In den 1980er Jahren galt Kowloon, auch genannt „Walled City“, in Hongkong als gesetzlose Enklave, kontrolliert von Banden, Schmugglern und der Mafia. Glücksspiel und Prostitution florierten in dieser Halbwelt, in der andere Regeln galten als in der normalen Gesellschaft. Der Regisseur Soi Cheang lässt die Walled City in „City of Darkness“ (OT: „Twilight of the Warriors: Walled In“) wieder auferstehen. Ob die Übung gelingt, verrät unsere Kritik zum Kinostart.

von Christian Klosz

(Über-)Leben in der Betonwüste: „City of Darkness“ als Hongkong-Action-Hommage

Der illegale Einwanderer Chan Lok-kwun aus China landet in Kawloon, wo er sich vor Mr. Big, dem Boss der Triaden, versteckt, dem er Drogen entwendet hat. Er schläft auf Dächern, isst, was er findet, überlebt gerade so. Schließlich landet er bei bei Cyclone, dem Anführer der Citadel, der sich seiner annimmt, ihm Schlafplatz und Schutz bietet.

Chan freundet sich mit anderen Ausgestoßenen an, fühlt sich das erste mal in seinem Leben zugehörig und „zuhause“, er, der in einem Waisenhaus ohne Eltern aufgewachsen war. Gemeinsam mit seinen Freunden stellt er sich schließlich einem Angriff der Bande von Mr. Big entgegen, um sein neues Zuhause zu verteidigen.

Kowloon oder „Walled City“ in Hongkong war Ende der 1980er das dichtest besiedelte Gebiet der Erde: Die Enklave am Stadtrand unterstand keiner formalen Jurisdiktion, die Briten, die als Kolonialmacht damals Hongkong noch verwalteten, wollten damit nichts zu tun haben, die Chinesen ebenso wenig. So wurde Kowloon zum Zufluchtsort für Kriminelle, chinesische Flüchtlinge und all jene, sie sonst nirgendwo ein Zuhause fanden. Inzwischen wurde die „Walled City“ abgerissen, man kann sie nur noch auf alten Aufnahmen sehen.

Der Hongkonger Filmemacher Soi Cheang macht die „Walled City“ zum Protagonisten seines Retro-Hongkong-Action-Martial Arts-Films „City of Darkness„. Cheang hatte sich in den letzten Jahren auch im Westen einen Namen gemacht, „Limbo“, eine düstere Gewaltparabel in Schwarz-Weiß, lief etwa im Rahmen der Berlinale 2021. Sein neues Werk war in seiner Heimat ein riesiger Hit, der zweiterfolgreichste Film aller Zeiten.

Ein maßgeblicher Faktor dafür dürfte die Auswahl des Schauplatzes der Handlung sein, denn Kowloon City ist tatsächlich eine faszinierende Angelegenheit: In „City of Darkness“ wird diese dicht besiedelte, düstere Stadt der Schatten detailgetreu wieder zum Leben erweckt. Das Leben in der Walled City ist ein Leben in kaputten, klaustrophobischen Betonwüsten, zwischen nie enden wollenden Mauern, gefühlt ohne Ein- und Ausgang. Ein Mikrokosmus, eine geschlossene Halbwelt mit eigenen Regeln und Gesetzen.

Cheang dürfte die filmische Rekonstruktion ganzer Subkulturen und Lebenswelten Freude machen, ähnlich war er bereits in „Limbo“ vorgegangen. Aber auch ähnlich wie dort dominiert in „City of Darkness“ Stil über Substanz, vergisst der Regisseur bei seinem Fokus auf die attraktive Oberfläche auf Inhalt und Emotion. So fühlt sich der gut 2-stündige Film irgendwie seltsam leer an und kann das Publikum nie wirklich abholen, da er einen recht unbeteiligt zurücklässt.

Für Martial Arts- und Action-Fans oder Freunde des Hongkonger Films allgemein gibt es trotzdem einiges zu sehen: „City of Darkness“ ist auch eine Hommage an filmische Vorbilder und insbesondere das Hongkong-Actionkino der 1980er, die Kampfszenen sind temporeich und gekonnt inszeniert. Und bieten auch und gerade aufgrund des ungewöhnlichen Settings beträchtliche Schauwerte. Den Mangel an Substanz und inhaltlicher Tiefe können sie aber auch nicht wettmachen. Und so bleibt bei aller Begeisterung über Ästhetik und Action ein schaler Beigeschmack.

Fazit

Angepriesen als „Actionfilm des Jahres“ bietet „City of Darkness“ – neben der detaillierten Rekonstruktion einer vergessenen Welt – zwar beachtliche Schauwerte und Kampfszenen, kann aber gerade inhaltlich nicht wirklich überzeugen. Solide, für Martial Arts-Fans ein Geheimtipp, für alle anderen eher verzichtbar.

Bewertung

Bewertung: 6 von 10.

(63/100)

Ab. 28.11. im Kino (D)

Leseempfehlung:

-> Ultrabrutaler Cop-Thriller: „Limbo“ | Kritik

Bild: © PLAION PICTURES