„Die Nacht des Jägers“ (OT: „The Night of the Hunter“) aus dem Jahr 1955 ist ein faszinierendes Meisterwerk, das es verdient, wiederentdeckt zu werden. Charles Laughtons einzige Regiearbeit, basierend auf dem Roman von Davis Grubb, verbindet virtuos Elemente aus Film Noir, deutschem Expressionismus und Märchen zu einer zeitlosen Geschichte über den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse.
von Christian Oehmigen
Zwischen Licht und Schatten
Im Zentrum dieser packenden Erzählung stehen die Kinder John und Pearl Harper. Ihr Vater Ben vertraut vor seiner Hinrichtung das Versteck einer großen Geldsumme seinem Sohn John an. Nach dem Tod des Vaters tritt der so charismatische wie psychopathische Wanderprediger Harry Powell (brillant gespielt von Robert Mitchum) in das Leben der Familie. Powell, der im Gefängnis von dem versteckten Geld erfahren hat, schleicht sich ein und heiratet die Mutter der Kinder, Willa (Shelly Winters). Während die Gemeinde seinem Charme erliegt, spürt einzig John die dunkle Natur des falschen Propheten.
Mitchum erschuf mit Harry Powell eine seiner eindringlichsten Figuren. Die berühmten Tätowierungen ‚LOVE‘ und ‚HATE‘ auf seinen Fingern symbolisieren seine gespaltene Natur – nach außen der fromme Prediger, im Innern ein berechnender Killer. Seine unheimliche Präsenz wird verstärkt durch seine markante, tiefe Stimme und seine schönen, aber von einem dunklen Unterton durchzogenen Predigerlieder. Diese Kombination macht ihn zu einem der faszinierendsten und bedrohlichsten Bösewichte der Filmgeschichte.

Die Flussfahrt der Kinder bei ihrer Flucht vor Powell ist eine besonders poetische Sequenz. Begleitet von Walter Schuhmanns eindringlichem Score gleiten John und Pearl durch eine nächtliche Märchenlandschaft – ein surrealer Moment, der die Unschuld der Kinder der lauernden Gefahr gegenüberstellt.
Stanley Cortez‘ Kameraarbeit ist ein visuelles Fest. Unvergesslich bleibt die Szene, in der Powell als schwarze Silhouette am nächtlichen Horizont erscheint – ein Bild von zeitloser Eindringlichkeit, das unzählige Filmemacher inspiriert hat. Laughton wiederum ließ sich von D.W. Griffiths Stummfilmen inspirieren und schuf einen einzigartigen visuellen Stil, der auch Einflüsse aus „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und den Universal-Horrorfilmen aufgreift.
Trotz seiner überragenden filmischen Qualitäten blieb „Die Nacht des Jägers“ bei seiner Veröffentlichung 1955 der Erfolg verwehrt. Das illustriert, wie sehr der Film seiner Zeit voraus war – denn heute gilt er als einer der bedeutendsten und einflussreichsten amerikanischen Filme überhaupt.
Der Film hat zahlreiche renommierte Regisseure beeinflusst. Martin Scorsese, Terrence Malick und die Coen-Brüder haben alle ihre Bewunderung für dieses Meisterwerk zum Ausdruck gebracht und Elemente in ihre eigenen Werke einfließen lassen. Die eindringliche Bildsprache und die Vermischung von Realismus und Albtraum haben Spuren in Filmen wie ‚Kap der Angst‚, „Badlands“ und ‚No Country for Old Men‘ hinterlassen. Das renommierte französische Filmmagazin ‚Cahiers du Cinéma‘ setzte „Die Nacht des Jägers“ 2007 auf ihrer Liste der schönsten Filme aller Zeiten auf Platz 2, direkt hinter ‚Citizen Kane‘ – eine Anerkennung, die die anhaltende Relevanz und Qualität unterstreicht.
Filme wie „Die Nacht des Jägers“ sind heute selten geworden und verdienen es daher umso mehr, wiederentdeckt zu werden. Sie sind eigenwillig und funktionieren dennoch, oder genau deswegen. Es mag Charles Laughtons einziges Regiewerk sein, doch das hinterließ einen tiefen Abdruck in der Filmhistorie. Ein Beispiel dafür, wie zeitlos große (Film-)Kunst sein kann und wie viel wir auch heute noch von den Meistern der Vergangenheit lernen können.
Für Filmliebhaber und alle, die sich für die Geschichte des Kinos interessieren, ist „Die Nacht des Jägers“ ein absolutes Muss. Der Film kann aktuell bei Amazon zum Streamen ausgeliehen oder gekauft werden (als VOD). Wer tiefer eintauchen möchte, dem sei die Blu-ray von Criterion Collection empfohlen, die auch die faszinierende Dokumentation „Charles Laughton Directs“ über die Entstehung des Films enthält.
Was hat es mit der Reihe Vor-Bilder auf sich?
Bildercredits: public domain (Titelbild); imgbin / walterharper (Textbild)
