Deutschland scheint derzeit keine echten Probleme zu haben, anders lässt sich nicht erklären, warum gerade 2 in die Jahre gekommene TV-Entertainer die mediale (insbesondere: die „sozial“-mediale) Berichterstattung in den letzten Wochen dominier(t)en: Stefan Raab und Thomas Gottschalk, der eine 58, der andere 74 (heute 59 bzw. 75). Während Gottschalk mit seinem neuen Buch und mitunter missglückten PR-Auftritten und dabei getätigten Aussagen für Wirbel sorgte, reichte bei Raab dir Rückkehr ins Rampenlicht, um für hitzige Diskussionen zu sorgen.
von Christian Klosz
Um die beiden Personen und getätigte Aussagen an sich geht es dabei nur an der Oberfläche, Raab und Gottschalk wurden vielmehr zur Projektionsfläche für gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen. Mit etwas Wehmut erinnert man sich an Zeiten, als der eine, Raab, als „Emporkömmling“ auf der „Wetten, dass…?“-Couch des anderen, Gottschalks, Platz nahm und mit seiner Ukulele zwischen zwei Klitschko-Brüdern für Lacher sorgte, während der etablierte Gottschalk schon mal die Nase ob Raabs ungestümer und respektloser Anarcho-Comedy rümpfte.
Heute werden beide im erhitzten Dauerdiskurs von manchen auf derselben Seite verortet, die sich scheinbar allein durch ihr fortgeschrittenes Alter und ihr Geschlecht ergibt. Dabei ist nicht nur dieses Label Schwachsinn, sondern auch die Gleichsetzung von Raab und Gottschalk. Die unreflektierten Gleichsetzer haben vermutlich noch nie eine Show der beiden gesehen, weder eine neue, und schon gar keine alte. Denn außer der Berufsbezeichnung „TV-Entertainer“ verbindet Raab und Gottschalk kaum etwas, zu unterschiedlich ist ihr Zugang zur Kunst der Unterhaltung.
Während sich Gottschalk nun vorwerfen lassen muss, und teilweise zurecht, sich mit manchen Aussagen im Zuge seiner Buchveröffentlichung selbst in die Nesseln gesetzt zu haben (vielleicht war es aber auch nur Berechnung aus PR-Zweck?), von sich aus politische Themen adressiert und entsprechende Diskussionen evoziert zu haben, ist von Raab nichts dergleichen bekannt. Sein Wirken war und ist vor allem eines: Unpolitisch.
Thomas Gottschalk leidet an Brain Fog
Seit einigen Wochen (Stand Herbst 2024) ist Raab mit seiner neuen Show „Du gewinnst hier nicht die Million“ bei RTL+ zu sehen, eine Mischung aus TV Total und Schlag den Raab. Viele fragten nach dem Motiv seiner Rückkehr auf den Bildschirm, Geld ist es ganz sicher nicht, immerhin hatte Raab in den letzten Jahren stets als Produzent seine Finger im Spiel. Für den wahren Grund muss man zwischen den Zeilen lesen bzw. hören: Bei der Ankündigung der Show-Rückkehr meinte Raab, er hätte eben ein gutes Angebot von RTL bekommen, die die darin garantierte völlige kreative Freiheit wird ein großer Faktor gewesen sein. Und: Er werde ja auch nicht mehr jünger und müsse sich irgendwie selbst unterhalten.
Und so wirkt es auch: Dass es Raab eher egal ist, wie erfolgreich seine Show letztendlich ist, der 5-Jahres-Deal mit RTL ist eh unter Dach und Fach, dass es ihm in erster Linie um etwas Selbstbelustigung im Lebensherbst geht. Die Selbsteinschätzung Raabs, dass sein Talent immer noch reicht, auch 9 Jahre nach dem Rücktritt zu reüssieren, war nun auch wenig kühn, denn wirklich weiterentwickelt hat sich das deutsche Fernsehen in der Zeit nicht.
Wenn man sich die Social Media-Kommentare zu Raabs Rückkehr genauer durchliest, merkt man auch, dass sich seine Person kaum für die von vielen betriebene Polarisierung zwischen verklärt-nostalgisch-reaktionär und plakativ-progressiv-woke eignet: Dafür war und ist Raab – wie bereits gesagt – einfach zu unpolitisch. Und im Gegensatz zu Gottschalk nimmt er auch keine aktive Position in dieser Auseinandersetzung ein und hat kein Interesse daran.
Wieder muss man zwischen den Zeilen lesen: In einer seiner ersten Shows meinte Raab sinngemäß, dass er wieder etwas Ecken und Kanten in die TV-Unterhaltung zurückbringen möchte, da in den letzten Jahren alles so „glattgebügelt“ geworden sei. Womit er nicht unrecht hat. Das ist wenn, dann ein Eintreten für seinen gewohnten und respektlosen Anarcho-Humor, dem man schon aufgrund seiner grundsätzlichen Ausrichtung kein reaktionäres oder konservatives Motiv unterstellen kann. Natürlich ist es nicht mehr das, was gerade „in“ ist und in den letzten Jahren an Humor populär war, sofern man dabei von Humor sprechen konnte. Aber ist es deshalb schlecht?
Nein. Darf man es noch lustig finden? Ja! Muss man es lustig finden? Nein. Denn wie schon immer spaltet Raab auch nach seinem Comeback die Gemüter, manche finden ihn zum Schreien komisch, andere ertragen ihn überhaupt nicht. Und das ist auch OK so.
„Du gewinnst hier nicht die Million“ | TV-Kritik
In den bisherigen Ausgaben von „Du gewinnst hier nicht die Million“ war nicht im Ansatz irgendetwas zu sehen oder zu hören, das wirklich „problematisch“ gewesen wäre, Grenzen des Anstandes oder der Moral überschritten hätte. Oder das reaktionäre Narrativ der ewiggestrigen Hirnlos-Nostalgiker bedient hätte. Raabs Sendung ist old school, aber es sollte auch die Frage erlaubt sein, ob TV-Unterhaltung vor 10, 20 Jahren vielleicht doch besser gemacht wurde als heute. Früher war nicht alles gut. Aber eben auch nichts alles schlecht.
Der Blick sollte also auf das gelenkt werden, das sich objektiv beurteilen lässt, nämlich die eigentliche Qualität der Show: Sie ist kein „großer Wurf“, auch kein fulminantes Comeback, aber handwerklich gut gemachte Fernseh-Unterhaltung, die man sich zum Abschalten und zur Zerstreuung gut und gerne einmal pro Woche gönnen kann. In einer chaotischen, krisenhaften Welt ist das nicht nur erlaubt, sondern vielleicht sogar sinnvoll. Es gibt genug drängende Themen, die mit aller Ernsthaftigkeit und auch hitzig diskutiert werden sollen und müssen. Die Frage, ob man Stefan Raab noch lustig finden darf, ist keines davon.
(Info: Dieser Artikel erschien im Herbst 2024 kurz nach dem Comeback Stefan Raabs.)
Bild: (c) RTL / Raab Entertainment / Julia Feldhagen

Ein herrlich unaufgeregter, sachlicher und nüchterner Kommentar. Schönes Gegengift zu den hiesigen, polarisierten Kommentarspalten. Danke dafür.
Vielen Dank für das herrlich unaufgeregte, sachliche und nüchterne Feedback 🙂