Eines muss man Regisseur Jordan Peele lassen: In dem was er tut, ist er bisher absolut konsequent. Nicht nur, dass er nach seinem umjubelten Debüt mit „Wir“ einen weiteren, nennen wir es mal eigensinnigen Film veröffentlichte und der breiten Masse bewusst vor den Kopf stieß, nein: auch an seinem Vorhaben „keine weißen Schauspieler in den Hauptrollen zu besetzen“ hält er beharrlich fest. Die Aussage, die ihm 2019 viel Kritik einbrachte, hat Bestand, und so begegnet uns in „Nope“ abermals Daniel Kaluuya, der einst schon in „Get Out“ Dreh- und Angelpunkt der Geschehnisse war.

von Cliff Lina

Nach dem tragischen und mitunter mysteriösen Ableben seines Vaters ist er es, der das Treiben der „Hollywood Haywood Horses“ am Leben erhalten muss. Die Farm, die sich auf das Training von Pferden für Film- und Fernsehauftritte spezialisiert hat, leidet unter wachsender Konkurrenz und schrumpfendem Kapital. Als sich jedoch plötzlich unerklärliche Ereignisse rund um das Terrain häufen, kommt Otis Junior (Kaluuya) und seiner Schwester Emerald (aufdringlich gespielt von Keke Palmer) eine Idee: sie wollen den „money shot“ landen, das Unmögliche möglich machen, die Sensationsgier der Massen stillen und sich, nicht ganz uneigennützig, aus der finanziellen Misere befreien.

Die Charaktere könnten dabei nicht unterschiedlicher sein. Kaluuya als in Lethargie verfallener Nostalgiker, der der Vergangenheit nachtrauert und mit traurig leeren Augen in die Luft starrt, stets darum bemüht das Erarbeitete zu erhalten. Palmer dagegen agiert als kontrastreicher Gegenpol, läuft hektisch durch die Szenerie, tanzt und lässt sich auf Anhieb für die Gegenwart begeistern – unabhängig von vergangenen Tagen und auf eine bessere Zukunft hoffend. Beide Protagonisten lassen sich dabei auf ihre Weise nachfühlen, ebenso wie die Differenzen, die zwangsläufig zwischen ihnen entstehen. Doch all das rückt im Fortlauf in den Hintergrund, nämlich genau dann wenn auch die Zuschauerschaft am Haken hängt und mehr wissen will. Was hat es mit der ominösen Wolke auf sich, die bewegungslos über der Farm schwebt? Sind es wirklich Außerirdische, die es auf die Population abgesehen haben? Und wenn ja, was ist das Begehr der nicht irdischen Lebensform? All diesen Fragen gehen auch Otis und seine Schwester nach, unterstützt von immer mehr Interessierten, die dem Spektakel beiwohnen wollen.

Wer Peele kennt, weiß, dass diese Entwicklung kein Zufall ist. Mit seinen bisherigen Filmen hat er das Publikum bereits soweit konditioniert, dass automatisch jedes Bild genau betrachtet wird um etwaige Puzzleteile zu erspähen. Die visuelle Komponente hat selbstredend auch wieder allerhand Detailreichtum und Strahlkraft, Hoyte van Hoytema sei Dank. Groß aufgezogene Kamerfahrten erzeugen ein Gefühl von Rastlosigkeit, die darin agierenden Figuren wirken unwichtig, beinahe unwirklich. Doch „Nope“ hat ein klar zu benennendes Problem: konnte der Regisseur seine Meta-Ebene besonders in „Wir“ noch gekonnt verstecken, schreit einem die Handlung die Motive jetzt auf einmal nur so ins Gesicht. Damit erleidert Peele ein ähnliches Schicksal wie Robert Eggers, der sich mit „The Northman“ auch zum ersten Mal einem stattlichen Budget gegenübersah und sich offenbar unterbewusst dazu genötigt fühlte einen Zugang zu öffnen, dem auch unerfahrenes Publikum folgen kann. In Anbetracht der vorrangig im Marketing beworbenen Schlagzeile „Es ist nicht das, was du denkst“, überrascht „Nope“ mit einer fast schon simplen Erzählweise, die zwar viele Themen beinhaltet, diese jedoch lediglich mit der Holzhammer-Methode in die Hirnwindungen zimmert. Vom Himmel fallende, tödliche Münzen als Instrument zur Kapitalismus-Kritik? Jordan, dein Ernst? Das kann der US-Amerikaner nachweislich besser. Doch auch insgesamt strotz das Werk nur so vor plumper Zurschaustellung, die sich ebenso wenig erklären lässt wie die Phänomene im Film.

Dabei macht „Nope“ vor nichts und niemandem Halt. Ruhmorientierte Medien bekommen genauso ihr Fett weg wie die andere Seite der Medaille: das sensationsgeile Publikum, das sich immer schwerer befriedigen lässt. Dass Peele versucht genau dieses mit seinem Film zu füttern ist ein interessanter Kniff. „Nope“ geht dafür zwei Schritte in die richtige Richtung, nur um einige Szenen später drei Schritte zurück zu sprinten. Am offensichtlichsten wird diese Mutlosigkeit beim Oberthema der Erzählung: dem Verhältnis zwischen Mensch und Tier. Einst von der Natur auf einer Ebene verortet, erwies sich die Koexistenz schnell als trügerisch. Der Mensch zähmte die Alphabestie, unterwarf sie und funktionierte sie kurzerhand zur Nahrungsquelle oder Quell des Amüsements um. Ein Umstand, den Peele kritisch beleuchtet und zaghaft weiterspinnt. Mal im reduzierten Zusammenspiel zwischen Kaluuya und den Pferden auf der Ranch, mal offensiv im Blutrausch eines dressierten TV-Affen, der selbst im Angesicht der blanken Wut ein Mindestmaß an Feingefühl wahrt. Ein Feingefühl, das die menschliche Rasse oft vermissen lässt. Es wäre müßig darüber zu diskutieren ob der Mensch nun das wahre Tier ist, aber Peele öffnet das Thema und lässt es unheilvoll über der Szenerie schweben – ohne ein Fazit zu ziehen. Ohne einen Lösungsansatz aufzuzeigen. Das kann für interne Divergenz sorgen, im Falle von „Nope“ wirkt es aber schlicht halbgar. Ein Adjektiv, das den Film am ehesten beschreiben kann. Das Einzige, was hier wirklich überrascht, ist der Irrglaube, dass man bereits Gezeigtes im Finale noch acht Mal wiederholen kann ohne gähnende Langeweile zu erzeugen. Je länger man über den Film nachdenkt, umso mehr Qualität büßt er leider ein.

Fazit

Wer sich die Frage stellt ob Jordan Peele mit seinem dritten Film an die Qualität der Erstlingswerke anknüpfen kann, muss den Titel leider wörtlich nehmen. „Nope“ ist nur halb so subtil wie er gerne sein möchte und auch nicht ansatzweise so überraschend, wie das Marketing suggeriert. Die Botschaft verliert sich in zu viel Subtext, sodass der wilde Ritt durch die Genres unrund anmutet. Eine Schwäche, die die kreative Aufbereitung letztlich nicht mehr eingefangen bekommt, sodass Peele sich ordentlich vergaloppiert und vor lauter thematischen Ansätzen dieses Mal vom Sattel fällt. So sehr man den Mut des Regisseurs auch loben möchte.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(58/100)

Bilder: ©Universal Pictures