV-Shows sahen, bis hin zum Fall, insbesondere den Jims, dem Korruption beim Umgang mit Spendengeldern angelastet wird.

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Es ist ein durchwachsener Film, den Regisseur Michael Showalter hier vorlegt. Zweifelsohne sind die beiden Hauptfiguren extrem interessante Charaktere, die eine nähere Betrachtung mehr als verdienen. Und als Geschichte von Aufstieg und Fall, von Geld, Besitz, Materialismus und Religion (als Massenkonsum) reiht sich „The Eyes of Tammy Faye“ in eine bestimmte US-amerikanische Erzähltradition ein. Unterhaltungswert kann man dem Film auch nicht absprechen. Er krankt aber vor allem an seiner Ziellosigkeit und Untenschiedenheit, was er denn eigentlich sein will: In Momenten erinnert das Werk an überzeichnete Grotesken wie Martin Scorseses „Wolf of Wall Street“, in anderen an klassische Biopics, die das Leben bekannter Persönlichkeiten herunterleiern. Und dann doch wieder an die aktuellen woke-baits Hollywoods, indem Tammy Fayes Einsatz für Homosexuelle besonders herausgestrichen wird.

So wirklich zusammenpassen tut all das nicht, vor allem ist das Endergebnis zu brav und bieder, um vollends zu überzeugen: Für eine exzentrische Satire fehlen die Ecken und Kanten, für einen Biopic-Klassiker die erzählerische Qualität, und wirklicher „Agenda-Film“ ist „The Eyes of Tammy Faye“ dann doch auch keiner.

Dennoch: Der Film hat seine Qualitäten. Das liegt in erster Linie daran, dass auf vielen Ebenen recht solide gearbeitet wurde: Die Ausstattung ist ansehnlich, der Soundtrack nett und hörenswert, die Inszenierung stimmig und auch der Plot – abgesehen von Schwächen im Mittelteil – gerade zum Ende hin ordentlich erzählt.

Nun muss man auch die Darsteller(leistungen) in den Fokus nehmen, denn „The Eyes of Tammy Faye“ ist ein figurengetriebenes Drama. Da paaren sich einige durchschnittliche Leistungen mit wirklich sehenswerten, und das vor allem in den Nebenrollen: Das stille „Herz“ der Geschichte ist Fredric Lehne als Tammy Fayes Stiefvater, extrem überzeugend agiert Vincent D’Onofrio als mächtiger Prediger Jerry Falwell.

Schließlich zu Adrew Garfield und Jessica Chastain, den Darstellern der beiden Hauptfiguren: Verstörend ist deren teilweise stark überzogenes Make-Up (bei beiden wurden die Backenpartien irgendwie „aufgeblasen“, was sehr seltsam wirkt, wenn man ihre „normalen“ Gesichter kennt). Die Lobpreisungen und Awards in dieser Sparte sind doch nicht ganz nachvollziehbar. Garfields Darstellung von Jim Bakker gipfelt in einem äußerst seltsamen Charakter, den man nicht unbedingt hassen will, aber ihn zu mögen fällt auch schwer, dafür bleibt er zu unnah- und ungreifbar. Chastain liefert als Tammy Faye bestimmt eine gute Leistung ab, aber auch hier hat man manchmal den Eindruck, dass schrille (Make-Up-) Effekte und die Exzentrik ihrer Figur die tatsächliche Schauspielleistung überlagern. Für einige Award-Jurys hat das offenbar trotzdem gereicht. Zumindest legt sie dann ein denkwürdiges Finale hin, bei dem sie mit einer hörenswerten Gesangseinlage punkten kann und es zum ersten Mal im ganzen Film schafft, das Publikum auch wirklich emotional zu berühren.

Fazit

Alles in allem ein solides Biopic mit Stärken und Schwächen: Die Geschichte von Tammy Faye und Jim Bakker wird ansehnlich erzählt und dargestellt, mancherorts hätte man sich seitens der Macher aber mehr Mut, Esprit und Entschlossenheit gewünscht.

Bewertung

Bewertung: 7 von 10.

(74/100)

Bilder: (c) Disney / Searchlight Pictures

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