„Krank oder genial?“ – Diese Frage stellt sich der norwegische Film von Henrik Martin Dahlsbakken in Bezug auf den Maler Edvard Munch. Statt eines herkömmlichen Biopics entscheidet sich der Regisseur für eine Kollage aus historischem Drama und moderner Neuinterpretation, wobei wie verschiedenen Lebensabschnitte des Titelhelden nicht chronologisch, sondern praktisch „parallel“ betrachtet werden. Ein interessanter Blick auf jenen Künstler, der für einen ganz besonderen „Schrei“ bekannt ist.

Von Natascha Jurácsik

Beginnend mit dem Versuch des Deutschen Reiches, die Gemälde des alternden Edvard Munch an sich zu reißen, skizziert die Handlung von „Munch“ das Leben des missverstandenen Malers in antichronologischer Reihenfolge und fokussiert sich dabei jeweils auf ein besonders prägendes Erlebnis wie die erste Jugendliebe und ein späterer Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt.

Jeder Zeitstrang wird mit seiner eigenen Ästhetik versehen, wodurch optisch ganz auf die einzelnen Phasen eingegangen wird, was ihre Rolle im Werdegang Munchs unterstreicht und dem Publikum die Möglichkeit gibt, voll und ganz in die Psyche des Protagonisten einzutauchen. Die dramatische, doch inspirierende erste Liebe ist getränkt in weiche Pastelltöne, der mentale Zusammenbruch eingekesselt in ein Seitenverhältnis von 1:1 und in monochronem schwarz-weiß, die letzten Tage während des Zweiten Weltkrieges nehmen die ausgewaschenen Farbtöne typischer melancholischer Kriegsfilme an und eine fiktive Neuinterpretation Munchs als erfolgloser Künstler im Berlin der heutigen Zeit gibt die Atmosphäre eines deutschen Indie-Films wieder. Somit passen sich die Visuals dem jeweiligen Handlungsstrang an und wirken auf verschiedene Art malerisch.

Die Kamera führt diesen Gedanken weiter und passt sich der Stimmung einzelner Szenen an. Sowohl intime Nahaufnahmen als auch sanfte Schwenke über Landschaft und andere Figuren hinweg fangen die Melancholie und Einsamkeit, die Munch bis an sein Lebensende begleiteten, geschickt ein, ohne ihn jedoch zu einer tragischen Figur zu reduzieren. Als verkanntes Genie zeigt er sich zwar als „gequälte Seele“, steht aber auch bedingungslos zu seiner Kunst und hinterfragt sein Ausdrucksvermögen kein einziges Mal.

In dieser Komplexität der Darstellung des Malers – welche jedem der vier unterschiedlichen Schauspieler äußerst gelungen ist – steckt auch der wahre Kern der Geschichte: Nämlich der Konflikt zwischen Kunst und ihrem Wert. Wenn Kunst ein kreativer Ausdruck des Innersten eines Individuums ist, kann ihr dann überhaupt ein allgemeingültiger, messbarer Wert zugeschrieben werden? Beziehungsweise sollte ihr das? Und wenn ja, wer bestimmt über mögliche Parameter, die „gute“ und „schlechter“ Kunst unterscheiden? Ohne sich diesen Fragen allzu ausführlich widmen zu wollen geht Dahlsbakkens Projekt dennoch auf sie ein, indem er sie im Kontext der Biographie eines Künstlers stellt, der seine gesamte Karriere von ihnen verfolgt wurde.

Dies vermittelt das Drehbuch von „Munch“ mehr oder minder erfolgreich. Zwar sind die einzelnen Abschnitte mit tadellosen Dialogen und bewegendem Handlungsaufbau ausgestattet, es hapert allerdings am großen Ganzen. Die Sprünge zwischen den Teilen sind an gewissen Punkten zu häufig und ihre Reihenfolge scheint manchmal willkürlich – mit Munch als teils einzigem roten Faden verliert man schnell den Überblick und somit auch das Interesse. Gepaart mit zu vielen aufeinanderfolgenden stillen Momenten bekommt der Film auch Probleme beim Halten der emotionalen Spannung, die er zuvor kunstvoll aufbaut.

Fazit

Biographie mal anders – „Munch“ ist ein riskanter Versuch, ein intimes Biopic und eine beinah avantgardistische Neuinterpretation in einem Film zu verbinden. Zwar stolpert er hier und da ein wenig, da er doch etwas mehr in nicht ganz zwei Stunden unterbringen will, als ratsam wäre, doch durch die interessante Darstellung des Malers und eine abwechslungsreichen Ästhetik lohnt sich ein Blick auf dieses Projekt aus Norwegen dennoch. Seit 14.12. im Kino (Ö).

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

63/100

Bild: (c) Splendid Film