Ein südkoreanischer Horror-Geheimtipp erscheint am 27.2. endlich auch bei uns auf Blu-Ray, DVD, als Mediabook und VOD. Das Interessante dabei: Der Film kam bereits 2018 heraus und hat sowohl in Südkorea als auch in den USA für Furore gesorgt. Da fragt man sich schon, warum es fast 6 Jahre gedauert hat, bis auch das deutschsprachige Publikum in den Genuss kommt. Lohnenswert ist er allemal.
von Christian Oehmigen
Eine Gruppe junger Leute plant, in der berühmt-berüchtigten Anstalt Gonjiam einen Livestream durchzuführen. Sie wollen dort eine ganze Nacht die Vorkommnisse untersuchen, mit dem Ziel, 1 Million Zuschauer zu erreichen und damit das große Geld zu verdienen. Ausgangspunkt der Idee war ein Video von zwei Jugendlichen, die ebenfalls in Gonjiam gedreht haben und seitdem verschwunden sind.
Gonjiam ist eine psychiatrische Anstalt, und der Legende nach soll die Direktorin alle ihre Patienten getötet und sich am Schluss selbst umgebracht haben – ein von den Geistern der Insassen verfluchter Ort. Ha-Joon, der Besitzer des YouTube-Kanals „Horror Times“, wittert die große Story und trommelt also eine Crew von sechs jungen Leuten zusammen. Alle ausgestattet mit einer Pro-Cam sollen sie Punkt Mitternacht aus der Anstalt streamen. Nach und nach wird klar, dass es hier wirklich nicht mit rechten Dingen zugeht. Angetrieben von Ha-Joons Gier nach mehr Klicks wird die Situation für die Protagonisten immer bedrohlicher.
Um es vorwegzunehmen: Gonjiam existiert tatsächlich. Die Anstalt wurde 1995 geschlossen, wobei die Gründe weitaus profaner sind als die Legende, die mal wieder größer ist als die Wahrheit. Trotzdem wird Gonjiam als verflucht angesehen, auch dank eines CNN-Artikels, der den Ort als einen der „10 of the freakiest places around the world“ bezeichnet hat.
„Gonjiam – Haunted Asylum“ ist auf den ersten Blick ein typischer Found-Footage-Film. Regisseur Jung-Bum-Shik wollte jedoch etwas Neues aus dem ausgetretenen Genre machen und entwickelte daraus einen „Stream-Footage-Film“ – ein durchaus zeitgemäßes Update. Das Livestream-Element verleiht dem Film eine moderne Note und spricht die heutige Obsession mit digitaler Aufmerksamkeit an. Es macht „Gonjiam“ zu einem Found-Footage-Film, der nicht nur modern wirkt, sondern auch ein Stück Medienkritik transportiert.
Der Regisseur bestand darauf, dass die Darsteller sich gleichzeitig selbst filmen. So liefen mitunter 19 Kameras simultan, was auch die lange Post-Production von 14 Monaten erklärt. Der Film ist durchaus innovativ, wobei die Charakterzeichnung wie so oft bei dieser Art von Filmen zu kurz kommt. Wir erfahren fast nichts über die Charaktere, außer die Motive von „Horror Times“-Host Ha-Joon. Die sind auch der Anker der erwähnten Medien- und Sozialkritik, da er es nicht zulässt, dass der Livestream abgebrochen wird – auch wenn sich einige im Team bereits unwohl fühlen und in brenzlige Situationen geraten. Es soll halt die Million Klicks erreicht werden – um jeden Preis.
So innovativ „Gonjiam – Hauntes Asylum“ auch sein möchte, zu Beginn fühlt man sich sehr an „Blair Witch Project“ erinnert. Möglicherweise ist dies als Hommage zu verstehen. Was den Film aber auf jeden Fall auszeichnet und wovon er definitiv lebt, ist die bedrückende Atmosphäre innerhalb der Anstalt. Hier wurde ganze Arbeit geleistet, besonders was die Ausstattung angeht. Die Unbehaglichkeit wird mit jedem Schritt ins Innere der Psychiatrie spürbarer. Der Aufbau ist langsam: Da geht eine Tür laut zu, eine Puppe, die man auf dem Boden gesehen hat, befindet sich ein paar Minuten später auf einem Regal wieder.

Anfangs lässt sich alles noch rational erklären und Gruselfans müssen sich etwas gedulden. Im letzten Drittel dreht der Film dann richtig auf. Es gibt einige sehr ikonische Szenen, die sich durchaus mit einem „Ringu“ messen können. Die Jumpscares sind wohldosiert, und auch wenn es alptraumhafte Szenen gibt, hält sich die Brutalität in Grenzen. Schauspielerisch ist die Leistung überzeugend – keiner der Darsteller war vorher bekannt, wobei „Squid Game“-Fans Wi Ha-Joon (der den YouTuber Ha-Joon spielt) hier in seiner ersten größeren Rolle sehen können.
Nicht unerwähnt bleiben soll, dass „Gonjiam“ namhafte Fans gefunden hat, wie zum Beispiel Regisseur Mike Flanagan („Doctor Sleep“), der den Film sehr schätzt. Die Blu-ray bietet zudem fast eine Stunde Bonusmaterial, in dem der Regisseur und seine Crew von den Herausforderungen des Drehs berichten.
Fazit
„Gonjiam – Haunted Asylum“ bietet für den Hardcore-Horror-Fan zwar nicht viel Neues, als Found-Footage-Film hat er mit dem Livestream-Element aber einen netten Twist als ein zeitgemäßes Update. Er überzeugt durch seine Atmosphäre und ein grandioses letztes Drittel, das sich in die Köpfe der Zuschauer einbrennt. Auch wegen der letztlich zurückhaltenden Brutalität ist er ein guter Einsteigerfilm in das asiatische und insbesondere koreanische Horrorkino. Definitiv einen Blick wert – das Warten hat sich gelohnt. (Tipp: Auf jeden Fall im Dunkeln schauen, ob allein ist optional.)
Bewertung
(72/100)
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